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»Man muss auch schweigen können«

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50 Jahre Ehrenamt im Ortsgericht: Dankesworte an Wilfried Seum (2. v. r.) richten Manfred Bohl (l.), Sharon Rieck und Thomas Russell. © Elfriede Maresch

Wilfried Seum ist seit 1972 im Ortsgericht VI. In den 50 Jahren hat er einiges erlebt. Für dieses Amt benötigt man Gesetzeskenntnisse, Ideen für Lösungen und einige andere Fähigkeiten.

Schon 2007 erhielt Wilfried Seum aus Fauerbach den Ehrenbrief des Landes Hessen, gestern wurde er mit einer Urkunde der hessischen Landesregierung für ein halbes Jahrhundert Einsatz im Ortsgericht geehrt.

»Ich will was für meinen Ort tun«, hatte der 25-jährige Wilfried Seum vor 50 Jahren gedacht, als er für den Ortsbeirat kandidierte und wenig später ins Ortsgericht kam. Dabei war er ausgelastet genug: Seum ist gelernter Elektriker, war lange Zeit im Service für Maschinen in Auto- und Reifenwerkstätten tätig. Dazu kamen Aufgaben in der Familie, die Mitgliedschaft im Fauerbacher Gesangverein.«

Die Ortsgerichte zusammengelegt

Das Ortsgericht VI war aus den vorher selbstständigen Ortsgerichten Fauerbach, Ober-Lais und Schwickartshausen zusammengefasst worden, erzählt Seum. Die Großgemeinde Nidda hat noch fünf weitere Ortsgerichtsbezirke. »Vorsteher des Ortsgerichts VI war anfangs der ehemalige Bürgermeister von Ober-Lais, Otto Hähmel. Er stand mir in in der Einarbeitungszeit zur Seite.« Gern und lange hat er auch mit seinem Nachfolger Rudolf Schrank zusammengearbeitet. Inzwischen hat ein jüngerer Ortsgerichtsvorsteher Verantwortung übernommen: Boris Keutzer aus Ober-Lais.

Wenn auch aus kleinen Ortsteilen gebildet, gab es im Ortsgericht VI genug zu tun. Seum zählt auf: »Zwar ist das Beglaubigen von Unterschriften und Abschriften eher die Aufgabe des Ortsgerichtsvorstehers. Das Siegel, das er unter die Kopie setzt, hat den Status einer öffentlichen Beglaubigung. Aber da waren Sterbefallanzeigen an die Nachlassgerichte weiterzugeben. Die Ortsgerichte sind auch in der Nachlasssicherung tätig. »Wir müssen die Adressen von entfernt lebenden Angehörigen herausfinden, die eventuell auch zum Kreis der Erben gehören. Das ist manchmal regelrechte Detektivarbeit.« Wenn das Haus unbewohnt leersteht, müssen eventuell verderbliche Dinge aus der Wohnung geholt, Haustiere sicher untergebracht und die Eingänge verschlossen werden.

Weiter wirken die Ortsgerichte bei der Festsetzung und Erhaltung von Grundstücksgrenzen mit und können zu Schätzungen herangezogen werden. »Da hab ich manchmal tragische Situationen erlebt«, berichtet Wilfried Seum. Verwitwete Frauen hatten ihr Leben lang in der Landwirtschaft gearbeitet, ältere Angehörige gepflegt, Kinder großgezogen. Der verstorbene Ehemann hatte neben der Landwirtschaft nur einen geringen Rentenanspruch erworben, der der Frau war noch kleiner und es reichte nicht, das Haus zu halten. »’Ich dachte, ich könnte da sterben, wo ich gelebt hab’, war oft von den Frauen zu hören und meistens gab es Tränen«, erzählt Seum.

Und immer wieder kamen Herausforderungen: »Manchmal war ein Antrag zu unterschreiben und die Leute haben mich gebeten, das an ihrer Stelle zu tun. Meist waren sie zu gebrechlich, ganz selten auch verdeckte Analphabeten.« Eine peinliche Situation, für die Seum eine Lösung hatte: »Für Sie unterschreiben darf ich nicht. Aber wenn Sie drei Kreuzchen machen, darf ich das bestätigen und es ist rechtskräftig.«

Durchhalten und schweigen

Seum zählt auf, was zur Arbeit im Ortsgericht gehört: Gesetzes- und Verfahrenskenntnisse, striktes Einhalten der Schweigepflicht, gute Problemlösungsideen und Durchhaltevermögen.

Zur Gratulationsrunde verlas Stadträtin Sharon Rieck ein Dankesschreiben von Bürgermeister Thorsten Eberhard: »Sich über 50 Jahre für seine Mitbürger und Mitbürgerinnen einzusetzen, verdient meinen größten Respekt«. Namens der hessischen Justiz dankte der stellvertretende Direktor des Amtsgerichts Büdingen, Thomas Russell, und für den Ortsbeirat Ortsvorsteher Manfred Bohl.

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