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Neues Buch: »Hunger nach Gerechtigkeit«

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Dieter Reinhardt (l.) und Manfred Braun beim Blick in Familienunterlagen aus dem Leben von Gustav Pfannkoch. © Elfriede Maresch

Eine neue Biografie über Gustav Pfannkoch, Niddas erstem Nachkriegsbürgermeister, ist erschienen. Er war Widerständler im Dritten Reich, aufrechter Christ und Laienprediger der ev. Stadtmission.

Die neue Biografie über Gustav Pfannkoch ist zugleich ein Blick in Niddas Stadtgeschichte von 1900 bis 1960: Gustav Pfannkoch, geboren 1895 in Nidda, erlernte den Beruf des Malers und Weißbinders und heiratete 1916 Marie Henes. Schon sechs Wochen nach der Hochzeit musste er als Soldat an die französische Front und erlebte die Grausamkeit des Stellungskrieges. Nach einer Hand- und Armverletzung kam er 1917 zur Erleichterung seiner Familie wieder nach Hause. Die drei Söhne Willi (1917), Gustav (1921) und Reinhold (1926) wurden geboren. Trotz motorischer Einschränkungen durch die Kriegsverletzung baute Pfannkoch ein gut gehendes Weißbindergeschäft auf. Er war Mitbegründer des SC 1912 Viktoria Nidda, dessen langjähriger Vorsitzender und Schiedsrichter.

Über die Sportliste in den Gemeinderat

1928 kam er bei den Kommunalwahlen über die Sport-Liste in den Gemeinderat, hatte sich aber politisch längst festgelegt: Als Christ mit eigener Kriegserfahrung war er Pazifist, stand der SPD nahe, war 1924 Mitbegründer des Reichbanners Schwarz-Rot-Gold und ab 1931 Führer der »Eisernen Front« und des Reichsbanners der Bezirke Nidda und Schotten - beides Gruppierungen zum Schutz der gefährdeten Weimarer Demokratie. Aus Nazi-Sicht hatte er sich damit als »Staatsfeind« positioniert.

Dass Braun noch persönlich mit Pfannkochs Witwe sprechen, private Familiendokumente nutzen konnte, ist eine Stärke des Buches. Lesende bekommen Einblick in das Leben in einer Diktatur, in die Sorge um verfolgte Angehörige, um blutjunge Männer an der Front. Harte Arbeit, schlechte hygienische Bedingungen, Schikane und Misshandlungen erlebte Pfannkoch bei der Haft im KZ Osthofen 1933. Ab 1934 verbreitete er Schriftmaterial, das den gewaltsamen Sturz der NS-Regierung zum Ziel hatte, nahm an Treffen der Widerstandsgruppe »Sozialistische Aktion« teil. Damit war der Tatbestand »Vorbereitung zum Hochverrat« erfüllt, 1936 kam er für mehr als zwei Jahre unter harten Bedingungen ins Gefängnis. Die Aufträge blieben aus, das Handwerksgeschäft ging ein, nahezu während der ganzen NS-Herrschaft lebte die Familie in bitterster Armut.

Wie liebevoll Pfannkoch auch während der Haft den Seinen verbunden blieb, zeigt eine Grußkarte in Zierschrift mit eigenhändiger Zeichnung, die er seinem Sohn Gustav 1936 zum 15. Geburtstag schickte.

Ausführlich schildert Braun jüdisches Leben in Nidda, skizziert, wie sich die einst gute Nachbarschaft in wenigen Jahren über Schikane und Entrechtung zu gnadenloser Verfolgung steigerte. Ergänzt wird dies in einem späteren Kapitel durch scharfe Kritik am wieder aufkommenden neuen Antisemitismus und durch das ausführlich bearbeitete Thema »Israel im Licht der Bibel«.

Unbeirrt hielten Gustav und Marie an der Freundschaft mit jüdischen Familien Niddas fest, auch wenn dies nach NS-Rechtsvorstellungen strafwürdig war. So etwa mit der Familie Wallenstein, die 1938 Plünderung und Zerstörung ihres Geschäftes erlitt. Der freundschaftliche Kontakt der Familien zerbrach durch Flucht und Krieg nicht, ging in der Nachkriegszeit weiter. Pfannkoch half den Wallensteins bei der Durchsetzung von Wiedergutmachungsansprüchen und übergab von Otto Heilmann gerettete Thorarollen aus der Niddaer Synagoge über sie an jüdische Gemeinden.

1941 fiel der erst 20-jährige Gustav Pfannkoch junior an der Front in Russland, ein bitterer Schmerz für Eltern und Geschwister. Die zermürbende Sorge um die beiden anderen Söhne blieb, ebenso die gesundheitlichen Probleme, die sich Pfannkoch während der Haft zugezogen hatte. Nach Kriegsende wurde er zum Niddaer Bürgermeister ernannt, was er bis 1949 blieb - eine schwere Aufgabe durch die allgemeine Not, die Kriegsschäden und die vielen völlig verarmten Flüchtlinge, die Hilfe beim Aufbau einer neuen Heimat brauchten. Weiter wurde er als Treuhänder im Hofgut Haubenmühle eingesetzt.

Lebensaufgabe als Laienprediger

Nach 1949 baute er wieder ein Malergeschäft auf und setzte sich eine neue Lebensaufgabe als Laienprediger bei der Evangelischen Stadtmission. Abschnitte seiner Predigten sind im Buch zu lesen. »Die Biografie ist die Herausforderung, mit offenen Augen und Zivilcourage dem Unrecht und der Diskriminierung von heute entgegenzutreten«, schließt Manfred Braun seinen Text.

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