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Leben auf dem Pulverfass

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Gerwin und Ursula Knoll mit Hund Fritzi. Das Paar lebt trotz schwerer Erkrankungen auf beiden Seiten eine glückliche Ehe. FOTO: SCHNEIDER © Ingeborg Schneider

Er ist Jahrgang 1956 und feierte am 22. Mai den 16. Geburtstag. Wie das zusammenpasst? 2006 hatte Gerwin Knoll aus Altenstadt eine OP zu überstehen. Dennoch: Sein Herz bringt es heute nur noch auf 20 Prozent der üblichen Leistungskraft. Knoll und seine Frau Ursula versinken aber nicht in Mutlosigkeit.

Der Spitzname »Knolli« begleitet Gerwin Knoll seit seinem ersten Schuljahr. Schon damals war der Altenstädter Bub, der wie seine vier Geschwister als Hausgeburt in der Hintergasse 1 zur Welt gekommen war, allseits für seine Offenheit und seinen Humor bekannt und beliebt. Was sich zuerst wie ein ganz normales Berufs- und Familienleben anließ - mit Handballspielen, Berufsausbildung als Maschinenschlosser, Bundeswehr und Tätigkeit als Justizvollzugsbeamter - bekam 2006 einen empfindlichen Knick, als sich ein Leiden meldete, das in der Familie Tradition hat. Diese Zeitung sprach mit Gerwin Knoll und seiner Ehefrau Ursula über ihr heutiges »Leben auf dem Pulverfass«.

Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass etwas mit Ihrem Herzen nicht in Ordnung sein könnte?

Vor 16 Jahren klagte ich gegenüber meiner Ehefrau über andauernde Müdigkeit, Kurzatmigkeit und den Verlust der Ausdauer. Zuvor waren wir ja aktiv, sind auch im Urlaub in Südtirol viel gewandert. Inzwischen in der Poststelle und als Hausbote bei der Deutschen Vermögensberatung in Frankfurt beschäftigt, war ich im ganzen Haus auf den Beinen, fuhr jeden Morgen mit dem »Stockheimer Lieschen« in die Stadt. All dies bereitete mir auf einmal größte Schwierigkeiten. Herzprobleme liegen in der Familie. Mein jüngerer Bruder ist nach einem Herzinfarkt und einem künstlichen Koma womöglich nur deshalb mit einigen Einschränkungen noch am Leben, weil sein kleines Enkelchen am Krankenbett sagte: »Opa, komm doch zurück!« Meine Schwester hat bereits drei Bypässe. Unser jüngster Bruder leidet wie ich an Herzinsuffizienz.

Wie kamen Sie zu Ihrer Diagnose?

Als ich vor lauter Erschöpfung gar nicht mehr konnte, ging ich zu meinem Hausarzt, der mir zunächst Schlaftabletten verschrieb. Meine Frau hat in der Praxis meine Familiengeschichte erzählt und eine Überweisung zum Kardiologen erreicht, von wo aus man mich in die Kerckhoff-Klinik nach Bad Nauheim überwies. Dort stellte man mithilfe von 3D-Ultraschall eine Schädigung der Mitralklappe des Herzens fest: Einer von acht Fäden, der diese Klappe am Herzen verankert, war bereits gerissen, zwei waren beschädigt. Die Ärzte sagten mir, ich müsse sofort operiert werden, denn risse noch ein weiterer dieser Fäden, könne die Klappe sich nicht mehr komplett schließen, Blut würde in die Lunge gelangen und ich selbst einer Embolie erliegen. Man hat die organischen Fäden tatsächlich operativ entfernt, ersetzt und mit einer Metallkapsel zusätzlich geschützt, sagte mir aber zugleich, dass ich spätestens in zehn Jahren erneut operiert werden müsse.

Wie sind Sie in die Operation hineingegangen, damals, am 22. Mai 2006, den Sie seither als Ihren weiteren Geburtstag feiern?

Zunächst einmal habe ich mir alles via 3D-Aufnahmen ausführlich zeigen und erklären lassen. Dann fragte ich den Operateur, ob es ihm körperlich und seelisch auch gut gehe und er sich fit fühle - schließlich würde ich ja mein Leben in seine Hand legen. Schließlich habe ich mich von meiner Frau verabschiedet und gesagt, wir würden ja sehen, wie der Herrgott entscheidet, ob er mich bei sich behielte oder zurücksenden würde.

Es ist alles gutgegangen, Sie konnten zurück in Ihr normales Leben und Hund Fritzi trat als zusätzlicher Sonnenschein in Ihr Leben. Trotzdem sollte die Zehn-Jahres-Prognose zutreffen.

