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Leidenschaft und Perfektionismus

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Feiern gemeinsam das 30-Jährige: Heinz Förster (Mitte) und Andrea Hentrich waren die ersten Patienten am 15. November 1991, dem Eröffnungstag der Zahnrztpraxis von Dr. Gerold Heckert in Kefenrod. © Paulina Gertrud Schick

Im November 1991 eröffnete Gerold Heckert seine Praxis in Kefenrod. Zum 30-jährigen Bestehen zieht der Zahnarzt Bilanz: Neben positiven Entwicklungen in der Vergangenheit, sieht der Mediziner vor allem in der zunehmenden Bürokratie einen Grund für den Mangel an Arztpraxen auf dem Land.

Dr. Gerold Heckert erinnert sich noch gut an die Anfänge seiner Praxis in Kefenrod: Darunter misstrauische Blicke, die der junge Zahnarzt von seinen Patienten bekam. Infektionsschutz war damals noch nicht verbreitet, wurde mit dem Auftreten der ersten HIV-Infektionen in den späten 1980er Jahren an den Universitäten aber bereits vermittelt.

Misstrauen gegen

den Mundschutz

»Ich habe die Patienten mit Mundschutz und Handschuhen behandelt. Das kannten die meisten nicht, viele dachten, ich wolle mich vor ihnen schützen«, erzählt Heckert. Heute schmunzelt der Zahnarzt, wenn er an Momente wie diese zurückdenkt. Das 30-jährige Bestehen seiner Praxis nutzt der Mediziner, um sich mit kleinen Geschenken für die Treue seiner Patienten zu bedanken - die künftige Entwicklung seiner Branche dagegen betrachtet er mit Sorge.

»Das Misstrauen gegenüber Mundschutz und Handschuhen hat sich mit der Zeit gelegt und sie wurden zum Standard. Auch die Gebisszustände haben sich in den vergangenen 30 Jahren erheblich verbessert«, erklärt Gerold Heckert, der vor seiner Zeit in Kefenrod in einer Praxis in Neu-Isenburg tätig war.

Während seiner Assistenzzeit behandelte er dort unter anderem Piloten der Flugzeuge, die in Frankfurt starteten und landeten. Aber auch der Oberbürgermeister der Mainmetropole oder Fußballspieler der Eintracht Frankfurt waren Patienten.

Von der Stadt kommend habe Heckert auch in Kefenrod immer Wert daraufgelegt, dass seine Patienten ihren halbjährlichen Zahnarztbesuch machten. Dabei war das zunächst »uff’m Land net so«, erinnert er sich: »Viele waren in der Landwirtschaft tätig und hatten daher wenig Zeit.« Dennoch habe er sich sofort heimisch und herzlich aufgenommen gefühlt in Kefenrod.

»Viele Patienten waren erleichtert, als ich meine Praxis öffnete, auch weil meine Vorgängerin krankheitsbedingt oft ausgefallen war«, erzählt der gebürtige Gederner, der nach dem Abitur in Büdingen 1988 sein Studium der Zahnmedizin mit dem Examen abschloss.

Nach der dreijährigen Assistenzzeit stieß Heckert bei der Suche nach einem Standort auf die Praxis in Kefenrod, die damals von der Zahnärztin Sidiropoulou-Bourdache geführt wurde. Nach einigen Monaten Renovierung übernahm der damals 28-Jährige das Haus in der Schulstraße als Praxis und Wohnhaus - passenderweise direkt gegenüber der Kita »Wirbelwind«, für die Heckert wenige Jahre nach der Eröffnung seiner Praxis Patenschaftszahnarzt wurde.

Einmal im Jahr statten die Kinder dem Zahnarzt so einen Besuch ab, einmal im Jahr besucht Heckert die Kita, um dort das korrekte Zähneputzen zu erklären. »Das erleichtert die Arbeit im Alltag enorm, wenn die Kinder die Geräusche und Gerüche kennen«, findet der Zahnarzt. »Schwierig wird es, wenn sie zum ersten Mal bereits mit Zahnschmerzen kommen. Daher kommt oft die Angst vor dem Zahnarzt.« Auch daher der Rat zum regelmäßigen Kontrolltermin. »Bei kariösen Milchzähnen wird das bleibende Gebiss nur mit 50-prozentiger Chance ohne Karies bleiben, ist das Milchgebiss kariesfrei, beträgt die Chance später 90 Prozent«, sagt Gerold Heckert.

Seine Praxis ist längst verankert in der Region, derzeit behandelt er gemeinsam mit sechs Mitarbeiterinnen mehr als 3 000 Patienten. Wie die meisten Ärzte spüre auch er den Ärztemangel - wenngleich die Zahnärzte in der Region etwa über den »Zahnärztlichen Förderverein Altkreis Büdingen« gut vernetzt seien, meint der 59-Jährige.

Eine Nachfolge für seine Praxis sieht der zweifache Familienvater jedoch bereits jetzt kritisch: »Das Glück, dass die eigenen Kinder diesen Berufsweg einschlagen, haben nicht viele. Dazu ist es heute längst nicht mehr die Regel, sich als Zahnarzt selbstständig zu machen.«

Hemmende

Bürokratie

Die Ursachen dafür seien vielfältig und längst nicht alle mit dem ländlichen Raum verknüpft. »An den Universitäten gibt es hohe Zulassungsbeschränkungen, zudem wächst der bürokratische Aufwand enorm. Früher nahm die Patientenkartei den größten Platz im Schrank ein. Außerdem müssen wir jegliche Unterlagen digital verfügbar machen, das alles kostet Zeit und Geld. Hinzu kommen die Konditionen der Krankenkassen.«

Trotz allem geht der Zahnarzt seinem Beruf mit Leidenschaft nach, will weitermachen, solange es geht - denn, wie Gerold Heckert sagt: »Was einen Zahnarzt auszeichnet, ist der Perfektionismus.«

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