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Nich zu greifende Gefühle - ein Wetterauer berichtet über Alexithymie

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Von: Christoph Agel

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Eine Umarmung, ein Kuss - Ausdrücke von Emotionen. Menschen, die an Alexithymie leiden, haben Schwierigkeiten, die Gefühle anderer einzuordnen und die eigenen Emotionen zu verstehen. SYMBOLFOTO: IMAGO © Imago Sportfotodienst GmbH

»Ich glaube, ich bin verliebt, aber ich bin nicht sicher«, sagte der Mann beim ersten Treffen mit seiner späteren Frau. Der Wetterauer, der anonym bleiben wil, leidet an Alexithymie - Gefühlsblindheit.

Einen Tag bevor die Familie in den Urlaub fahren wollte, war der Mann der Nachbarin gestorben. In dieser Situation fragte Bernd M. (Name von der Redaktion geändert) besagte Nachbarin, ob sie in der Zwischenzeit nach der Post sehen könnte. Die Trauer und das Unsensible seiner Frage hatte M. nicht bedacht. Weil er es nicht konnte. M. leidet an Alexithymie, an Gefühlsblindheit.

»Ich bin überzeugt, dass die allermeisten Gefühle bei mir auch stattfinden, aber ich nehme sie nicht so wahr«, sagt er. Auch die Gefühle anderer Menschen bleiben ihm meist verborgen, wie die Situation mit der Nachbarin und der Post gezeigt hat. Eine Situation übrigens, die das Potenzial hat, Bernd M. für lange Zeit das Leben schwer zu machen. Denn Scham kennt er, spürt er. »Bei mir funktionieren die negativen Gefühle besser als die positiven«, sagt der Mann. »Wenn es sich um ein negatives Feedback handelt, trage ich das sehr lange mit mir herum.«

Die Gefühle anderer sind ein Minenfeld, die eigenen ein Buch mit sieben Siegeln. Einerseits nimmt M. Gefühle wie Scham wahr, er kann sich auch aufregen, wenn er mit etwas sehr unzufrieden ist, er empfindet auch Stress. Andererseits aber fehlt bei ihm der rote Faden zwischen der Ursache für ein Gefühl und der Emotion selbst. Seine Frau nennt ein Beispiel: Ihr Mann habe ihr körperliche Symptome geschildert, die er nicht habe zuordnen können. »In der Kommunikation konnten wir herausfinden, das ist Angst, und das könnten die Hintergründe sein.«

Die Trauer, die nicht möglich war

Auch Trauer ist so ein Punkt. In diesem Zusammenhang wurde M. seine Gefühlsblindheit zum ersten Mal bewusst. Er war Teenager, sein Großvater war gerade gestorben, er sah den Leichnam und seine trauernde Familie. »Ich stand dabei und konnte damit nichts anfangen.« Die emotionale Zuordnung sei ihm nicht möglich gewesen. Und das, obwohl das Verhältnis zwischen Opa und Enkel gut gewesen sei.

Auch nach dem Tod seines Vaters war diese Gefühlsblindheit da. »Mein Verstand sagte mir, ich müsste ja eigentlich trauern. Diese Empfindung wahrzunehmen, beschreiben zu können, ist mir fremd.«

Was ist mit den positiven Gefühlen? »Ich finde, du hast Schwierigkeiten, Freude auszudrücken«, sagt seine Ehefrau. Zum Beispiel als sie ihn mit dem Besuch im Freizeitpark überraschte. Ihr Mann habe seine Freude nicht zeigen können - »obwohl er offensichtlich Spaß hatte«.

Bernd M. sagt: »Ich bin in den allermeisten Dingen nicht enthusiastisch.« Rockkonzerte zu besuchen, das mag er eigentlich, wenn »mögen« der richtige Begriff ist. Dennoch: »Auch da findet bei mir noch ziemlich viel über den Kopf statt. Ich beschließe, dass mir das jetzt gefällt.« Die Freude, die von ganz alleine kommen sollte, die kommt nicht, sie wird herbeigeredet.

Bei der Geburt des gemeinsamen Kindes war Bernd M. der Erste, der es in den Armen hielt. Seine Frau wollte wissen, wie es für ihn war, das Baby zu halten. Sie meinte das Gefühl. »Mein Mann konnte einfach nur technisch berichten.«

Er ist ein Mensch, der mit Emotionen unfreiwillig wenig anfangen kann. »Meine Frau ist sehr emotional, das ist für mich auch viel Arbeit, das richtig zu interpretieren«, gibt Bernd M. zu. »Unsere Beziehung lebt von der Kommunikation«, erklärt seine Ehefrau den Schlüssel dafür, dass das Miteinander doch so gut funktioniert, auch wenn die Alexithymie so manche Falle stellt.

Lange Zeit habe er nicht in einer Beziehung gelebt, sagt M.. Er sei viel alleine gewesen, in einem »emotional neutralen Feld«, wie er sagt. »Da war natürlich nie jemand, der diese emotionalen Merkwürdigkeiten bemerkt hätte.«

Seine spätere Ehefrau und er lernten einander im Internet kennen. Sie habe sich relativ schnell in ihn verliebt, sagt sie. Er habe beim ersten Treffen mitgeteilt: »Ich glaube ich bin verliebt, aber ich bin mir nicht sicher.« Ihr Mann sei kein Mensch der großen Gesten, er würde ihr auch keine Blumen mitbringen. Das kann dem Miteinander aber nichts anhaben. »Wir haben eine sehr stabile Partnerschaft, er ist unglaublich verlässlich. Er ist sehr offen und sehr lernfähig«, sagt die Ehefrau.

Lernfähig? Was heißt das in diesem Zusammenhang? »Wenn ich eine Umarmung möchte, dann muss ich danach fragen«, sagt sie, bevor er hinzufügt: »Nicht mehr immer.«

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