So ist es. Neben Symptomen wie Erschöpfung kam jetzt auch Wasser im Körper bis hin zum Nierenversagen dazu. Siebenmal unterzog ich mich einer sogenannten Elektrokardioversion, bei der versucht wird, das Vorhofflimmern abzustellen und das Herz wieder in seinen gesunden Takt zu bekommen. Schließlich blieb kein anderer Ausweg, als die Implantation einer künstlichen Herzklappe, die mich zum Marcumar-Patienten macht, der regelmäßig Blutverdünner einnehmen muss. Bei der organischen Version einer Herzklappe, die mein jüngster Bruder gewählt hat, kann man auf diese Medikation verzichten, muss sich aber nach zehn Jahren erneut operieren und die Klappe austauschen lassen. Das wollte ich nicht.

Sie berichten von einem außergewöhnlichen Erlebnis im Umfeld dieses zweiten großen Eingriffs. Was hat sich abgespielt?

Bereits am 29. Dezember 2015, meinem »richtigen« Geburtstag, bekam ich bleibend einen Defibrillator und einen Herzschrittmacher eingesetzt, zuvor brachte meine Frau noch ihre gute hausgemachte Schwarzwälderkirschtorte vorbei und wir haben mit den Schwestern auf der Station gefeiert. Der Eingriff am Herzen selbst im Jahr 2016 verlief erfolgreich, wenige Tage später wurde jedoch ein Hämatom am Herzen entdeckt, und ich musste erneut in Vollnarkose operiert werden. Während dieses Eingriffs befand ich mich meiner Wahrnehmung nach plötzlich in einem schönen, warmen Raum, hatte keinerlei Schmerzen mehr und gewahrte einen strahlenden Lichtkegel, entfernt, vergleichbar mit dem einer Taschenlampe.

Und zum Schluss doch die Nordsee

Ich wollte unbedingt dorthin und lief auf das Licht zu - das jedoch verschwand, bevor ich es erreichen konnte. Später sagte mir die Krankenhaus-Pfarrerin: »Sie waren auf dem Weg zum Herrgott, aber der wollte sie noch nicht.« Schon zuvor habe ich als gläubiger Mensch den Tod immer als Teil des Lebens und in der Hoffnung auf ein Weiterleben bei Gott gesehen. Durch dieses Nahtoderlebnis hat sich beides verstärkt: der realistische Blick auf unsere Endlichkeit und die Hoffnung auf ein Leben danach.

Das Einsetzen der künstlichen Herzklappe brachte keinen vollen Erfolg: Ihr Herz schlägt nur noch mit 20 Prozent der normalen Leistungsfähigkeit, Sie sitzen im Rollstuhl, haben Pflegegrad drei und sind auf die Hilfe Ihrer Frau angewiesen. Wie lebt es sich mit diesem Befund?

Dass ich überhaupt noch am Leben bin, verdanke ich neben der Kunst der Ärzte vor allem meiner Frau. Sie war im vergangenen Jahr selbst schwer erkrankt und wir versuchen gemeinsam, unser Leben in unserem gemütlichen Haus mit unserem kleinen Paradiesgarten samt den vielen Rosen so gut wie möglich zu leben und zu genießen, auch unsere alljährlichen Urlaube in Bad Bayersoien, nahe Oberammergau, wo wir in diesem Jahr auch die Passionsspiele erleben werden. Wir nehmen alles als großes Geschenk an und die kleinen Freuden sind für uns längst keine Selbstverständlichkeiten mehr, sondern Glanzlichter des Tages - vor allem die Tatsache, dass wir einander haben und glücklich sind.

Sie haben beide nicht nur eine Patientenverfügung, sondern auch Ihrer beider Bestattung bis ins Detail geregelt, selbst die Urnen sind besorgt.

Ja, unser Haus ist bestellt und wir leben gelassen in dem Bewusstsein, dass morgen alles zu Ende sein kann. Viele Menschen, die ich darauf anspreche, wollen nichts vom Thema Sterbevorsorge wissen, ja nicht einmal an ihren eigenen Tod denken, obwohl wir doch alle wissen, dass er uns irgendwann erwartet.

Wir beide werden verbrannt und als Nordseefans ein Urnen-Seebegräbnis bei unserer Lieblingsinsel Borkum bekommen. Wenn ich schon als Herzpatient laut der Arztmeinung wegen des Klimas nicht mehr dorthin fahren sollte, so möchte ich wenigstens, gemeinsam mit meiner lieben Frau, meine letzte Ruhestätte dort finden.

Sie feierten am 22. Mai den 16. Geburtstag nach Ihrer ersten Herzoperation im Jahr 2006 mit 18 guten Freunden bei einem Spanferkelessen in Ihrem Zuhause…

Natürlich, das gehört dazu, denn im Herzen fühle ich mich wie 16. Die nächste große Feier, die ansteht, ist übrigens unsere Goldene Hochzeit am 7.7.27. Wenn wir diesen Tag beide noch erleben, sind Sie jetzt schon herzlich eingeladen, uns erneut zu interviewen!

VON INGE SCHNEIDER

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