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Gefahren auf dem Bau im Blick

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Von: Sabrina Dämon

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Dr. Reinhold Rühl © Sabrina Dämon

Die Kollegen haben mal gesagt, Dr. Reinhold Rühl ist einer, der immer mit dem Kopf durch die Wand will. Als Chemiker hat er nicht immer ganz konventionell gearbeitet. Kürzlich hat er ein Buch veröffentlicht.

Die Idee kam beim Aufräumen. Dr. Reinhold Rühl war schon in Rente, das letzte Arbeitsprojekt hatte er gerade abgeschlossen. Er sortierte die vielen Papiere, die sich im Laufe seines Arbeitslebens angesammelt hatten. »Dabei dachte ich: Eigentlich habe ich zu jedem Baustoff schon mal etwas gesagt.« Der 71-Jährige ist ohnehin nicht der Ruhestandstyp, der es komplett mit der Arbeit seinlassen kann. Dafür, sagt der Chemiker, hat er seine Arbeit zu gerne und mit viel Herzblut gemacht. Und so nahm er sich die Unterlagen erneut vor, arbeitete sie durch, schrieb Texte. Im Februar war er fertig mit seinem Buch.

Es ist ein Handbuch geworden. Über Baustoffe und Arbeitsschutz. Darin widmet sich Rühl der Einstufung von Stoffen - Zement und Spachtelmasse ebenso wie Lösemittel oder Epoxidharze. »Das Ziel des Buchs ist neben dem Arbeitsschutz auch, Bauherren, Architekten und andere für den Bau Verantwortliche zu informieren.« In den Kapiteln zu den jeweiligen Stoffen möchte er ein Verständnis für deren Einstufung schaffen - »ob sie giftige, krebserregende, hautschädigende oder andere Eigenschaften haben«.

Mit all diesen Themen hat er sich viele Jahre beschäftigt. Auch wenn diese Laufbahn nicht geplant war. Doch als er 1982 seine Promotion abgeschlossen hatte und die Justus-Liebig-Uni in Gießen verließ, dauerte es nicht lange, bis er in die Baubranche kam - zur Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft als Leiter für ein digitales Projekt. Seine Aufgabe: der Aufbau des Gefahrstoff-Informationssystems der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft, kurz GISBAU.

Es war ein Pilotprojekt, entstanden vor dem Hintergrund, dass es viele teils tödliche Krankheiten durch Stoffe in Baumaterialien gab - »mehr als durch Arbeitsunfälle«. Zum Beispiel durch Asbest, Quarzstaub oder Lösemittel. Ziel von GISBAU war und ist es, darüber in einer Datenbank zu informieren.

Wissenschaftlich, aber verständlich

Rühl war als Chemiker im Team. Doch, das wussten die Projekt-Organisatoren: Naturwissenschaftler neigen zu unverständlicher Ausdrucksweisen. Deswegen, erzählt Rühl, holten sie einen Soziologen dazu. »Damit wir die Infos verständlich aufarbeiten.« Rühl war erst skeptisch. Doch es hat funktioniert - und seine weitere Arbeit geprägt. Denn letztlich, sagt er, geht es darum, verständliche Informationen zu formulieren. Als Negativ-Beispiel nennt er Sicherheitsblätter, die Gefahrstoffen beiliegen müssen. Das Problem dabei: »Das versteht kein Mensch. Das sind Texte von Chemikern für Chemiker, und die wissen es sowieso schon.« Mit seiner Art zu arbeiten hat sich Rühl allerdings auch einige Konflikte eingehandelt. Er schmunzelt: »Es hieß mal, ich bin der meistverklagte Mitarbeiter der BG Bau.« Aber, er lacht: »Wir haben vor Gericht immer gewonnen.« Einmal zum Beispiel bekam er Post: eine Unterlassungsverfügung. Wenn er sich noch einmal über den Chromatgehalt im Zement äußere, müsse er 700 000 DM zahlen. Nicht, weil er falsche Aussagen getroffen hätte, sondern: »Weil ich in den Markt eingreifen würde, hieß es damals.« Er hatte von allen Zementwerken in Deutschland die Daten veröffentlicht. Das war in den späten 90ern. Zu dieser Zeit sind jedes Jahr 400 bis 500 neue zementbedingte Chromat-Allergien in Deutschland aufgetreten, berichtet Rühl. In Skandinavien jedoch nicht: Dort gab es eine Lösung, um chromatarmen Zement herzustellen: »Indem man dem Zement beim Anmischen eine Eisenverbindung hinzugegeben hat.« Die deutsche Zement-Industrie hinkte (aus Spar-Gründen) hinterher - und fand es nicht erfreulich, dass Rühl sich dazu äußerte. Er gewann den Prozess - und äußerte sich weiter.

In Katar bei den WM-Baustellen

Heute gehört das Thema der Vergangenheit an: Laut EU-Verordnung von 2005 ist in Europa die Nutzung von chromatarmen Zement vorgeschrieben.

Bis 2018 ist Rühl bei der BG geblieben - als Leiter des Bereichs Gefahrstoffe. Im Oktober 2018 ging er in den Ruhestand. Eigentlich; doch von 2020 bis 2022 hat er an einem EU-geförderten Projekt über Quarzstaub auf Baustellen mitgearbeitet - eine Broschüre (geordnet nach Berufen und Tätigkeiten) ist entstanden und in zwölf Sprachen übersetzt worden.

Oder, als Gewerkschaftsmitglied der IG Bau, ist er nach Katar geflogen, um dort die noch im Bau befindlichen WM-Stadien zu inspizieren. Das Beste an seiner Arbeit, sagt er, waren die vielen Kontakte, das Herumkommen, vor allem, dass er mit seiner Arbeit etwas bewirken konnte. »Aber das klappt nur, wenn man eine verständliche Sprache spricht.«

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