1. Startseite
  2. Region
  3. Wetteraukreis

Marias Schutzpflanzen an Ortenbergs Kirche

Erstellt:

Von: red Redaktion

Kommentare

cwo_marienkraeuter1_050822
Johanniskraut, Schafgarbe, wilde Möhre, Dost, Königskerze und Großer Wiesenknopf sind nur einige der Kräuter, die man für einen Kräuterbuschen sammeln kann. Diesen hat unsere Fotografin zusammengestellt aus Pflanzen, die man noch längs der Nidder findet. © Corinna Willführ

Vom 15. August bis 15. September ist die günstigste Zeit zum Sammeln von Heilkräutern. Klaus Busch erklärt, warum dies so ist und wo in der Region von Frühjahr bis Herbst Marienkräuter wachsen.

D as Kräuterjahr geht jetzt seinem Höhepunkt entgegen. Das alte Hochfest der »Aufnahme Mariä in den Himmel«, heute Mariä Himmelfahrt, markiert am 15. August diese Zeit. Gesetzlicher Feiertag ist der 15. August heute in den Bundesländern mit überwiegend katholischer Bevölkerung, in Luxemburg, Österreich, der Schweiz und zahlreichen Ländern Südeuropas. Seit der Sommersonnenwende (21. Juni) sind nun schon einige Wochen vergangen. Aber die Hitze ist jetzt am größten. Hoch steht die Sonne in der Mittagsglut am Himmel. Jetzt ist in den Kräutern im Mariengärtchen bei der Marienkirche in Ortenberg der Gehalt an ätherischen Ölen, an Harzen und Aromastoffen am höchsten. Viele der typischen »Sonnenkräuter« werden jetzt geerntet, im Schatten getrocknet und weiter verarbeitet.

Seinen schönsten Ausdruck findet dieser Höhepunkt im Kräuterjahr im Brauchtum um die Kräuterbuschen oder Mariensträuße, die noch immer gebunden werden und in der Messe an Mariä Himmelfahrt vor dem Altar niedergelegt und dort vom Priester gesegnet und geweiht werden. Man sollte einmal an diesem Tag im bayrischen oder schwäbischen Oberland die Pracht dieser Gebinde sehen! In der Regel sind es Bäuerinnen und Hausfrauen, die die Pflanzen für die Sträuße im eigenen Garten und draußen in der Natur sammeln und daheim binden.

Königskerze

im Zentrum

Das unterliegt bestimmten Regeln, die sich oft von Landschaft zu Landschaft unterscheiden. Immer ragt in der Mitte die Königskerze heraus und bildet das Gerüst für die anderen Pflanzen. So soll etwa für jeden und jede, die zur Haus- und Hofgemeinschaft zählen, ob Mensch oder Vieh, eine Blüte vom Alant mit eingebunden werden. Von den leuchtend roten Beeren der Eberesche (»Vogelbeere«) fädelt man etliche auf eine Schnur und windet diese um den Strauß, als Symbol für die blutrote Lebensschnur. Die Ringelblume, zäh und blütenreich vom Frühsommer bis in den Dezember, oft noch nach dem ersten Schnee, darf nicht fehlen. Wie viele Kräuter eingebunden werden, ist von Gegend zu Gegend verschieden, es sind aber oft »heilige« Zahlen: sieben, neun, zwölf, 24, 33, ja bis zu 99 verschiedene Pflanzen müssen es sein.

Nach dem Festgottesdienst trägt man die Sträuße nach Hause und steckt sie im Herrgottswinkel in der Stube auf oder hängt sie unters Dach oder in die Scheune, in den Stall. Zieht ein Unwetter auf, werden Teile der getrockneten Kräuter auf der Herdplatte oder im Räuchergefäß verräuchert. Das schützt Haus und Hof vor Unheil, vor Blitzschlag, vor Feuer und vor Wassernot. Tatsächlich haben Wissenschaftler herausgefunden, dass bei der Veraschung von Königskerze oder Johanniskraut Atome entstehen, die elektrische Überspannung binden. Heute sichern wir uns lieber mit Blitzableitern auf dem Hausdach ab, in früheren Zeiten vertrauten die Menschen auf die Schutzwirkung bestimmter Pflanzen. Den Wanderer und Hirten schützte ein Haselstecken vorm Blitz, Haus- oder Dachwurz auf dem First oder auf Mauerkronen hatten eine ähnliche Funktion.

So wundern wir uns heute nicht, dass die meisten der Kräuter im Marienstrauß ausgesprochene Schutzpflanzen sind. Andere wiederum sind heilmächtig gegen Krankheiten von Mensch und Vieh. Immer wieder reichte man Kranken Aufgüsse von Pflanzen aus dem Strauß, oder Tiere bekamen davon unters Fressen gemischt oder wurden bei Viehseuchen damit beräuchert.

Kräuterwissen

weitergeben

Im ländlichen Oberhessen ist von diesen Bräuchen und von diesem Wissen nicht mehr viel im Gedächtnis geblieben. »Als jedoch vor 13 Jahren der kleine Kräutergarten bei der Marienkirche in Ortenberg angelegt wurde, lag es in der Absicht der Planerin, der Helfer aus der Gemeinde und schließlich von mir - ich habe damals und bis heute die Betreuung und Pflege übernommen - dass etwas von diesem alten Wissen wieder ins Bewusstsein der Besucherinnen und Besucher gerät. Ich freue mich, wenn ich bei meiner Gartenarbeit von Besuchern, Urlaubern oder Ausflüglern ›gestört‹ werde. Dann werden Geschichten um die Kräuter verhandelt und ausgetauscht«, so Klaus Busch. Das Mariengärtchen wird so zu einer Oase der Begegnung, des Innehaltens und Kraft tankens.

cwo_marienkraeuter_050822
Zur Linken von Klaus Busch im Kräutergarten an der Marienkirche sieht man eine hochgewachsene Karde. Der Rauch aus dem tönernen Gefäß stammt von getrocknetem Beifuß, einer »Pflanze des Übergangs«. © Corinna Willführ

Auch interessant

Kommentare