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Musikschulen in prekärer Situation

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Von: Hanna von Prosch

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Gute Musiklehrer, die Unterricht geben, werden in der Wetterau immer weniger, wie die örtlichen Musikschulen beklagen. SYMBOL © Imago Sportfotodienst GmbH

Musik macht glücklich - ein Leben lang. Um den Grundstock zu legen, braucht man aber die richtigen Lehrer. Gerade das wird in den öffentlichen Musikschulen der Wetterau zunehmend zum Problem. Ein Grund ist die Bezahlung. Der finanzielle Beitrag von Kommunen und Land müsste höher sein.

Wer ein Instrument erlernene möchte, geht an eine Musikschule und braucht dazu gute Lehrer. Gerade das wird in den öffentlichen Musikschulen der Wetterau zunehmend zum Problem: Es herrscht Personalmangel. Das stellt die Musikschulen und auch die Eltern vor große Herausforderungen. Ein Grund für die prekäre Personalsituation ist die Bezahlung.

Die Elternbeiträge radikal erhöhen, damit die engagierten und hoch qualifizierten Lehrerinnen und Lehrer angemessen bezahlt werden können, das ist für den Bad Nauheimer Musikschulleiter Ulrich Nagel keine Option.

In Hessen - und nur noch in Schleswig-Holstein - liegt die finanzielle Hauptlast sowieso bei den Eltern. Mit ihren Gebühren tragen sie zu 60 Prozent an der Finanzierung der öffentlichen Musikschulen bei. In allen anderen Bundesländern ist das laut einer Statistik des Verbands der Musikschulen (VdM) von 2020 gerechter auf Kommunen (Städte und Landkreise) und Länder verteilt. Der VdM sieht in der unzureichenden Beteiligung durch die öffentliche Hand eine große Gefahr. Gute Lehrkräfte würden nicht mehr für die Musikschulen zur Verfügung stehen und junge Leute ergreifen den Beruf gar nicht erst mangels Perspektive.

Bezahlung nach Tarif kaum möglich

Im Wetteraukreis hat dieser Trend bereits begonnen. Das hat zwei Gründe: Zum einen kann keine der Musikschulen Bad Nauheim, Friedberg, Butzbach und Büdingen nach Tarif bezahlen. Nur die Musikschule Bad Vilbel/Karben zahlt an den Tarif angelehnt, weil sie zu einem Drittel von den beiden Kommunen finanziert wird.

Zum anderen können sie ihren Lehrkräften kaum noch Festanstellungen bieten. In einem Ausmaß zwischen 33 und 90 Prozent beträgt der Anteil der Honorarkräfte mit unterschiedlicher Stundenzahl. Wer dann noch neben den für Musikschulen geforderten Hochschulabschlüssen in Instrument und Instrumental- und Gesangspädagogik ein Aufbaustudium Schulmusik absolviert, wandert lieber ins Angestelltenverhältnis in die Schule ab.

Besonders schlimm sieht die Personalsituation in der Elementaren Musikpädagogik aus, die auch für Schulkooperationen zuständig ist. Gerade dort, wo die Jüngsten mit viel Feingefühl an die Musik herangeführt werden, wo Talente entdeckt und Freude am Spiel geweckt werden soll, ist der Markt leer gefegt. Die Nachfrage am Unterricht steigt aber. Wartelisten existieren bereits, übrigens auch in zahlreichen Instrumentalfächern. »Wer nicht einen Partner hat, der hier arbeitet, oder die Landnähe sucht, kommt für das geringe Honorar nicht hierher. Nach monatelangen Ausschreibungen gehen null Bewerbungen ein«, stimmt Nagel seinen Kolleginnen und Kollegen zu.

Besonders betroffen ist die Musik- und Kunstschule (MuKs) Büdingen ohne die Rhein-Main-Anbindung und ohne städtischen Zuschuss.

»Selbst eine Fachbereichsleitung in Vollzeit mit Führungsverantwortung verdient lediglich 3000 Euro brutto im Monat«, bedauert Bert Jonas, Leiter der Musikschule Friedberg. Seine Kollegin Marion Adloff aus Butzbach ergänzt: »Selbst im Rentenalter müssen Honorarkräfte stundenweise arbeiten, damit sie über die Runden kommen.« Bauen können die Musikschulen noch auf das Engagement und den Zusammenhalt der Unterrichtenden. Und sie versuchen, Studierende an sich zu binden.

Verhandlungen mit der Stadt Büdingen

»Unsere Lehrkräfte sind Künstler und Pädagogen. Sie müssen wenigstens so viel verdienen wie Grundschullehrer oder Sozialpädagogen. Deshalb streben wir eine Drittelfinanzierung von Elternbeiträgen, Land und Kommunen an«, fordert Nagel für alle sprechend. Im Land würden gerade Gespräche laufen, aber ob er das Ergebnis noch erlebe? In Büdingen seien Verhandlungen mit der Stadt im Gange. Die Stadt Bad Nauheim habe die Zuschüsse leicht erhöht. Nur der Landkreis stehe seit 20 Jahren auf dem gleichen niedrigen Niveau.

»Ich frage mich, welchen Stellenwert gibt die Politik der musikalischen Bildung? Was man hier investiert, kommt über die Gesellschaft und das Sozialverhalten zurück. Kinder lernen am Instrument Emotionen auszudrücken, sich aufeinander einzulassen, Durchhaltevermögen, Konzentration, und sie haben ein Erfolgserlebnis durch Arbeit, egal wie begabt sie sind«, sagt Nagel. Dabei richtet der Bad Nauheimer Musikschulleiter auch einen Appell an die Eltern, selbst aktiv zu werden und eine ordentliche Finanzierung der Musikschulen einzufordern.

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