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Kommentar: Verlust der Verhältnismäßigkeit tritt Engagement der Helfer in den Schmutz

Jetzt gibt es auch in Bad Vilbel die platten Verunglimpfungen, wie wir sie bislang vor allem von der islamfeindlichen Pegida-Bewegung aus Dresden kannten: Mit kleinen, offenbar klammheimlich nachts

Ein Kommentar von Thomas Schwarz und Thomas Kopp

Jetzt gibt es auch in Bad Vilbel die platten Verunglimpfungen, wie wir sie bislang vor allem von der islamfeindlichen Pegida-Bewegung aus Dresden kannten: Mit kleinen, offenbar klammheimlich nachts auf Wahlplakate geklebten Zetteln wird Bürgermeister Stöhr als „Vaterlandsverräter“ bezeichnet, die SPD als „Volksverräter“ und die Grünen als „Pädophilen Partei“.

Auch in Bad Vilbel ist der Ton rauer geworden. Gegen Politiker. Gegen Journalisten. Doch die Art und Weise übersteigt die Verhältnismäßigkeit der Mittel. Sicher kann man Kanzlerin Merkel und ihre Willkommenskultur kritisieren. Man kann sich für Obergrenzen aussprechen, die bisherigen Integrationsbemühungen anzweifeln. Das aber auf demokratischer Basis und nicht mit Schubladendenken.

Klar ist: So unterschiedlich, wie wir Deutschen sind, müssen auch die zu uns geflüchteten Menschen betrachtet werden. Auch dort gibt es Menschen mit krimineller Vergangenheit und Gegenwart, aber auch liebevolle Familienväter und Bürgerrechtler.

Die aktuelle Form der „Sippenhaft“ hatten wir zwischen 1933 und 1945 schon einmal. Deswegen darf man jetzt nicht schweigen. Zumal das stille, aber immense Engagement der Helfer sowie das Bemühen der Politiker, in ihrer Kommune den sozialen Frieden zu erhalten, mit derartigen Aktionen in den Schmutz getreten wird.

Wir müssen uns mit den Skeptikern und Unsicheren auseinandersetzen. Prüfen. Fakten sammeln. Unaufgeregt diskutieren. Ohne den Hetzern die Plattform zu bieten, die sie gerne hätten. Wir haben zum Glück eine stabile Demokratie. Das heißt aber auch Mehrheiten zu finden. Das sind oft Kompromisse – aber allemal besser als platte (und unrealisierbare) Lösungen für Probleme.

Politiker und Medien müssen die Themen verständlich erklären. Sie müssen Menschen wieder für Politik begeistern – durch sachliche Leidenschaft, aber auch als Vorbild. Das heißt für Politiker, sich nicht zu beschimpfen. Und für die Medien, nicht jede Diskussion zum Streit hochzuschreiben. Das könnte ein Beitrag sein, um den Anfängen zu wehren. Dafür müssen wir uns einsetzen – ohne Angst und mit offenem Visier.

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