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»Landeplatz für Gedanken«

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Von: Annette Hausmanns

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»Frühstück bei Tiffany«: Das ist der »Spitzname«, den Gerhard und Liss Burk diesem augenzwinkernden Burk’schen Werk auf der Streuobstwiese am Skulpturenpark gegeben haben. © Annette Hausmanns

Als Bildhauer Gerhard Burk vor 45 Jahren den Skulpturenpark am Bad Nauheimer Johannisberg gründete, folgte er seiner Idee von der Verbindung der künstlerischen Disziplinen. Die Umsetzung zieht bis heute Künstler und Besucher aus aller Welt magisch an den »Landeplatz für Gedanken«, wie Burk die Begegnungsstätte gerne nannte. Ein Jahr nach Gerhard Burks Tod lädt seine Witwe Liss Burk ein zur Hommage.

Ein luftigleichter Sommertag am Fuße des Bad Nauheimer Johannisbergs. Im Schutz der Bäume geben sich Licht und Schatten ein schimmerndes Stelldichein mit Skulpturen, deren Schöpfungsprozess an diesem magischen Flecken Erde mitschwingt. Man hört förmlich noch die Werkzeuge, spürt der Hände harte Arbeit, die hier von Künstlern aus aller Welt geleistet wurde.

Mit dem sicheren Gespür für die Einzigartigkeit des Ortes hatte der 1946 in Berlin geborene Bildhauer Gerhard Burk das Gelände ausgewählt, um hier seinen Traum von der Verbindung der künstlerischen Disziplinen umzusetzen. »Ihr habt sie nicht alle!«, kommentierten damals die Menschen, als sich Burk Mitte der 70er Jahre das Gelände mitsamt der damals völlig verwahrlosten Jugendstilvilla für seine Idee von einem Skulpturenpark ausschaute. Bis zu seinem Tod im März 2021 machte sich der Wetterauer Kulturpreisträger von 1999 stark für Kultur in all ihren Facetten.

Der Skulpturenpark wurde ein wohl einzigartiger Ort der Begegnung, des Austausches und der Verbindung von Bildhauerei, Malerei, Musik, Tanz und Dichtung.

Schier endlos ist die Liste der Kunstschaffenden, die in des international bekannten Bildhauers offener Werkstatt im Einklang mit der Natur arbeiteten, ausstellten oder aufführten.

Burk präsentierte die unterschiedlichsten Techniken in Materialien wie Stein, Ton, Metall, Holz oder Kunststoff, zeigte verschiedene Stile und führte auch Musik, Literatur, Tanz, Rezitation und Medienschauen ein. »Wir leben von der Zukunft und mit der Vergangenheit«, sagte er anlässlich des 30. Skulpturenpark-Geburtstages damals.

Heute zwitschern die Vögel im Skulpturenpark. Durchs Tor kommt ein Gast. Frank Marohn schiebt seinen Drahtesel unter einen Baum, versenkt sich lächelnd in An- und Durchblicke und lauscht den Erzählungen von Liss Burk, die mit großer Liebe und Empathie das Erbe ihres Mannes pflegt.

Sonnenschein überflutet die von »sitzweise sinnlichen« Skulpturen umstandene Lichtung oberhalb jener Jugendstilvilla, die 1909 von Architekt Wilhelm Jost für den Parkwächter ersonnen wurde. Hätte der Schöpfer der Bad Nauheimer Jugendstilanlagen geahnt, dass hier ein Skulpturenpark jene Kunstbeflissenheit fortführen würde, die Bad Nauheim einst beseelte, er wäre begeistert gewesen.

Mitten auf der Lichtung ragt eine abgebrochene Kastanie gen Himmel. Ein mehrere Hundert Jahre altes Holzkreuz ist mit einem Strick an den Stumpf gebunden. »Das letzte Werk meines Mannes«, sagt Liss Burk. Hunderte Pilze hätten es seit dem Herbst geschmückt.

Auf einer tischartigen Skulptur im Schatten hat sich die Katze majestätisch ausgestreckt und auf dem Weg zum »Altar«, wie Gerhard und Liss Burk die mit dem Körper geformte Gips-Skulptur von Heinz Breloh tauften, entdeckt man in die Natur eingepasste Schönheiten aus Stein, Metall und Holz von namhaften Künstlern. »Der Kontakt zu den Künstlern lebt weiter«, freut sich Liss Burk. Zu ihnen zählt Bruno Feger, dessen Metallskulptur wie ein locker gewebter Teppich über einer Stange hängt.

Vor dem Haus ziehen eiserne »Eistüten« und »Schokoladentafeln« von Marie Zoe Greene-Mercier die Blicke auf sich und natürlich die »Steinernen Bäume« von Dieter P. Hangauer. Gegenüber auf der Streuobstwiese ist es neben Gabriele Renzullos und Martin Dehlers steinernen »An- und Durchblicken« das augenzwinkernde »Frühstück bei Tiffany« von Gerhard Burk, dessen Werk sich vielerorts wiederfindet, so etwa seine Friedenssäulen in Bethlehem oder in Bad Nauheim der Brunnen an der Weed oder der Kopf am Siesmayer-Stein im Kurpark.

Dankbarkeit macht sich breit, dass der Region und der Stadt trotz Differenzen zwischen Künstler und Politik der Skulpturenpark als »Landeplatz für Gedanken«, wie Burk ihn gerne nannte, erhalten geblieben ist.

»Der Skulpturenpark ist eine der bedeutendsten Begegnungsstätten für zeitgenössische Skulptur und Plastik weit über Hessens Grenzen hinaus«, schrieb Kunsthistoriker Dr. Friedhelm Häring bereits 1987 im Katalog »10 Jahre Selection und Skulpturenpark«. Er war Burk und dessen interdisziplinärer Grundsatzidee stets eng verbunden. Auch über den Tod des Bildhauers hinaus begleitet Häring das Projekt mit Anerkennung und Respekt.

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»Sitzweise sinnlich« - Resonanzkörper menschlicher Befindlichkeiten aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert. Diese Werke stammen von Gerhard Burk (gest. 2021). © Annette Hausmanns
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Die jüngste Arbeit am oberen Ende des Skulpturenparks hat der renommierte Kölner Künstler Heinz Brehloh (gest. 2021) vor Ort geschaffen. © Annette Hausmanns
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Für Kultur in all ihren Facetten hat sich Gerhard Burk engagiert. Dieses Bild stammt aus dem Jahr 2012. © Corinna Weigelt/Archiv

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