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»Nicht auf neuen Impfstoff warten«

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Von: Marc Schäfer

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Susanne Herold hat an der Justus-Liebig-Universität die Professur für Infektionskrankheiten der Lunge inne. © pv

Prof. Susanne Herold von der JLU gilt weltweit als eine der führenden Expertinnen, wenn es um die Bekämpfung von SARS-CoV-2 geht. Im Gespräch mit der GAZ rät sie Menschen über 60, die ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf haben, in der aktuellen Sommerwelle zu einer sofortigen vierten Impfung.

Frau Herold, sollten sich die Menschen jetzt schon eine vierte Impfung geben lassen oder lieber warten, bis im Herbst der neue Impfstoff zur Verfügung steht?

Alle Menschen über 70 Jahre und diejenigen, die ein sehr hohes Risiko haben, einen schweren Verlauf zu bekommen, sollten nicht warten, bis der neue Impfstoff da ist. Wenn der erste Booster länger als sechs Monate her ist, gibt es in der aktuellen Sommerwelle, in der die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung groß ist, keinen Grund zu warten. Wir rechnen im September oder im Oktober mit dem neuen Impfstoff, bis man dann einen Termin hat, kann es November werden. Bis dahin ist das Risiko dann doch sehr hoch, dass man sich ansteckt. Diejenigen, die nicht so gefährdet sind, beispielhaft die 60- bis 70-Jährigen, die sonst topfit und gesund sind, dreimal geimpft, die können auch abwarten, bis der an Omikron angepasste Impfstoff zur Verfügung steht.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat zuletzt auch die 60- bis 70-Jährigen angesprochen, sich zum vierten Mal impfen zu lassen.

Internationale Daten, gerade aus Israel, legen das nahe, Man hat dort gesehen, dass sich gerade in der Gruppe der 60- bis 70-Jährigen viele anstecken. Da die Nutzen-Risiko-Abwägung für diese Impfgruppe besonders günstig ist, kann man auch ein bisschen früher als 70 impfen. Auch gerade wenn man zum Beispiel viel Kontakt zu Enkelkindern hat, kann man die Impfung sicherlich schon erwägen, wenn man über 60 ist.

Der »alte« Impfstoff ist ja auch gegen Omikron nicht wirkungslos?

Genau. Man muss ganz klar sagen, dass es einen neuen Omikron-Impfstoff gibt, bedeutet nicht, dass nur der hilft und der aktuelle mRNA-Impfstoff dann nicht mehr hilft. Das ist nicht so. Die Effektivität ist ein bisschen höher, wenn man es mit Omikron-Viren zu tun bekommt und den Omikron-Impfstoff bekommen hat. Aber das ist nicht Schwarz oder Weiß. Insofern muss man jetzt ein bisschen abwägen. Aber noch mal: Wer besonders gefährdet ist, sollte nicht abwarten. Für die Zukunft müssen wir allerdings überlegen, wie wir schneller in ein Zulassungsverfahren kommen, denn wir haben gesehen, wenn eine neue Variante kommt, dauert es ein halbes Jahr oder länger, bis der Impfstoff verfügbar ist. Das muss man beschleunigen, damit wir dem Virus auch voraus sein können und nicht immer nur hinterherrennen.

Gibt es mittlerweile auch eine Hilfe für Menschen, deren Immunantwort auf das Impfen nicht ausreichend ist?

Ja. Es gibt eine sogenannte passive Impfung. Das heißt, Antikörper, die man spritzen kann. Das Präparat wirkt sehr gut gegen die aktuellen Omikron-Varianten. Alle Patienten, von denen man erwartet, dass sie keine ausreichende Impfantwort haben, sollten möglichst bald diese Impfung mit Antikörpern bekommen. Die Antikörper bilden ein Depot und halten mindestens ein halbes Jahr. Man kann sich damit gut schützen.

Das UKGM hat mit der Entscheidung für Aufsehen gesorgt, Corona-positive Mitarbeiter arbeiten zu lassen. Was sagen Sie als Ärztin dazu?

Wir haben das nicht gemacht, weil wir das unbedingt wollen und gut finden, sondern weil wir diese Klinik am Laufen halten müssen. Wir kommen im Moment aufgrund der Personalausfälle in eine kritische Situation, sodass wir handeln mussten, bevor wir Patienten, die dringend versorgt werden müssen, nicht mehr versorgen können. Es ist außerdem abzusehen, dass die Ausfallzahlen steigen werden.

Was hat Sie letztlich zu dem Schritt bewogen?

Wir sind in einer anderen Situation als zu Beginn der Pandemie. Wir haben eine bessere Immunlage in der Bevölkerung, was deutlich schützend wirkt. Und wenn es Infektionen gibt, verlaufen sie schwächer. Es ist also deutlich weniger gefährlich geworden. Die Mitarbeiter werden außerdem nicht in patientennahen Tätigkeiten eingesetzt. Wenn man heute zu einer Veranstaltung geht oder in den Bus steigt, ist das Risiko aus meiner Sicht höher, sich anzustecken, als in einem Klinikum, in dem in einigen Bereichen infizierte Personen mit FFP2-Maske arbeiten. Man muss das in Relation sehen. Was ist der größere Schaden? Unsere Stationen müssen laufen. Und auch die chronischen Patienten können nicht wieder ein halbes Jahr lang nicht gut versorgt werden. Das können wir uns nicht mehr leisten. Ich erinnere nur an die Inzidenz von fortgeschrittenen Krebserkrankungen in Deutschland während der Pandemie. Die ist deutlich gestiegen. Unter Abwägung all dieser Dinge sind wir der Meinung, dass diese Entscheidung ein guter Schritt ist.

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