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Muay Thai: Dick gepolstert in den Kampf

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Die Kleinen können noch nicht über die Ringseile gucken - aber kräftig kickboxen. Der Schiedsrichter achtet genau darauf, dass die Regeln eingehalten werden. © Klaus Nissen

In Bad Salzhausen wird an jedem Werktag geboxt, geschlagen und getreten. Selbst Siebenjährige sind dabei. Sie lernen Muay Thai - den Nationalsport der Thailänder. Der ehemalige Polizist Nils Weyand hat mit seiner Frau Bianca die MT-Sports Akademie gegründet.

Es ist nicht ganz so ruhig wie sonst auf den Straßen von Geiß-Nidda. Nachmittags und abends steuern immer wieder Autos mit fremden Kennzeichen die Sporthalle am Ortsrand an. Ganze Familien und Cliquen junger Leute steigen aus, passieren die Kasse mit der Armband-Ausgabe im Foyer und landen in der Halle.

Im Raum steht ein mächtiger Boxring mit gepolstertem Seil-Geländer. Ringsum Stuhlreihen, auf denen die Mütter und Väter sitzen, neben ihnen Kinder und Jugendliche, die ihrem ersten öffentlichen Kampf entgegenfiebern. Und einige Männer mittleren Alters, die das Geschehen im Ring genau verfolgen. Manchmal machen sie sich Notizen. Sie sind Talent-Scouts, verrät später Detlef Türnau, der Präsident aller Thai-Kickboxer in Deutschland.

Der ehemalige Polizist Nils Weyand hat mit seiner Frau Bianca die MT-Sports Akademie in Bad Salzhausen gegründet. Dort kann man Muay Thai lernen - den Nationalsport der Thailänder. Zur ersten großen Gala der Kickboxer kommen Kinder und Erwachsene aus ganz Deutschland.

Boxhandschuhe größer als Köpfe

Die älteren, nach Profi-Regeln kämpfenden Frauen und Männer steigen erst am Abend in den Ring. Vorher sind die Kids dran. Maximilian und Elias sind mit etwas über fünf Jahren die jüngsten und leichtesten Kämpfer. Sie üben beide in der Muay-Thai-Akademie der Weyands - und wirken ziemlich aufgeregt. Die Boxhandschuhe sind größer als ihre Köpfe. Die werden von mächtigen gepolsterten Hauben geschützt. Um ihre Leiber sind Westen gewickelt; auch die Schienbeine und die Rücken der Füße tragen gepolsterte Protektoren. Der eine trägt Blau, der andere Rot.

Den blauen Kämpfer coacht der Schuldirektor persönlich. Nils Weyand redet in einer Ringecke auf das Kind ein. Er setzt ihm ein Stirnband aus geflochtenem weißen Garn auf, wie es bei Thai-Kämpfern Tradition ist. Max und Elias stecken einen Zahnschutz in den Mund, knien dann nieder, beugen die Köpfe, heben die Handschuhe vor die Brust und schlagen sie dreimal zusammen. Sie stehen auf und berühren sich zur Begrüßung mit je einem Handschuh.

Dann ruft die Ringrichterin »Chock!« - und der Kampf geht los. Die Jungs drängen gegeneinander, schlagen aufeinander ein. Manchmal hebt einer das Knie oder kickt mit dem Schienbein gegen die Flanke des Gegners. Es wirkt trotzdem nicht sehr verbissen - die älteren Kinder, die später auftreten, gehen energischer in den Clinch. Sie umklammern sich und versuchen, den Gegner umzuwerfen. Manchmal gelingt das. Außerhalb des Rings filmen die Eltern ihr Kind durch die Ringseile hindurch. Ein Vater ruft: »Schlagen, schlagen, schlagen - schneller!«

Blessuren gibt es dank der Polsterung nicht, und die Ringglocke beendet jede der beiden Runden schon nach einer Minute. Bis zur Erschöpfung wird also nicht gekämpft. Es ist ja eine Gala, bei der die Jüngeren nach Sparrings- (also Trainings-)Regeln kämpfen. Und am Ende gehen die Arme beider Kämpfer in die Höhe. Unentschieden! Sie werden geherzt und dürfen sich dann Pommes, Waffeln oder eine Banane holen.

