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Mit Ruß und Kleber auf Verbrecherjagd

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Von: Kays Al-Khanak

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Simone Lang vergleicht einen Fingerabdruck mit einer in einer Datenbank gespeicherten Spur. © Kays Al-Khanak

Die Natur macht nichts doppelt. Diesen Umstand nutzt die Polizei, wenn sie Fingerspuren auswertet. Mit Chemikalien und Kleber können Fachleute wie Simone Lang mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit einen Tatverdächtigen überführen - oder entlasten.

Schleifen, Wirbel und Bögen faszinieren Simone Lang. Nein, sie ist keine Anhängerin von Zen-Gärten, die in aller Seelenruhe mit einem Rechen akkurate Linien in Sand oder Kies zeichnet. Bei ihr geht es nicht um Meditation oder Entspannung, sondern auch um Mord und Totschlag. Lang ist im Polizeipräsidium Mittelhessen als Sachverständige für Daktyloskopie tätig. Sie ist die Fachfrau für Fingerabdrücke.

Daktyloskopie setzt sich aus den altgriechischen Wörtern für »Finger« und »schauen« zusammen. Die Fingerschau gilt als die älteste der biometrischen Verfahren, mit denen die Kriminalistik arbeitet. Nur: Erfunden hat diese Methode kein Polizist, sondern ein britischer Beamter in Indien, um Pensionsbetrüger zu überführen. Argentinien war 1896 das erste Land, das die Daktyloskopie als Ermittlungsmethode der Polizei einführte. In Deutschland geschah dies 1903 in Dresden. »Auch 2022 hat die Daktyloskopie einen großen Stellenwert«, sagt Lang, »trotz der vielen Möglichkeiten, die die DNA-Analyse bietet.«

2009 wechselte Lang vom Erkennungsdienst bei der Frankfurter Polizei nach Gießen. Zu dieser Zeit entschied das hessische Landeskriminalamt, dass es mehr Sachverständige für Fingerspuren in den Präsidien vor Ort geben müsse. Dies entlastet das LKA - und bringt das Fachwissen in die Fläche, von wo es an weitere Ermittler weitergegeben werden kann. Lang schloss ihre Ausbildung beim Bundeskriminalamt 2012 ab. Sie ist die erste und einzige Sachverständige für Daktyloskopie in Mittelhessen, wird aber von zwei Sachbearbeitern in Gießen und einem Kollegen in Marburg unterstützt. »Wir sind zuständig für die Auswertung aller Spuren in Mittelhessen«, sagt sie. Was sie so leicht dahersagt, ist eine Mammutaufgabe: Denn das Präsidium mit Sitz in der Gießener Ferniestraße ist zuständig für die Landkreise Gießen, Lahn-Dill, Wetterau und Marburg-Biedenkopf. So hatten die Sachverständigen 2021 insgesamt 1044 sogenannte Tatortkontakte, 2020 waren es 780.

Man kennt es ja aus Krimis wie Tatort und Co.: Wenn eine Straftat entdeckt und die Polizei eingeschaltet wird, rücken Männer und Frauen in weißen Schutzanzügen und schweren Koffern an. Und ja, es ist wirklich so, wie es in Filmen und Serien zu sehen ist. »Spurensicherung«, sagt Lang, »bedeutet eine Suche vom Großen ins Kleine.« Beispiel: Nach einem Einbruch beginnen die Ermittler, den Einstieg zu untersuchen. »Denn nach unserer Erfahrung gibt es dort in der Regel Spurenträger, die von dem Täter berührt wurden.« Fenster und Türen werden dann mit Rußpulver und Klebestreifen bearbeitet, um eine Spur aufzudecken. Dann werden weitere Räume untersucht - auch mit digitaler Fotografie. Alles, was tragbar ist, wird ins Labor gebracht, wenn die Besitzer zustimmen. Dort wird dann die Chemiekeule ausgepackt, um Spuren erkennbar zu machen. »Bei saugenden Materialien wie Papier nutzen wir eine Chemikalie, bei nicht saugenden Oberflächen eine Art Superkleber.«

Bei einem Fall, in dem es um den Vorwurf des Drogenhandels ging, war der Spurenträger eine Küchenrolle mit Alufolie. Mit der waren die Betäubungsmittel verpackt worden. Die Labormitarbeiter brachten dort den Kleber an. Als dieser dann hart wurde, kam eine weiße, für den Laien doch recht ansehnliche Spur zum Vorschein.

