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Nach 45 Jahren geht Ilona Merten-Rack aus Limeshain in den Ruhestand

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Sie geht mit einem lachenden und weinenden Auge in den Ruhestand: Ilona Merten-Rack mit Jungen und Mädchen, deren Mütter und Väter sie schon im Kindergarten in Hainchen betreute. © Andrea Schinzel

Dass früher alles besser gewesen sei, kann sie nicht bestätigen. Gleichwohl hätten sich die Erfordernisse und Erwartungen in ihrem Beruf in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt.

Heute in einer Woche schlafe ich aus, wenn ich kann«. Wie ein Stoßseufzer kommt dieser Satz aus dem Mund von Ilona Merten-Rack. Nach mehr als 45 Berufsjahren als Erzieherin in Limeshain tritt sie ab dem morgigen Mittwoch in den Ruhestand. Das frühe Aufstehen ist sie gewöhnt«, erzählt sie eine Woche vor ihrer offiziellen Verabschiedung dieser Zeitung. Eine Umstellung im Leben der 63-Jährigen, auf die sie sich nun einlassen muss.

Sie geht mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Merten-Rack war gerne als Erzieherin tätig, hat Generationen von Kindern aufwachsen sehen. Kurios, wenn Kinder in die Einrichtung kommen, deren Väter oder Mütter sie schon betreute. Sogar manches Enkelkind ist schon darunter. Und ein Junge, den sie in Hainchen betreute, hat am Neubau der Einrichtung vor gut zehn Jahren maßgeblich mitgewirkt.

»Das sind schon tolle Geschichten«, findet sie. »Insgesamt war es eine spannende und entwicklungsreiche Zeit, die ich in der pädagogischen Arbeit erlebt habe«, blickt sie auf Jahrzehnte zurück, die sie in den Einrichtungen der Gemeinde Limeshain tätig war. Doch nun sei es auch genug, findet sie, und spricht von körperlichen »Abnutzungserscheinungen«, die der Alltag in einem Kindergarten mit sich bringe. Die ständige Geräuschkulisse, das häufige Sitzen auf dem Boden, auf kleinen Stühlen, das Knien, das Bücken… »Aber ich werde die kleinen Menschen vermissen«.

Als 16-Jährige begann Merten-Rack ihre Ausbildung zur Kinderpflegerin, ein Werdegang, der vergleichbar ist mit der heutigen Sozialassistenz, erklärt sie. Sie wollte immer »mit Menschen arbeiten, nicht am Schreibtisch sitzen«. Und als während ihrer Schulzeit die Schüler nach Vorlieben gefragt wurden, war der Weg vorgegeben: Basteln, Handwerkliches, Musik, das war ihr Ding. Das Flöte spielen hat sie in der Ausbildung gelernt, die sie in dem damals gerade neu gebauten Kindergarten in Rommelhausen begann, dem Limeshainer Ortsteil, in dem sie auch ihre Kindheit verbrachte und in dem sie heute noch lebt. Sie wurde in Rommelhausen übernommen und hing die Ausbildung zur Erzieherin dran. Das bedeutete, dass sie drei Jahre lang zwei Abende in der Woche und samstags nochmals zur Schule gehen musste.

Als sie fertig war, kam der Ruf der Gemeinde, ob sie die Leitung der Kindergärten in den Ortsteilen Hainchen und Himbach übernehmen könnte. Himbach währte nur kurz, und so blickt sie nunmehr auf 34 Jahre Tätigkeit als Leiterin der Kindertagesstätte in Hainchen zurück. Seit September 2020 war sie zudem Leiterin des Waldkindergartens in Himbach.

