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Mit Schokolade und Kaffee Richtung Südsee

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Von: red Redaktion

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Nach fünf Wochen fährt Familie Eckhardt ins Gambier Archipel vor der Hauptinsel Mangareva ein. © pv

Familie Eckhardt aus Nidda überquert mit ihrem Segelkatamaran den Pazifik und sieht fünf Wochen nur Wasser und Himmel.

Nidda (wa). Mit vielen Eindrücken vom Besuch der vor 21 Jahren gegründeten Gesundheitsstation, der wenig bequemen Reise durchs Andenhochland und von der kolonialen Hauptstadt Quito fuhren Anna und Martin Eckhardt mit ihrem Sohn Jonathan mit dem Bus wieder an die Küste Ecuadors zu ihrem Schiff. Im Fluss Río Chone, in der Kleinstadt Bahia de Caraquez, hing der Segelkatamaran Pachamama, mit dem die Familie seit Weihnachten 2018 auf Weltreise ist (diese Zeitung berichtete), an Bojen. Als Nächstes stand die Überquerung des Pazifiks nach Französisch-Polynesien bevor.

Doch das Schiff war noch nicht zum Auslaufen bereit. Erst mussten die kaputten Achsendichtungen eines Propellers gewechselt werden. Dafür hätte der Katamaran eigentlich aufs Trockene gemusst. Vor Ort war dies jedoch unmöglich und ein Ortswechsel kam wegen der Sicherheit nicht in Frage. »An der Küste gibt es vereinzelte Piratenattacken, in den größeren Städten viel Kriminalität«, berichtet Martin, der aus Nidda stammt. »Eine Alternative war die Sandbank mitten im Río Chone, die immer bei Ebbe hervortritt. Sie bietet eine gute Standfläche für einen Katamaran mit den beiden Rümpfen.« Nachdem alle Ersatzteile beschafft, die Reparaturanleitung auswendig gelernt und ein passender Platz auf der Sandbank gefunden waren, ging es mithilfe einiger Freunde los.

Katamaran ruht auf der Sandbank

Als der Katamaran auf der geplanten Stelle einige Dezimeter über der Sandbank schwamm, legte die Crew den Anker aus und wartete auf die Ebbe. »Das war ein besonderes Erlebnis«, erzählt Anna. »Als der Wasserspiegel fiel, saß das Schiff kurz auf Grund und es ging ein Zittern durch die Rümpfe und den Mast. Mit der nächsten Welle schwamm Pachamama wieder. So ging es etwa eine halbe Stunde lang bis wir komplett auf der Sandbank saßen.« Dann sanken die Kiele in den Sand ein, auch die Ruder versanken langsam. Da diese aber nicht darauf ausgelegt sind, ein größeres Gewicht zu tragen, begann die Crew, sie mit den Händen frei zu graben.

»Bis das Schiff ruhig lag, gruben wir wie wild und sahen entsprechend aus«, erzählt Martin und lacht. Dann ging die Arbeit richtig los: Der Ausbau des Propellergetriebes und das Wechseln der Dichtungen ging problemlos vonstatten. »Als die Flut einsetzte, gab es wieder eine halbe Stunde ,Hüpfpartie‹, bis Pachamama wieder sicher ins Bojenfeld gesteuert werden konnte.«

Neben den anderen anfallenden Reparaturen mussten für die lange Reise durch den Pazifik Diesel und Proviant gebunkert werden. »Und es empfiehlt sich, auch für Französisch-Polynesien noch Reserven zu haben. An den meisten Orten gibt es nur eine sehr geringe Auswahl und die Preise sind sehr hoch, da das Allermeiste importiert wird«, erklärt Anna.

