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Der Altenpflegeberuf hat viele Facetten. Es ist auch medizinisches Wissen gefragt. Doch oftmals fehlt den Pflegekräften Zeit.

Interview

Pflegerin gibt Einblicke: So ist der Alltag von Pflegekräften

Pflegekräfte werden händeringend gesucht. Doch kaum jemand will den Job machen. Anna Thomas* (Name geändert) weiß warum. Die Altenpflegerin kennt mehr als eine Einrichtung im Wetteraukreis. Im Gespräch mit Autorin Anna-Louisa Hortien erzählt sie, was ihren Beruf so hart macht – und so schön.

Frau Thomas, Sie sind jetzt seit fünf Jahren in der Pflege tätig. Was lieben Sie an Ihrem Job?

ANNA THOMAS*: Die Arbeit mit Menschen. Die Gewohnheit, morgens die Bewohner wiederzusehen, die sich auf mich freuen. Tiefgründige Gespräche, die gemeinsamen Essenszeiten. Vieles in meinem Beruf passiert auf der Gefühlsebene, da sind viele Momente der Freude dabei. Auch die Dankbarkeit der Angehörigen tut gut. Die bringen auch mal Blumen oder Schokolade vorbei. Wir machen viel Blödsinn unter den Kollegen. Der Job ist hart und oft traurig, aber deshalb darf man den Spaß nicht verlieren.

Was sind denn negative Aspekte?

THOMAS: Zum einen ist da die Schichtarbeit. Ich selbst habe keine Kinder, aber ich sehe es bei Kollegen: Familie und Beruf zu vereinen, ist nicht leicht. Außerdem arbeitet man oft zwischen zehn und vierzehn Tagen am Stück. Doch schon ab dem achten oder neunten Tag funktioniert man nur noch. Das ist schade. Gerade in einem Beruf, in dem man jeden Tag hundert Prozent geben sollte. Ich arbeite jetzt gerade mal fünf Jahre in der Pflege und habe meine Stelle schon von 100 auf 85 Prozent reduziert, weil ich auch mal Zeit für mich brauche. Und natürlich hakt es auch bei der Bezahlung. Ich weiß, dass viele meiner Kollegen denken: "Ich muss so viel arbeiten, und am Ende des Monats ist nur so wenig Geld übrig. Da kann ich mir auch einen anderen Job suchen und spare mir den emotionalen, psychischen und körperlichen Stress."

Liegt das daran, dass es zu wenig Personal gibt?

THOMAS: In der Einrichtung, in der ich aktuell arbeite, sind die Dienste nur sechs Stunden lang. Das heißt, man braucht viele Tage im Monat, um seine Stundenzahl zu erreichen. Dadurch hat man wenig frei. Es ist also gar nicht mal das fehlende Personal, sondern eher die Organisation.

Wünschen Sie sich manchmal auch mehr Zeit für die Bewohner?

THOMAS: Zu meiner Ausbildungszeit habe ich mir das oft gewünscht. Damals haben wir häufig in Unterbesetzung gearbeitet. Ich kam nach Hause und habe geweint. Ich habe mich schlecht gefühlt. Wie ich die Leute teilweise behandeln musste – es war nicht so, dass ich gewalttätig war, aber es musste alles sehr schnell gehen. Man verliert dabei das Herzliche. Am Anfang habe ich mir vorgenommen, nie so kalt und stumpf wie meine Kollegen zu werden. Es hat ein halbes Jahr gedauert, und ich war ähnlich. Ich hatte einen Tunnelblick und habe nur gehofft, dass keiner fällt, ins Krankenhaus muss oder stirbt. Das wäre die absolute Katastrophe gewesen. In der Einrichtung, in der ich jetzt bin, ist alles entspannter. Das musste ich auch erst mal wieder lernen. Natürlich wollen die Bewohner immer noch mehr Aufmerksamkeit. Viele haben keine Angehörigen mehr. Das heißt, wir kümmern uns auch um Sachen, die wir gar nicht machen müssten. Zum Beispiel mal Schokolade mitbringen, wenn sie uns darum bitten.

Nehmen Sie den Job mit nach Hause?

THOMAS: Natürlich. Man lernt in der Ausbildung, dass man Distanz halten soll, aber das ist schwierig. Gerade wenn Bewohner versterben, die man lange betreut hat oder die einem ans Herz gewachsen sind. Das nimmt man mit nach Hause – ob man will oder nicht.

Was könnte man tun, damit der Job attraktiver wird?

THOMAS: Man müsste in der Öffentlichkeit besser darstellen, was die Altenpfleger machen. Damit nicht mehr das Bild vorherrscht, wir seien nur mit der Körperpflege, dem Bettenmachen und Pillenverteilen beschäftigt. Die wenigsten wissen, dass viel mehr Medizinisches dahintersteckt. Wir machen im Prinzip das Gleiche wie eine Krankenschwester. Trotzdem sind die Altenpfleger nicht so hoch angesehen. Natürlich müssten sich auch die Dienstzeiten und das Gehalt verändern. Man braucht mehr freie Tage, um sich zu entspannen. Es ist nun mal ein anderer Job, als den ganzen Tag am Schreibtisch zu sitzen und Finanzen zu prüfen.

*Der Name der Altenpflegerin wurde geändert, da sie anonym bleiben möchte. Aus Angst um ihren Job. Sie ist schon einmal mit ihrer Meinung an die Öffentlichkeit getreten und hat dabei negative Erfahrungen gemacht.

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