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Neue Erlebnisführung in Büdingen feiert Premiere

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Von: Myriam Lenz

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BÜDINGEN - Büdingen. Es ist düster. Der Mond schickt spärliches Licht. Die beiden Frauen mit Häubchen und langen Mänteln ducken sich Schutz suchend im Schatten des Jerusalemer Tors. "Sei doch still", zischt die eine der anderen zu. Die Schwestern könnten nicht unterschiedlicher sein. Margarete (Irene Ernst) ist die laute, die immer im falschen Moment ihre Erkenntnisse durch die Gassen kräht.

Die Käthe (Renate Britten) flüstert, lässt ihren Blick prüfend um sich schweifen. Wir schreiben das Jahr 1603, Büdingen ist ein gefährliches Pflaster. Die Mauern und Türme sind streng bewacht, es kursieren die Beulenpest und Typhus.

"Dunkle Gassen" heißt die neue Erlebnisführung, zu der der Verein "Eine Stadt spielt Theater" einlädt. Die kleine Gruppe, die sich Stofffetzen aus Leichentüchern vor die Nase halten soll, um sich vor der Beulenpest zu schützen, ist die erste, die erfährt, wie die Stadt gesichert ist und wo vielleicht noch ein Schlupfloch sein könnte.

Keine Schwachstellen

Gibt es überhaupt Schlupfwinkel in dieser angeblich nicht einnehmbaren Stadt? Die Bauherren, Steinmetze und Einwohner Büdingens behaupten das Gegenteil. Dieses mächtige Gemäuer scheint keine Schwachstellen zu haben, eine feindliche Übernahme sei so gut wie ausgeschlossen.

Die Frauen glauben nicht daran und nehmen das Fußvolk mit in die dunklen Gassen, um nach Möglichkeiten zu suchen und ihnen die Bewaffnung der Stadt zu erklären. "Die Weibsbilder sollen aufstehen für ihr Recht", schreit sich Margarete in Rage. Denn die Bevölkerung leidet Hunger, schuftet auf den Feldern. Die Hauptmahlzeiten bestehen aus Haferschleim. Nur die Kinder, deren Eltern das nötige Geld haben, können zur Schule gehen. Margarete wirft einen verächtlichen Blick gegen die Stadtmauer. Vor 100 Jahren (also 1503) sei sie gebaut worden und halte jeden ab. Doch: "Die Tyrannei muss beendet werden. Greift zu den Dreschflegeln, Mistgabeln und den Knüppeln. Wir leiden Hunger! Denken die nicht einmal an uns? Wir müssen uns erheben!"

So zieht das Fußvolk durch die Gassen Büdingens, immer mit Bedacht das kleine Tüchlein vor dem Gesicht zu halten, schiebt sich dicht an den Häuserfassaden vorbei und biegt in die Erbsengasse ein. Wer an einer der Krankheiten leidet, so erzählen die Schwestern, dessen geschwächter Körper wird einem Aderlass unterzogen. Oder die ganze Familie wird eingemauert. Man weiß es damals nicht besser.

Es ist kalt, die armseligen Gesellen sind ausgemergelt und benötigen erst einmal einen Schnaps. Den gibt es in einem Gefängnisturm am Obertor. Diese Pforte sei nie ganz fertiggestellt worden, weil die Möglichkeit für Feinde, durch das sumpfige Gebiet dahinter zu gelangen, äußerst gering ist, tuschelt Margarethe. Im Gefängnisturm lässt Käthe dunkle Geschichten auflodern. Denn durch das "Angstloch" in der Mitte werden die Gefangenen in das untere Geschoss des Turmes heruntergestürzt.

Margarete will wissen, ob sich über dem Weg, "Gebück", eine Möglichkeit bietet, die Stadtgrenzen zu überwinden. Doch ein dichter Streifen aus Weißdorn und Weißbuche lässt das nicht zu, erklärt ihre Schwester.

Auf dem Weg vom Oberhof zum Marktplatz passiert die Gruppe den Schwibbogen, dort wo der Küchenbach zu jener Zeit noch überirdisch fließt. Käthe erzählt vom Schmied Conrad Bader, der diesen Platz bewacht. Überhaupt sind viele Schmiede zur Verteidigung eingesetzt. Die starken Burschen sind ein Bollwerk für sich.

Ungefähr 1200 Einwohner hat Büdingen zu dieser Zeit, 123 Personen sind zur Verteidigung der Bürger eingesetzt. 50 sind bewaffnet, dazu kommen einige Spießbürger, 43 Hellebarden, die Harnische, Langspieße, Schweinespieße und Wurfbarden hatten. Elf Reiter stehen bereit.

Die Gruppe gelangt zum Marktplatz, verharrt kurz. Lila und pinkfarbene Lichtsäulen leuchten. Was hat das zu bedeuten? Vermutlich sind es Feinde.

Am Schlossplatz huscht Margarethe vor, schwenkt die Laterne. Das Zeichen, dass die Gruppe folgen kann. Das Schloss ist gut verteidigt. Fünf Kanonen, 95 Geschütze, 63 Hakenbüchsen, vier halbe Schlangen, eine Steinbüchse auf Karren und vieles mehr wartet auf mögliche Eindringlinge. Die Lage scheint hoffnungslos. Vielleicht mit der nächsten Gruppe, vielleicht mit ein paar gestandenen Mannsbildern, die an jenem Abend fehlen.

Termine und Angebote

Im Programm des Vereins "Eine Stadt spielt Theater" sind neben "Dunkle Gassen" noch die Erlebnisführungen "Klosterfrau und Küchengeist" (10. Mai und 29. September) und "Farn im Schuh - die Liebe nimmt zu" (21. April und 8. September). "Dunkle Gassen" wird nochmals am 10. November und 15. Dezember aufgeführt. Weitere Informationen zu den Führungen gibt es in der Tourist-Information (Marktplatz 9) unter der Telefonnummer 06042/96370 sowie per E-Mail an mail@buedingen.info.

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