Zum Glück lag Pachamama nur wenige Hundert Meter von einem großen Supermarkt entfernt, was die Arbeit einfacher machte, denn es gab viel zu verstauen. Die Supermarktmitarbeiter staunten nicht schlecht bis die lange Einkaufsliste abgearbeitet war. Die Umverpackungen wurden entfernt und alle Konserven gewaschen, um keine Kakerlakeneier ins Schiff zu holen. Unter anderem wurden zehn Liter Olivenöl, acht Kilogramm Schokolade, 22 Kilogramm Kaffee, zahlreiche Konserven, Reis, Nudeln, getrocknete Bohnen und große Mengen an frischem Obst und Gemüse an Bord geschafft. Auch einige Werkzeuge und Ersatzteile wurden ergänzt.

»Nicht nur Nahrungsmittel sind knapp in Französisch-Polynesien. Auch Internet gibt es nur an wenigen Orten und dann ist es sehr teuer und begrenzt«, berichtet Martin. Also mussten in Ecuador noch alle möglichen Downloads - von Ausbildungsfilmen für Jonathan bis zu Satellitenfotos als Navigationshilfe - erledigt werden.

Noch schnell mit der Familie sprechen

Martins Teilzeitjob als Gutachter für Reisekrankenversicherungen ruhte für die Zeit der Überfahrt. Auch wurde noch ausgiebig mit der Familie zuhause telefoniert, da während der nächsten Monate nur kurze Nachrichten via Satellitentelefon möglich waren. Jonathan hat an den Wänden in seiner Kabine viele Fotos von der Familie hängen. »Vor allem die Cousins und Cousinen in Bad Salzhausen und Schweden vermisse ich«, erzählt der Achtjährige.

Die Besatzung eines befreundeten Bootes legte gleichzeitig mit Familie Eckhardt ab. Die ersten Tage Richtung Westen wollte man gemeinsam fahren, um eventuelle Piratenangriffe meistern zu können. Bevor der Passatwind einsetzte, konnten Anna, Martin und Jonathan noch ein Bad im Pazifik nehmen. Jonathan hatte dabei einmal mehr ein einzigartiges Erlebnis: Er entdeckte einen riesigen Buckelwal, der einige Hundert Meter vom Boot entfernt auftauchte.

Danach wurde die Überfahrt recht eintönig. Außer Wasser und Himmel gab es nichts zu sehen. Anna erzählt: »Das ist die totale Wildnis und Menschen können selbst bei guter Vorbereitung nur einige Monate überleben. Immerhin waren die Winde stabil und es ging gut vorwärts. So segelten wir etwa 200 Kilometer in 24 Stunden.«

Jede Viertelstunde, tagsüber und nachts, wurde Ausschau nach anderen Schiffen gehalten, die Segelstellung und der Autopilot kontrolliert und gegebenenfalls der Kurs angepasst. Auch Jonathan half bei den Wachen mit. Die Nächte teilten sich Anna und Martin. In der freien Zeit wurden Schulaufgaben gemacht, gespielt, gelesen oder Filme geschaut. Martin erklärt: »Bei einer solch langen Überfahrt von knapp 3600 Seemeilen, etwa 6700 Kilometer, ist es am besten, wenn sie so ereignislos wie möglich verläuft. Stürme, Piraten und andere Zwischenfälle möchte man vermeiden, da man komplett auf sich gestellt ist.« »Glücklicherweise blieb alles friedlich und problemlos«, berichtet Anna erleichtert.

»Es war oft langweilig und am Anfang waren Papa und ich seekrank. Insgesamt haben wir nur zwei andere Schiffe gesehen«, berichtet Jonathan. Unvergesslich bleiben für die Familie aber die farbenprächtigen Sonnenuntergänge und der südliche Sternenhimmel mit der hell leuchtenden Milchstraße und der berühmten Sternenkonstellation »Kreuz des Südens«.

Nach 34 Tagen Land am Horizont

Nach 34 Tagen auf See war es Anna, die frühmorgens die Gambierinseln im südlichen Polynesien am Horizont entdeckte. »Es war ein erhebendes Gefühl wieder Land zu sehen und betreten zu können. Das Willkommen durch die Einheimischen und andere Segler war sehr herzlich und wir fühlten uns von Anfang an wohl mitten im Südpazifik.«

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