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Lesung in Büdingen: Ein Typ mit mindestens sieben Leben - as ist Roland Bock

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Die Phase als Catcher gehört zu Roland Bocks schillernden Vergangenheit. Auch als Olympia-Ringer, Bär- und Stierkämpfer sowie als Disco-Betreiber war er aktiv. © pv

Es ist ein Leben außer Atem: In »Bock! Im Kampf gegen Stiere und sich selbst« erzählt Andreas Matlé die Geschichte von Roland Bock. Die beiden Männer gastieren bei »Büdingen belesen«.

Der Biograf und sein Protagonist, Andreas Matlé und Roland Bock, sind am kommenden Donnerstag, 7. April, ab 20 Uhr, in der Wolfgang-Konrad-Halle in Lorbach zu Gast. Moderiert wird die Lesung von Beatrice Kessler vom Literarischen Zentrum Gießen. Der Kreis-Anzeiger hat vorab mit dem Autor und Journalist Andreas Matlé über die Kunst des biografischen Schreibens und das schillernde Leben von Roland Bock gesprochen. Matlé wurde 1960 in Frankfurt geboren, leitet seit vielen Jahren die Pressestelle und die kulturellen Veranstaltungen der Ovag und hat als Autor sowie als Herausgeber eine breite Palette von Büchern vorgelegt.

Herr Matlé, Sie lassen in ihren Büchern Menschen und deren Schicksale zu Wort und Würde kommen, entdecken immer wieder neue Facetten der Wetterau, entfalten das reiche kulturelle Leben der Region. Was bedeuten Sprache und das Schreiben generell für Sie und wie unterscheiden sich die vielen Genres, in denen Sie tätig sind?

Auf die Frage nach Heimat würde ich antworten: Es ist tatsächlich die Sprache. Das Schreiben gehört für mich zum Leben unabdingbar dazu, so wie andere Menschen täglich fünf, zehn oder noch mehr Kilometer dauerlaufen müssen. In diesem Zusammenhang ist das Erstaunen häufig groß: Was, du arbeitest auch nach Dienstschluss? Das literarische Schreiben habe ich noch nie als Arbeit empfunden - was nicht bedeutet, dass man sich nicht den Kopf zerbricht und um einzelne Wörter und Sätze ringt. »Wähle eine Tätigkeit, die du liebst, und du wirst nie wieder arbeiten müssen« - dieser Satz ist von Konfuzius überliefert und damit kann ich mich sehr anfreunden. Die Genres in meinem Beruf bei der Ovag sind so vielfältig, wie das Unternehmen nun einmal aufgestellt ist - vielfältig, abwechslungsreich, jeden Tag etwas anderes.

Und beim literarischen Schreiben haben mich schon immer Menschen interessiert, die nicht auf der Mitte der Straße gehen, sondern eher am Rand. Was die Gefahr birgt, auch mal zu stolpern oder gar zu straucheln. So schreibe ich gerade an der spannenden Geschichte einer dreifachen deutschen Olympia-Teilnehmerin, das Buch erscheint bei einem großen Verlag im Februar 2023.

Wie finden Sie Ihre Themen - oder finden diese vielmehr umgekehrt Sie? Was inspiriert Sie? Was verursacht Schreibblockaden, sofern es diese überhaupt gibt?

Bisher sind die Themen immer zu mir gekommen. Das ist so, wenn man die Augen und Ohren aufhält, viel liest und querliest und neugierig bleibt. Mich inspiriert immer das, was nicht Mainstream ist. Schreibblockaden sind mir glücklicherweise unbekannt. Vielleich auch deswegen, weil ich bislang immer literarisch-biografisch über andere Menschen geschrieben haben. Da ist der Tisch gewissermaßen bereits gedeckt.

Wie sind Sie auf Roland Bock und seine schillernde Biografie aufmerksam geworden? Was fasziniert Sie an ihm?