Das ist aber noch lange nicht die halbe Miete. Denn bei einer Spur ist es wie im richtigen Leben: Es geht nicht um die Größe, sondern um die Qualität. Die wird von vielen Faktoren beeinflusst. Hat die Person trockene oder schwitzige Haut? Handelt es sich um einen vollen oder verschmierten Abdruck? »Bei einer einfachen Spur erkennt man das Muster auf einen Blick«, sagt Lang. »Aber manchmal braucht man Tage, bis eine Identifizierung möglich ist.« Die Sachverständige vergleicht diese Arbeit mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden von Puzzlen: Manche haben 40, andere 1000 Teile.

Lang schaltet ihren Computer an. Auf dem großen, gestochen scharfen Bildschirm ist der Fingerabdruck aus dem Drogen-Fall zu sehen, die dazugehörigen Daten sind anonymisiert. »Mit zwölf übereinstimmenden anatomischen Merkmalen kommt man zu einer zweifelsfreien Identifizierung. Diese finden sich bereits auf einem Quadratzentimeter Haut«, sagt die Sachverständige. So könne eine Spur einer Person zugeordnet oder die Person als Tatverdächtigen ausgeschlossen werden.

Auf Lang wartet dann die eigentliche Arbeit, die viel mit guter Beobachtungsgabe und Geduld zu tun hat. Sie sucht die Spur nach individuellen Merkmalen ab. Weiße Punkten als Abbild der Poren, die in Größe und Lage variieren, bieten dabei Orientierung. »Jeder Finger«, erklärt Lang und zeigt auf die Spur auf dem Bildschirm, »hat ein Grundmuster.« Sogenannte Bögen finden sich zu 8 Prozent an einem Finger, Schleifen bis zu 32 Prozent und Wirbel bis zu 35 Prozent. Aus diesen Merkmalen ergibt sich ein Bild, das von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist und manchmal an eine Straßenkarte erinnert. »Die Natur«, sagt Lang, »macht nichts doppelt.« Auch deshalb ist eine solche Spur ein sicheres Beweismittel, wenn sie klar herauszulesen ist. Hier unterscheidet sich beispielsweise eine Finger- von einer DNA-Spur. Denn aus dieser lässt sich oft nur eine Wahrscheinlichkeit für eine Übereinstimmung ableiten.

Ist die Spur gesichert, wird sie digitalisiert und mit der Datenbank im Polizeipräsidium, mit der beim LKA oder bei weiteren Behörden auch auf internationaler Ebene verglichen. Damit ist der Täter oder die Täterin aber noch nicht endgültig dingfest gemacht. Denn die Daktyloskopie kann immer nur ein Teil einer Ermittlung sein.

Ein großer Kritikpunkt an forensischen Ermittlungsmethoden ist der, dass sich die Gutachter von Informationen über den Fall und vom dazugehörigen Kontext beeinflussen lassen können. Traurige Bekanntheit hatte in diesem Zusammenhang der Fall um den Amerikaner Brandon Mayfield- im Jahr 2004 erhalten. Ihm war vorgeworfen worden, in die Terroranschläge von Madrid 2004 involviert gewesen zu sein. Denn: Als Ermittler die Fingerspuren vom Tatort in internationalen Datenbanken verglichen, fanden sie 20 Einträge - einen davon von Mayfield. Die Vita des Mannes passte fürs FBI ins Bild: zum Islam konvertiert und Anwalt eines Mannes, der in Verbindung mit Al-Qaida gestanden haben soll. Nur. Der Amerikaner hatte seine Heimat seit Jahrzehnten nicht verlassen, konnte sich also unmöglich zur Tatzeit in Spanien aufgehalten haben. Trotzdem hatten die Gutachter zuvor eine 100-prozentige Übereinstimmung festgestellt.

Um solche Fehler zu vermeiden, ist bei der Polizei die Arbeit der Daktyloskopie klar aufgeteilt: Wer die Spuren am Tatort oder im Labor sichert, darf sie später nicht auswerten. Außerdem erfährt dieser Sachverständige keine Hintergründe zum konkreten Sachverhalt. So soll seine Unabhängigkeit gewahrt sein. Auch wenn das manchmal bedeutet, dass er nicht erfährt, wie ein Fall ausgegangen ist.

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