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Musik gegen Sprachlosigkeit in Friedbergs Alten Hallenbad

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Von: red Redaktion

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koe_Beck_Foto_hms_230322_4c © pv

Die Sprache der Musik verbindet und hilft in schweren Zeiten: Für den Vorstand des Alten Hallenbads und die Musikschule Friedberg war klar, dass ein Benefizkonzert für die Ukraine all das erfüllt.

Anlässlich des durch den Krieg in der Ukraine verursachten Elends gehen einem irgendwann die Worte aus. Nicht aber die Musik. Eine Fülle davon erlebten die Gäste im ausverkauften Alten Hallenbad in Friedberg am Sonntag. Musikschulleiter Bert Jonas hatte mit zwölf Lehrkräften in kürzester Zeit ein Programm zusammengestellt, das wie ein internationaler Dialog zu verstehen war.

Er bezog sich auf Folklore und Konzertstücke ukrainischer Komponisten, Themen wie Krieg, Hoffnung und Frieden und bewegte sich von Liedstudien Béla Bartóks bis Jazz. Aus sieben Nationen stammen die Ausführenden, zwei davon aus der Ukraine. Der junge Akkordeonist Andrij Fesenko lehrt erst seit Kurzem in Friedberg. Seine Intensität und Virtuosität an den vielen Knöpfen des imposanten Instruments war ein Erlebnis.

Momente des Schauderns

Mit einer elegischen Fantasie »Der Wind weht in der Ukraine« eröffnete er das Konzert. Der Wind pfeift gerade schärfer über die Lande dort, aber man konnte sich dabei vorstellen, wie so manche sich über diese Zeit hinwegträumen. Diese Ambivalenz taucht in etlichen Stücken auf, reißt einen hin und her, lässt die Hoffnung auf Frieden nicht schwinden. »A Change is gonna come« von Sam Cook sang beschwörend Tomomi Takahashi, begleitet von Vincent Rocher an der Gitarre. Die Sängerin kommt aus Japan und erinnerte jetzt auch an Hiroshima und Fokushima.

»Wenn Blut fließt, wenn Stahl und Fleisch eins geworden sind, dann kommt der Regen und spült alles fort. Und der Regen sagt uns, wie zerbrechlich wir sind«: »Fragile«, diese Zeilen von Sting ließen einen schaudern, noch dazu, wenn sie so eindringlich von Regina Klein interpretiert wurden.

Die Jazz-Version von John Lennons »Imagine« sprach danach für sich. Auf eine bewegende Fantasiereise begaben sich mit »Legende« Norman Reaves, Violine - er hatte zuvor mit Joachim Grote gespielt - und Georg Klemp, Klavier. Ebenfalls aus der Ukraine stammt Valeria Beck. Sie stimmte zum Klavierplayback mit »Miserlou« orientalische Klänge auf dem optisch wie akustisch ungewohnten elektrischen Cello an.

Was machen Melodien mit Menschen? In den einfühlsamen, temperamentvollen wie wehmütigen Klangschönheiten des Duos María José Fernández, Klarinette, und Andrij Fesenko taucht man tief in die Gefühle ein, sowohl in der Spanischen Suite mit dem höchst virtuosen Satz Saeta, als auch in das Stück »Die Melodie«.

Nicht die Töne der bitteren Gegenwart schlägt die Titelmelodie der ukrainischen TV-Serie »Diener des Volkes« an, in der der heutige Präsident seine Rolle vorwegnimmt. Es ist eine verschmitzte Leichtigkeit, und doch ist es ein Teil der Wirklichkeit dieses Mannes, der jetzt so mutig vor die Welt tritt. Corinna Danzer, Saxofon, wurde begleitet von Vincent Rocher.

Ebenfalls in kürzester Zeit studierte der Konzertsänger Stephan Hess zwei ukrainisch gesungene Volkslieder ein. Andrij Fesenko hatte ihm dabei geholfen.

Nationalhymne und Film-Musik

»Noch sind Ruhm und Freiheit in der Ukraine nicht gestorben. Leib und Leben geben wir für unsere Freiheit. Wir werden niemanden in unserem Heimatland regieren lassen.« Das sind Zeilen aus der ukrainischen Nationalhymne, deren Text aus dem Jahr 1862 stammt und erst 2003 in leicht veränderter Textform als Gesetz verabschiedet wurde. Wer konnte ahnen, dass diese Zeilen so bald Bedeutung bekommen. Sie erklangen als eindringlicher Schlussappell. Auch wenn sich das Friedberger Publikum erst zögerlich dazu erhob, es hatte die Botschaft der Musik verstanden und zollte lange Applaus.

Für Andrij Fesenko war es ein Geschenk, dass er dieses Konzert spielen konnte. Er sei unendlich dankbar für die Solidarität, sagte er sichtlich bewegt im Gespräch. Er stammt aus einer Musikerfamilie, kam 2018 zur Fortsetzung des Studiums nach Darmstadt. Ihm und seiner Familie in der Ukraine ist Musik gerade in schweren Zeiten wichtig: »Durch Musik kann ich Gedanken und Gefühle äußern. Es ist eine Sprache für alle Menschen, sie baut Brücken.«

Die Erlöse aus Kartenverkauf und Spenden gehen ohne Abzüge über die »Aktion Deutschland hilft« an die Ukraine. Insgesamt können 2700 Euro überwiesen werden.

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koe_Fesenko_1_Foto_hms_2_4c © pv
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