Gut vier Jahrzehnte, in denen der gesellschaftliche Wandel auch vor den Kindertagesstätten nicht haltmachte. Aber die Aussage »Früher war alles anders oder besser«, lässt Ilona Merten-Rack nicht gelten. Natürlich hätten sich die Kinder verändert. Und auch die Arbeit mit den Kindern. Die Kinder seien heute in ihrer Entwicklung weiter, als sie das vor 40 Jahren waren. »Damals waren sie einfach Kinder. Inzwischen wirken Kinder erwachsener oder sind kleine Professoren.«

Auch die Ansprüche an die Erzieherinnen und Erzieher in den Einrichtungen seien gestiegen. »Früher haben wir die Kinder eher bespaßt. Ich habe noch gelernt, dem Kind etwas anzubieten.« Mittlerweile gehöre viel mehr dazu. »Jetzt sollen wir beobachten und sehen, was das Kind will. Vieles ist auf die Kreativität des Kindes ausgerichtet, während es früher Schablonen gab«, erklärt sie. Außerdem wüchsen Kinder aufgrund gesellschaftlicher Umbrüche meist in einem anderen sozialen Umfeld auf, als noch vor drei oder vier Jahrzehnten. Was damals über die Familie an das Kind weitergegeben worden sei, liege inzwischen häufig auf den Schultern der Beschäftigten in den Kindergärten.

»Als ich im Kindergarten begann, war die Arbeit familienbegleitend, inzwischen ist sie familienergänzend.« Das habe damit zu tun, dass Kinder ab einem Jahr Anspruch auf einen Kindergartenplatz haben. »Und das wird auch angenommen«, sagt Merten-Rack. »So erleben wir manchmal die ersten sicheren Schritte oder ersten Worte, die ein Kind spricht.« Auch der Tagesablauf habe sich erheblich verändert. Früher seien die Kinder zur Mittagszeit abgeholt worden und nur wenige seien überhaupt noch mal am Nachmittag gekommen. Dann wurde die durchgehende Betreuung mit Mittagessen eingeführt und die Betreuungszeit verlängert, weil der Bedarf da sei.

Von der Gruppenarbeit wurde in den offenen Modus gewechselt. Der Arbeitsordner mit Materialien wird teilweise von Internetprogrammen ersetzt. Integrativkinder kamen hinzu. Erfahrungen und Erlebnisse, die Merten-Rack nicht missen möchte. »Jeder Tag ist neu, weil unplanbar. Wenn ich zwei Wochen Urlaub hatte, kam ich zurück und alles war anders. Die Bilder an den Wänden und die Kinder. Die entwickelten sich in meiner Abwesenheit weiter.«

Sie würde den Beruf heute wieder ergreifen. »Auch, weil der Beruf Erzieher langsam aufgewertet wird.« 20 Jahre habe sie sich für die sogenannte Leitungsfreistellung für die Kindergartenleitung eingesetzt, damit diese für Verwaltungsarbeiten Zeit erhalten. »Denn das ist nicht mal nebenbei gemacht. Eine Kita ist ein kleines Unternehmen.« Das werde im Rahmen des »Gute-Kita-Gesetzes« nun eingeführt. Auch gebe es mittlerweile passendes Mobiliar für die Beschäftigten, wenn sie mit den Kindern arbeiten.

Ein anhaltend großes Problem sei der Mangel an Erzieherinnen und Erziehern. In der fünf Jahre dauernden Ausbildung gibt es erst im letzten Jahr ein Gehalt. Vor einigen Jahren kam die praxisintegrierte Ausbildung PiA, die über drei Jahr geht. Die hat im Vergleich zur anderen Erzieher-Ausbildung das Plus, dass sie vergütet wird. Am Ende steht ebenfalls die Prüfung zur staatlich anerkannten Erzieherin oder Erzieher. »Diese Ausbildung muss mehr beworben werden«, meint Ilona Merten-Rack.

Sie bedauert außerdem, dass es nur wenige Männer in dem Beruf gibt. »Wir haben im Moment einen Praktikanten, übrigens auch früher Kind im Hainchener Kindergarten. Der ist das Highlight für die Kinder.« Ihr Fazit nach all den Jahren: »Mit den Kindern den Kindergartenalltag zu gestalten, zu singen, zu fördern, zu lachen, zu trösten, manchmal auch zu weinen, sowie viele schöne Momente bei unseren Festen haben mir gezeigt, dass mein Beruf auch Berufung war«.

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