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Die neuen Dachgauben der Villa Grunewald sind dem Architekten Gustav Jung zu hoch.

Mit dem Blick eines Denkmalfreunds

  • VonPetra Ihm-Fahle
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Führungen durch Bad Nauheim zeigen die Schönheit der Stadt. Das war bei der neuen »Sehschule für Denkmalfreunde« nicht anders. Gustav Jung erklärte aber auch, was aus Sicht eines Denkmalexperten nicht hundertprozentig gelungen ist. Kritik an der Villa Grunewald weist Architekt Alfred Möller allerdings deutlich zurück.

Wer will bauen an Plätzen und Straßen, der muss andere reden lassen.« Getreu diesem Motto bot Gustav Jung erstmals die »Sehschule für Denkmalfreunde« als Führung durch die Bad Nauheimer Innenstadt an. 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer fanden sich vor der Tourist Info ein. »Sie werden einige Kritik hören. Ich mache aber auch auf Dinge aufmerksam, die sehr gut gelungen sind. Vor allem sind wir in einer wunderschönen Stadt«, sagte der Architekt in der Denkmalpflege. Wie er erklärte, ist er Vorsitzender des Denkmalbeirats des Wet-teraukreises, bei der Führung sei er aber als Privatmann unterwegs. Als solcher werde er seine Meinung äußern und sie auch begründen.

Mit dem Hotel Villa Grunewald, dem Geburtshaus des Johannes Klinckerfuß und einem Stadthaus in der Alicestraße 11 greift unsere Reporterin drei der zahlreichen Stationen heraus.

Einer der ersten Haltepunkte war das Hotel Villa Grunewald, wo zeitweise Elvis Presley gelebt hat. Dort machte Jung auf die neuen Gauben im Dach aufmerksam. Sie sind sehr groß, was ihm missfällt. Er sehe sie als »Brummer«. »Die Fassade ist toll gemacht«, lobte er. Auch innen setzten die Eigentümer seiner Ansicht nach alles wunderbar instand und erhielten alles perfekt im Sinne des Denkmalschutzes. Um das Dachgeschoss zu nutzen, bedurfte es laut Jung allerdings eines zweiten Fluchtwegs: Das sind die Gauben beziehungsweise Fenster, die mithin eine bestimmte Größe aufweisen müssten. Nach Ansicht des Denkmal-Experten wurde dabei aber etwas missachtet: Die Fenster sind unten größer und müssen nach oben hin wieder kleiner werden. Das habe nichts mit Geschmack zu tun, es sei eine Regel. »Die Ansicht ist verdorben worden«, kritisiert er.

Architekt Möller weist Kritik zurück

Diese Zeitung bat den Eigentümer, den Architekten Alfred Möller, um eine Stellungnahme. Möller widerspricht der Kritik entschieden. »Die schlanken Dachgauben zeigen die Neugestaltung der Dachaufstockung«, betont er. In Abstimmung mit den zuständigen Behörden sollten die Gauben laut Möller bewusst nicht historisierend erscheinen. Insofern errichtete sein Architekturbüro die Gauben im Stil der Zeit, in der die Sanierung erfolgte. Das war 2018. »Es gibt viele weitere positive Beispiele für vergleichbare modern gestaltete Dachaufbauten auf historischen Gebäuden.« Das Architekturbüro Möller ist auch in der Denkmalpflege unterwegs, erhielt beispielsweise den Hessischen Denkmalschutzpreis für die Sanierung der Reinhardstraße 5. Möllers sind aktuell als Architekten für die Sanierung des Badehauses 5 im Sprudelhof aktiv.

Lob für neues Haus in Alicestraße

Ein weiterer Halt von Jungs Rundgang war in der Bornstraße 8. Dort steht ein kleines Fachwerkhaus, das laut Jung eine wichtige Rolle für Bad Nauheim spielt. Johannes Klinckerfuß kam 1770 dort zur Welt. Er war Ebenist (Möbelschreiner). Klinckerfuß war Mitarbeiter der Roentgenmanufaktur, anschließend arbeitete er für die Herzoge und Könige Württembergs als leitender Hofschreiner und herzoglicher Kabinett-Ebenist. Später hatte er eine eigene große Werkstatt in Stuttgart. »Es ist eine große Geschichte eines Bad Nauheimers«, sagte Jung. In welchem Jahr das Haus erbaut worden sei, das sei nicht bekannt. Der Aufbau ist laut Jung nachträglich errichtet. Zudem fehlt im Fachwerk der Vorderseite eine Strebe, um das Fenster zu vergrößern. Jung wollte diese Punkte aber nicht kritisieren, sondern stellte es wertfrei fest.

Ein großes Lob sprach Gustav Jung dem neu gebauten Wohn- und Geschäftshaus 11 in der Alicestraße aus. Dort stand laut der Rundgang-Teilnehmer früher ein etwas kleineres Gebäude. Im März 2019 wurde es abgerissen und durch den Bad Nauheimer Investor Christian Wohlgemuth neu aufgebaut (diese Zeitung berichtete). »Das Haus fügt sich sehr gut in die Umgebung ein, auch von der Höhe«, erklärte Jung. Besonders gut gefällt ihm aber, dass an den Häusern rechts und links noch die alten Schaufenster erhalten sind.

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