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Künstlerisch statt wissenschaftlich: Das Dorf mit allen Sinnen

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Beim Gespräch über den Gartenzaun erfahren Gustav Jung und Teilnehmer von Dorfrundgängen Interessantes, wie in Unter-Widdersheim über die Sanierung eines Fachwerkhauses. © Myriam Lenz

Obwohl jeder einzelne Ort in der Wetterau seine Besonderheiten hat, trübt die Gewohnheit oft den Blick für Potenziale. Gustav Jung, Vorsitzender des Denkmalbeirats, hat einen speziellen Ansatz.

Gustav Jung zeichnet gerne. Skizzenbuch und Stift hat er immer greifbar. So auch in Friedberg, als er im Rahmen der Veranstaltung Urban Sketching unterwegs war und seinen Stift übers Papier führte, um ein Gebäude zu skizzieren. Einen Künstler, der in seinem Schaffen und seiner Inspiration vertieft ist, zu stören, kann heikel sein. Doch Jung wartet förmlich darauf. »Das ist das Spannende, wenn man von den Leuten angesprochen wird. Sie bleiben stehen, fragen, ›wissen Sie eigentlich, was das für ein Haus ist, wer dort gewohnt hat?‹.« Die Bürger erzählen von sich aus und wollen wissen, warum er denn zeichnet. »Ich suche den Kontakt zum Ort.« Am leichtesten sei das mit dem Skizzenblock und der Kamera.

Ob Stadt oder Dorf: Der Weg ist gleich

Nicht alle Dialoge sind gleich bereichernd. In Altenstadt hatte ihn mal ein Mann gefragt: »Warum mohle sie den ahle Schrott? Des da gehört abgerissen.« Jung hat dann keine Lust zu diskutieren, zeigt sich gelassen: »Wenn manche das Interessante an diesem Objekt nicht sehen, haben sie möglicherweise schlechte Erfahrungen gemacht.« So wie ein Bürgermeister, den er kennengelernt hatte. Der Rathauschef hatte sich vehement dafür eingesetzt, Fachwerkhäuser abzureißen. Er war über 1,90 Meter groß. »Da kann man nicht erwarten, dass er sich für den Erhalt engagiert, wenn er sich ständig den Kopf stößt«, schlussfolgert Jung.

Ob Stadt oder Land, die Herangehensweise beim Dorf mit allen Sinnen ist dieselbe: Auswärtige kommen in einen Ort, beobachten, zeichnen, fotografieren, lauschen und sammeln. Und ordnen schließlich unvoreingenommen ein. Es entsteht ein Bild von einem lebendigen und vielfältigen Raum, wo gewohnt, gearbeitet, in dem gelernt wird, wo die Einwohner einkaufen oder ihre Freizeit verbringen.

Diese Art der Analyse ist ungewohnt. Wer der Zukunft der Dörfer auf den Grund gehen will, bewertet in der Regel den Ist-Status, richtet den Fokus auf die Infrastruktur. Gibt es einen Nahversorger oder Kindergarten? Ist dort ein barrierefreier Treffpunkt? Welche Häuser stehen leer? Wie gelangen Jugendliche oder Senioren von einem Stadtteil in die Kernstadt? Liegt hier Glasfaser? Jungs Konzept wählt nicht den wissenschaftlichen, sondern den künstlerischen Ansatz. Das Dorf mit allen Sinnen soll die Wahrnehmung erweitern. Dafür gibt es verschiedene Wege.

Da wären Zeichnungen und Skizzen von Objekten, Menschen, Plätzen und Räumen sowie Gegenständen. Eine andere Gruppe porträtiert mit der Kamera Menschen, Tiere und Pflanzen sowie Plätze und anderes. Bei den »Geschichten über den Zaun« hören die Teilnehmer dieser Gruppe in das Dorf hinein. Sie lauschen dem Dialekt und den Geschichten, den Geräuschen und der Stille, dokumentieren das Erlebte mit Tonband oder Kugelschreiber.

Andere Teilnehmer sammeln: Sie suchen Dinge, die für Kultur, Flora und Fauna, Handwerk und Industrie, Landwirtschaft und Gewerbe stehen. »Ziel ist es, die Leute stärker für die Orte, deren Nutzung und Pflege zu interessieren«, sagt Jung.

Möglich ist, dass die Eindrücke der Teilnehmer sich von denen, die tagtäglich an diesen Orten sind, unterscheiden. Wie so oft, wenn die Gewohnheit die Sicht für Potenziale verschleiert und Gewachsenes als alltäglich aufgenommen wird. »Dann kommen auf einmal Leute von außerhalb, die finden euer Dorf interessant.« Jung plädiert dafür, ergebnisoffen zu bleiben und nicht von vorneherein ein Ziel zu verfolgen, wem etwas vermitteln werden soll, »sondern lustvoll durch das Dorf zu gehen«. So wie es Marie Luise Kaschnitz in ihrem Buch »Beschreibung eines Dorfes« erzählt hat. Sie beschreibt eine Reise in die Kindheit und eine Bestandsaufnahme des eigenen Lebensraumes.

Für die Dorfakademie der Wirtschaftsförderung Wetterau führt Jung immer wieder viele Interessierte durch verschiedene Dörfer, sensibilisiert fürs Fachwerk und die Baukultur, lenkt Blicke auf Details, die man ansonsten übersieht. Das Dorf mit allen Sinnen könnte auf diesen Rundgängen aufbauen. »Wir haben vereinbart, dass wir an diesem Thema dranbleiben.«

Aha-Momente wird es beim Dorfrundgang in Lißberg am 11. September sicher geben. »Lißberg ist städtebaulich und topographisch sensationell. Es ist ein Stadtbild, wie man es in Italien findet.« Schwärmen kann auch analytisch sein.

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