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Assenheimer als Baustellen-Inspektor in Katar

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Von: Sabrina Dämon

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Dr. Reinhold Rühl © Sabrina Dämon

Der Assenheimer Dr. Reinhold Rühl war in Katar, um WM-Stadien-Baustellen zu inspizieren - und widersprüchliche Erfahrungen gemacht. Davon erzählt er in einem Online-Vortrag.

Dr. Reinhold Rühl hofft auf Kritik. Dass seine Zuhörer ihm widersprechen und mit ihm diskutieren, wenn er seinen Vortrag über die WM-Stadien in Katar hält. Weil er sich, wie er sagt, bis heute nicht sicher ist, was er von seinen Aufenthalten in dem arabischen Land halten soll. 2018 und 2019 ist er dort gewesen. Damals ist an den WM-Stadien gebaut worden. Als Mitglied der IG Bau ist der Assenheimer Chemiker zur Inspektion der Baustellen mitgekommen. Die Inspektion ist von der internationalen Bau- und Holzarbeiter-Gewerkschaft (Building and Wood Workers’ International - BWI) geleitet worden, die in den Jahren zuvor auch WM-Stadien in Südafrika, Brasilien oder Russland inspiziert hatte.

Gefragt worden ist Rühl vor allem, weil er als Chemiker sein Leben lang zum Thema Arbeitsschutz und Baustoffe recherchiert und gearbeitet hat und ein Experte für Gefahrstoffe ist. 2017 kam dann die Anfrage: Ob er mitkommt? »Meine erste Reaktion war: ›Was soll ich da, ich habe keine Ahnung von Gerüsten.‹ Mir wurde entgegnet, dass man Spezialisten für Gefahrstoffe und Elektrik braucht. Es waren dann auch zwei Elektriker aus Schweden in Katar dabei.«

Doch, erzählt Rühl, er hatte eine Weile überlegt und Zweifel gehegt. Seit die Fußball-WM an Katar vergeben worden war, gab es viel Kritik. »Zu der WM kannte ich das, was alle wissen, Beckenbauers Satz ›Ich habe keine Sklaven gesehen.‹ Es gab Tote wegen mangelhaftem Arbeitsschutz und durch die Hitze, die Bauarbeiter müssen ihr Trinkwasser selbst bezahlen usw.«

Mit Kollegen und Freunden habe er viel diskutiert - »was ich in Katar soll, ob das nicht das System unterstützt. Aber letzten Endes habe ich zugesagt, auch weil ich neugierig war, was da abgeht.«

Die erste Reise beginnt im September 2018. Die Inspektoren sind täglich auf den Baustellen, schauen sich um, führen Gespräche mit dem »Supreme Committee of the stadium sites«, den Verantwortlichen für die Stadion-Baustellen, sowie mit den Sprechern der Arbeiter, deren Unterkünfte sie sich auch anschauen.

Was Rühl vor Ort sieht, hätte er nicht erwartet: »So gute Großbaustellen haben wir in Europa noch nicht gesehen.«

Die WM-Baustellen und die anderen…

Wenn er zu Hause davon berichtet habe, habe es oft geheißen: »Ihr seid ja auch geführt worden.« Aber so sei es nicht gewesen - »wir konnten hin, wo wir wollten«. Was Rühl allerdings stets dazu sagt: Die WM-Baustellen seien nicht mit denen der gewöhnlichen Baustellen in Katar zu vergleichen. Einmal seien sie mit dem Auto an einem Kreisel vorbeigekommen, an dem gerade gearbeitet worden sei. Im Gegensatz zu den Stadien seien hier aber nicht die Sicherheitsvorschriften eingehalten worden: »Es wurden Steine mit der Flex geschnitten, und es gab viel Staub, aber die Bauarbeiter hatten keine Schutzkleidung an.«

Auf den Baustellen im Land, berichtet Rühl, arbeitet kein Katarer. Das Land habe rund 3 Millionen Einwohner, davon seien aber nur 10 Prozent Katarer. Überwiegend leben dort Gastarbeiter, auch Akademiker (etwa 2000 Deutsche). Laut einem Bericht von Human Rights Watch von 2018 sind nur 1,5 Prozent der Arbeiter in Katar bei den WM-Baustellen beschäftigt. Aus Sicht der Arbeiter, die Rühl in Gesprächen kennengelernt hat, habe die »Beaufsichtigung durch BWI« nicht nur Vorteile. Denn: Sie dürften dann nur acht, evtl. zehn Stunden arbeiten. »Sie wollen aber mehr arbeiten, um mehr Geld nach Hause schicken zu können.« Bei Baustellen, die nicht vom BWI kontrolliert würden, würden bis zu 15 Stunden gearbeitet.

»Irgendwie passt das alles nicht zusammen«, sagt Rühl. »Die WM-Baustellen sind in Ordnung, vielleicht besser als in Deutschland. Die Unterkünfte sind in Ordnung, aber die Arbeiter werden relativ schlecht bezahlt, wenn sie auch relativ gesehen besser verdienen als in ihrem Heimatland.« Zudem hätten sie kaum eine Möglichkeit, außerhalb der Unterkunft Freizeit zu verbringen.

Über all diese Widersprüche, seine Erfahrungen und über die Ergebnisse der Baustellen-Inspektionen möchte Rühl mit anderen Menschen ins Gespräch kommen - bei seinen Vorträgen. Zuhören und mitdiskutieren kann jeder, der Vortrag ist online.

Am morgigen Freitag, 8. Juli, hält Rühl im Rahmen der Sicherheitswissenschaftlichen Kolloquien der Uni Wuppertal einen Online-Vortrag mit dem Titel »Arbeitsschutz-Inspektionen auf Baustellen der WM-Stadien 2022 und andere Eindrücke aus Qatar«. Beginn ist um 13.15 Uhr. Den Link, um am Zoom-Vortrag teilzunehmen, findet man unter www.institut-aser.de

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