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Leichte Sprache als große Chance - auch in der Wetterau

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Von: Hanna von Prosch

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Kirsten Luckau und Michael Becker, beide in den Werkstätten der bhw tätig, sind zertifizierte und begeisterte Prüfer. Die größte Herausforderung für sie ist eine Broschüre zum Biosphärenreservat Rhön gewesen. © Hanna von Prosch

Sprache ist ein wertvolles Kommunikationsmittel, aber nicht alle verstehen, was gemeint ist. Da kann Leichte Sprache weiterhelfen. In der Wetterau tut sich bei dem Thema viel - im Sinne der Inklusion.

Für Menschen mit Hörschädigung gibt es die Gebärdensprache. Blinde lesen und schreiben mit der Brailleschrift. Was aber ist mit Menschen, die durch Krankheit oder geistige Behinderung soweit eingeschränkt sind, dass sie Texte in Normalsprache nicht lesen können und verstehen? Für sie wird in Leichte Sprache übersetzt. Etwa so:

Der Sprudel-Hof ist eine alte Bade-Anlage. Früher haben die Menschen hier im gesunden Wasser gebadet. Der Sprudel-Hof ist mehr als 100 Jahre alt. Damals hat man in einem besonderen Stil gebaut. Der Bau-Stil heißt Jugend-Stil.

Leichte Sprache ist weder Kindersprache noch die vereinfachte Alltagssprache, die bereits ohne Fach- und Fremdworte oder Beamtendeutsch auskommt. Sie ist speziell für die Menschen gedacht, die mangels Lesefähigkeit nur schwer ins normale Leben eingebunden sind. Am Beispiel wird deutlich, dass Texte in Leichter Sprache ihre eigenen Vorgaben haben: Jeder Satz eine Zeile, nicht mehr als zehn Wörter in einem Satz, Trennzeichen zum besseren Erfassen von zusammengesetzten Wörtern, Wiederholungen und vieles mehr.

Prüfgruppe sagt, ob der Text verständlich ist

Wera-Marianne Arndt ist Diplom-Soziologin und Leiterin des Wetterauer Büros für Leichte Sprache der Behindertenhilfe Wetterau (bhw). Die Leichte Sprache in vielen Lebensbereichen zu etablieren, ist ihr und der bhw ein Herzensanliegen, denn sie bedeutet Teilhabe. »Etwa jeder achte Erwachsene in Deutschland hat Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Damit stehen diese Menschen täglich vor großen Herausforderungen, Formulare, Hinweise oder gar die Zeitung und Bücher zu verstehen«, erklärt sie. So reichen die Aufträge, die sie akquiriert, von Tourismusbroschüren über Infoflyern bis zu Internetseiten. »Man muss einen Bezug zur Sprache haben und komplexe Inhalte auf den Punkt bringen können«, erläutert die leidenschaftliche Leserin.

Sie ist nicht allein, wenn es darum geht, Texte leicht verständlich zu machen. In der bhw gibt es eine neunköpfige Prüfgruppe, die, sobald der Kunde sachlich alles für richtig befunden hat, an die Verständlichkeit geht. Menschen mit unterschiedlichen geistigen Behinderungsgraden lesen den Text vor beziehungsweise hören zu und geben anschließend ihre Meinung dazu ab: »Das verstehe ich nicht, das klingt komisch, der Satz ist zu lang.« Gemeinsam überlegen sie, wie man es besser ausdrücken kann. Arndt weiß, wer als Prüferin oder Prüfer geeignet ist: »Sie müssen respektvoll miteinander umgehen, sich trauen, etwas zu sagen, und zu der Meinung stehen. Wir haben eine Dame dabei, die kann nicht lesen, aber sie ist sehr wertvoll als Zuhörerin. Es ist ein tolles Team.«

Beim Gedicht ist es leichter

als beim Krimi

Die Zielgruppe für Leichte Sprache ist keineswegs auf Menschen mit geistiger Behinderung begrenzt. »Auch Ältere mit abnehmender Konzentration, Menschen, die durch Krankheit unter erschwerter Sprachverarbeitung leiden, aber auch Nicht-Deutsch-Muttersprachler profitieren davon«, weiß Arndt.

Ute König vom Inklusionsbüro der Stadt Bad Nauheim hat den Versuch gemacht, diesen Menschen den Zugang zu kulturellen Erlebnissen zu ermöglichen, indem sie eine Lesung in Leichter Sprache veranstaltet hat. Gedichte, ein Märchen, eine Kriminalgeschichte wurden vorgestellt und, mit Bildern illustriert, als Heftchen mitgegeben. Die Autorinnen und Übersetzerinnen machten dabei ihre eigenen Erfahrungen. Die Gedichte entbehrten zwar der Poesie, waren aber einfach umzuschreiben, weil sie sowieso in kurzen Zeilen verfasst waren. Schwieriger wurde es beim Märchen, wo Metaphern verdeutlicht werden mussten. Und einen Krimi in Leichter Sprache zu schreiben, ohne die Spannung zu verlieren und Angst machenden Bilder im Kopf zu erzeugen, ist sehr herausfordernd.

Von Widerständen gegen die Leichte Sprache

Zwar ist in den Behörden Informationsmaterial in Leichter Sprache schon seit langem Pflicht - bei den Bürgerschaftswahlen in Bremen wurden 2015 erstmals solche Wahlbenachrichtigungen herausgegeben -, aber im Alltag sieht Arndt noch große Defizite: »Es werden zwar schon Kunstwerke erklärt, aber im medizinischen Bereich mangelt es. Leider gibt es genug Widerstände von Leuten, die meinen, dadurch würde die deutsche Sprache verhunzt.« Sieht man aber das strahlende Gesicht eines jungen Menschen, der stolz ist, auf dem Bild die Geschichte wiederzuerkennen, die er gehört hat, auf Worte deutet und sagt: »Das will ich auch können«, dann ist der Weg der Inklusion in Leichter Sprache doch gar nicht mehr aufzuhalten.

Materialien zur Leichten Sprache

Die Bad Nauheimer Stadtbücherei verfügt über mehr als 30 Titel in Leichter Sprache: Romane, Krimis, eine Biografie (Anne Frank), ein Märchenbuch, Jugendbücher und ein Grammatikbuch. Darüber hinaus liegt ein Ratgeber zum Thema aus, der dort angeschaut werden kann. Den Ratgeber und die Bibel kann man auch in Leichter Sprache als eBook über die Onleihe ausleihen. Der Bestand ist im Internet unter der Adresse www.bad-nauheim.de/stadtbuecherei zu finden. Bibliotheksleiterin Gaëlle Götz bietet auch Einführungen zu diesem Thema an. Die Stadt Bad Nauheim hat zudem barrierefreie Internetseiten in Leichter Sprache und diverse Tourismus-Broschüren herausgegeben. Bei speziellen Fragen hilft das Inklusionsbüro.

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