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Bangen um die Hochzeit

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Von: Georgia Lori

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Aktuell sind rund 65 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht oder haben ihre Heimat unfreiwillig verlassen. Fluchtgründe gibt es viele. Flüchtlinge haben oft Grausames erlebt und stehen vor einer völlig neuen, unklaren Situation. Aus den vielen Flüchtlings-Initiativen in Nidderau hat sich inzwischen ein Verein gegründet – denn die vielen Aufgaben werden komplexer und die Sachgebiete bedürfen einer Spezialisierung.

Lautes Stimmengemurmel im Blauhaus deutet auf eine größere Menschenansammlung hin. Die Männer und Frauen die sich dort versammelt haben, haben eines gemeinsam: Sie sind Geflüchtete und suchen Schutz in Deutschland. 380 Flüchtlinge leben derzeit in Nidderau. Sie kommen aus Krisen- und Armutsgebieten. Wenn sie in Deutschland ankommen, besitzen sie keine Wohnung, kaum Kleidung und sprechen die Sprache nicht. Nach ihrer Ankunft stehen die Unterbringung, die Versorgung mit dem Nötigsten und das Erlernen der deutschen Sprache an erster Stelle.

Doch wie geht es danach weiter? Aktuell wird die Flüchtlingshilfe von etwa 150 Menschen aus Nidderau unterstützt. Etwa zwei Drittel von ihnen sind aktive Helfer. Längst haben sich die elementarsten Aufgaben erweitert, benötigt werden Anwälte für Asylrecht oder psychologische Beratung. Unterstützung bei der Wohnungs- und Jobsuche oder Möbelbeschaffung und Umzüge zählen ebenso zu den Aufgaben, wie Behördengänge oder die Begleitung bei schwierigen Arztbesuchen.

Sauer auf die Behörden

Die ehrenamtlichen Helfer stehen auch bei der Hausaufgabenhilfe zur Verfügung, in der Fahrradwerkstatt, der Nähgruppe, bei Sprachkursen und Sportangeboten. „Eine gute Zusammenarbeit besteht zwischen Flüchtlingshilfe und Stadt und den vier städtischen Sozialarbeitern. Die Kirchengemeinden unterstützen uns mit der Essensbank und Kirchenasyl“, sagt Pfarrerin Kirsten Ohly. Soweit scheint alles strukturiert zu sein, wären da nicht die schmerzhaften Problemfälle, die Ohly wütend auf die Behörden machen.

Aufgeregt schildert sie den Fall eines 24-jährigen syrischen Mannes, dessen Heirat in Deutschland aus bürokratischen Gründen zu scheitern drohte. Der Mann, der in Nidderau lebt, möchte seine syrische Freundin nach deutschem Recht heiraten, damit sie zusammen wohnen können – denn die Frau ist gemäß dem Verteilungsschlüssel der Länder in Nordrhein-Westfalen untergebracht.

Ein Flüchtlingspaar darf erst dann zusammenleben, wenn es nachweisen kann, dass es verheiratet ist, falls sie in unterschiedlichen Bundesländern leben. 2016 wird die Syrerin subsidiär anerkannt und erhält deutsche Ersatzausweispapiere in Form eines elektronischen Passes und Reisepasses. Im Mai 2016 bestellt der junge Mann beim Nidderauer Standesamt das Aufgebot. In Syrien fordert er das notwendige Ehefähigkeitszeugnis und die Geburtsurkunde an. Dafür fallen 400 Euro Gebühren an.

Die Papiere werden umgehend zur Prüfung an das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt geschickt, das alle Anträge ausländischer Aufgebote überprüft. Das OLG fordert den syrischen Reisepass des Mannes nach, doch dieser liegt beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Büdingen, da das Asylverfahren des Mannes noch nicht abgeschlossen ist. „Der Syrer durfte erst nach zehn Monaten Aufenthalt im August 2016 zur Anhörung“, sagt Ohly. Viele Telefonate der Helfer folgen.

Den Despoten finanzieren

Schließlich übersendet das BAMF eine Kopie und die Übersetzung des syrischen Reisepasses. Doch der Pass ist seit April 2016 abgelaufen. Der Syrer verfügt zu diesem Zeitpunkt nur über eine Aufenthaltsgestattung und kann aufgrund des offenen Asylverfahrens seinen Pass nicht verlängern lassen. Subsidiären Schutz hat er erst im Februar erhalten. Subsidiär Schutzberechtigte erhalten eine Aufenthaltserlaubnis, die für ein Jahr gilt und für jeweils zwei weitere Jahre verlängert werden kann. Da die Gültigkeit der benötigten Urkunden Ende des Monats erlischt, ist der Syrer gezwungen, sich einen neuen syrischen Reisepass zu beschaffen.

Ihm droht, zum Militärdienst in seinem Heimatland verpflichtet zu werden: Um diesem zu entgehen, ist er nach Deutschland geflohen. „Er wollte nicht seine Landsleute ermorden und einem Despoten dienen. Jetzt finanziert er, gezwungen durch deutsche Behörden, das Morden in seiner Heimat mit hohen Kosten zur Beantragung des Reisepasses“, meint Ohly. Die Hochzeit habe aber kürzlich in Nidderau stattfinden können – nachdem der Bräutigam den Pass in Berlin abgeholt habe. Doch schon stehe die nächste Zitterpartie an: Die Umverteilung der Ehefrau nach Nidderau muss bei den zuständigen Ausländerbehörden beantragt werden.

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