Ich habe ihn als Jugendlicher kennengelernt, dann aus den Augen verloren und vor sechs Jahren wiedergetroffen. Er erzählte mir ansatzweise aus seinem Leben - beginnend mit seiner Geburt, 1944 im baden-württembergischen Geislingen an der Steige - und mir war sofort klar, dass ich darüber ein Buch schreiben muss. Er ist ein »Typ«, der viel gewagt und alles verloren hat. In seiner Person stecken mindestens sieben verschiedene Leben: Misshandlungen in der Kindheit, Olympia-Ringer, Bankkaufmann, Lehrer, Bär- und Stierkämpfer, Besitzer des erste Steak-Houses in Deutschland und Betreiber der größten Diskothek Deutschlands, Catcher, Veranstalter von Frauen-Boxen »oben ohne«, zwei Jahre Gefängnis wegen Wirtschaftsdelikten, Filmschauspieler, zehn Jahre Thailand. Das kann man sich eigentlich alles überhaupt nicht ausdenken. Was mich besonders fasziniert: Sein ungebrochener Optimismus, bis heute.

Hat Roland Bock Ihr Buch vor der Veröffentlichung gelesen, eventuell korrigiert und autorisiert?

Als der Entschluss fiel, das Buch zu schreiben, haben wir uns eine Woche an einen Strand in der Türkei gesetzt - es war gerade ziemlich kalt und neblig in Deutschland. Ich habe Roland Bock interviewt, seine Biografie, wie sie sich aus seiner Sicht darstellt, literarisch bearbeitet und in einem Jahr zu Papier gebracht. Er hat alles gelesen und für gut befunden.

Inwieweit spiegelt sich in Roland Bocks Leben ein Stück Geschichte der Bundesrepublik?

Es ist ein Stück bundesdeutscher Nachkriegsgeschichte, wirtschaftlich, sozial und menschlich. Man lernt Menschen und Verhalten kennen, die es heute nicht mehr gibt.

Gibt es Folgerungen aus dem komplexen und vielschichtigen Leben Ihres Protagonisten, die Sie Ihren Lesern nahelegen möchten?

Sich selbst niemals aufzugeben. Etwas wagen, wenn man davon überzeugt ist. Zu den Dingen stehen, die man getan hat. Die Gabe des Verzeihens - in Bocks Fall gegenüber seiner Mutter.

Welche Bedeutung kommt Lesungen und direktem Publikumskontakt in Ihrem Schaffen zu - und haben Sie beides während der Pandemie vermisst?

Das kennt wahrscheinlich jeder Schreiber: Wenn man monatelang mehr oder weniger alleine mit einem Text zugebracht hat, freut man sich natürlich auf die Begegnung mit Lesern und deren Reaktion. Und für Roland Bock, der mittlerweile ziemlich einsam lebt, ist dieser Direktkontakt etwas ganz Besonderes. Er blüht bei unseren gemeinsamen Lesungen regelrecht auf.

Die nächste Ausgabe der Veranstaltungsreihe »Büdingen belesen« mit Andreas Matlé und Roland Bock findet am Donnerstag, 7. April, in der Lorbacher Wolfgang-Konrad-Halle (Zum Sportplatz 22) statt. Beginn ist um 20 Uhr.

Der Eintritt kostet zwölf Euro (ermäßigt neun Euro). Karten gibt es an den bekannten Vorverkaufsstellen, in Büdingen in der Hellerschen Buchhandlung (Bahnhofstraße 5), in der Stadtbücherei (Eberhard-Bauner-Allee 16) und in der Tourist-Information (Marktplatz 9). Eintrittskarten gibt es zudem bei der Sparkasse Oberhessen (Bahnhofstraße 31) unter den Telefonnummern 0 60 31/8 63 35 und 0 60 31/86 33 51 und bei der Ovag unter 0 60 31/68 48 12 74. red

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Die Geschichte Roland Bocks ist ein Stück bundesdeutscher Nachkriegsgeschichte, sagt Andreas Matlé. © pv
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Ihn faszinieren Menschen am Rand: Andreas Matlé. © pv

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