In der Pause ertönt Thai-Musik, während sich die nächsten Kämpfer in der Kabine ihre Ausrüstung anlegen.

Nicht weniger als 35 Runden mit etwa 60 Mädchen, Jungen und Erwachsenen finden in der Sporthalle statt. Der Organisator Nils Weyand wirkt trotzdem entspannt. Der 44-Jährige fing schon in den frühen 90er Jahren mit dem Kickboxen an. Er absolvierte Wettkämpfe, erarbeitete sich hohe Dans und Khans (Kampfränge), wurde Trainer und Kampfrichter. Als Polizist und Mitglied eines Sonderkommandos sammelte der ruhige, eher kleine, kahlköpfige Mann viele Erfahrungen mit Auseinandersetzungen aller Art.

Nach 28 Dienstjahren machte er sich Anfang 2021 mit der MT Sports-Akademie selbstständig, unterstützt von seiner Ehefrau. Jetzt üben schon 250 Kinder und Erwachsene bis zu fünfmal pro Woche in der Villenstraße 6 in Bad Salzhausen, erzählt Bianca Weyand. Sie lernen nicht nur das Kickboxen, sondern auch Selbstbehauptung.

Tipps gegen Mobbing

In zwei Büchern gibt Nils Weyand Kindern Tipps, wie sie Mobbing-Attacken vermeiden können. Und erklärt Eltern, wie sie beispielsweise mit Superhelden-Rollenspielen die Defensivkräfte ihrer Kinder stärken können. Bianca Weyand sagt: »Wir wollen die Kinder selbstsicherer machen. Für diesen Sport lernen sie Disziplin. Sie können sich bei uns aber auch richtig auspowern.«

Mehr über die Weyands und die Muay Thai-Kids gibt es auf www.mtstop.de.

Die Thai-Soldaten wehrten sich in alten Zeiten auch mit Händen und Füßen, wenn sie beim Kampf ihre Schwerter und Lanzen verloren hatten. Daraus entstand der thailändische Nationalsport Muay Thai. 1921 fand der erste Wettkampf statt, berichtet Wikipedia. 60 Jahre später maßen sich die ersten europäischen Kickboxer in den Niederlanden.

»Damals bin ich jedes Wochenende zum Training nach Amsterdam gefahren«, erinnert sich Detlef Türnau aus Grevenbroich bei Düsseldorf. Er wurde zum Mitgründer des Muay Thai-Bundes Deutschland und ist heute dessen Präsident. Der Kickboxer-Verband erlebt laut Türnau nach der Corona-Pandemie gerade einen starken Zulauf. Manche Kampfschulen mussten sogar Aufnahmestopps verhängen, berichtet der 66-jährige Funktionär. Momentan sei die Jugendarbeit sehr wichtig. Und er freue sich, dass immer mehr von den Neu-Mitgliedern bei den Kickboxern Mädchen und Frauen sind. Ihnen allen gehe es um Fitness, Selbstbehauptung und Disziplin. »Schlägertypen gibt es bei uns nicht«, sagt der Präsident.

Bei der Gala in Geiß-Nidda machen die Verbandsvertreter Kreuze neben manchen Namen auf der Teilnehmerliste. »Wir suchen Nachwuchstalente«, sagt Detlef Türnau. »Denn wir wollen ein starkes Nationalteam aufstellen.« Muay Thai ist ein internationaler Sport. Im Februar kämpften die besten deutschen Kickboxer bei den Europameisterschaften in Istanbul, danach in Abu Dhabi. Noch im Juli stehen die World Games in Alabama an, gefolgt von Meisterschaften in Kuala Lumpur. Echte Profis gibt es bislang nicht, sagt Türnau. Die nicht geringen Reisekosten müssen die Sportler selbst aufbringen. »Aber wer mit Gold oder Silber nach Hause kommt, kriegt die Kosten vom Bundesverband erstattet.« VON KLAUS NISSEN

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