Lesbische Liebe im Holocaust

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In ihrem Roman „Aimée und Jaguar“ hat Autorin Erica Fischer viele Spuren aufgenommen, um über eine außergewöhnliche Liebesgeschichte im Berlin des Jahres 1943 zu erzählen. Auf Einladung des Beirates für Familie und Jugend in Nidderau hat Fischer im Kino Luxor Filmpalast aus dem 1994 erschienen Roman gelesen und interessante Details zur Entstehungsgeschichte verraten. Im Anschluss wurde der Film gezeigt.

„Wir wollen das Frauenkino aufwerten und verfilmte Literatur in das Kino bringen“, sagt Beiratsmitglied Gabriele Roß. Autorin Fischer ist dazu eigens aus Berlin angereist, wo sie auch der 80-jährigen Lilly Wust begegnet ist. „1991 habe ich Lilly zum ersten Mal gesehen. Sie ist 2005 gestorben“, sagt Fischer. Von ihr, der arischen Deutschen mit Mutterkreuz, lässt sie sich die Geschichte ihrer Liebe zur 21-jährigen Jüdin Felice Schragenheim erzählen.

Die begann mitten im Krieg und dauerte nur kurze Zeit, bis zu Felices Verhaftung am 21. August 1944. In Folge wurde sie nach Theresienstadt und Groß-Rosen deportiert. Fischer recherchierte die Geschichte mit zeitgeschichtlichen Details, führte Interviews mit ehemaligen Bekannten und Verwandten. Während der Lesung zitiert sie aus Briefen und Gedichten Felices.

Übrig geblieben von der „deutschen Story, die nicht aneckt“, sind Briefe, Gedichte, Tagebücher und Fotografien, die sich heute im Archiv des Jüdischen Museums Berlin befinden. Das Buch, das im Verlag Kiepenheuer & Witsch in Köln erschienen ist, ist noch immer im Handel zu erwerben. Es ist in 20 Sprachen übersetzt worden. „Für mich war es ein wichtiges Buch, denn die Auseinandersetzung mit dieser Zeit und Felice hat mir geholfen, einen Zugang zu meiner eigenen Vergangenheit zu finden. Meine Mutter war Jüdin aus Warschau“, sagt Fischer.

Der Verlag fragte sie, ob sie das Buch schreiben will, nachdem ein Amerikaner Lilly Wust kennengelernt hatte, so die Geschichte ins Rollen brachte. Fischer sah sich das Material über Felice an, die „wunderbaren Fotos“ und stimmte zu. In Folge entstand eine Ausstellung, die durch fast alle Bundesländer tourte. Fischer sagt, dass sie nicht mit erhobenem Zeigefinger auf eine lesbische Liebe zeigen wollte. „Es war Liebe“, stellt sie klar. Wichtiger ist ihr, ein Kapitel deutscher Zeitgeschichte zu erzählen.

In „Aimée und Jaguar“ verknüpft sie Privates mit Politik, Alltag mit Weltgeschichte. Nach Erscheinen des Buches meldeten sich weitere Zeitzeugen. Der neuen Ausgabe konnte manches hinzugefügt werden. So erhält Fischer in San Francisco die Information, dass Felice in Bergen-Belsen zu Tode gekommen ist. Die Geschichte von Lilly Wust und Felice Schragenheim ist von dem deutschen Regisseur Max Färberböck verfilmt worden.

Fischer ist 1943 in England geboren, wo die Eltern nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 Aufnahme fanden. Nach dem Krieg kehrten sie mit ihren beiden Kindern nach Wien zurück. Anfang der 70er Jahre wurde sie zu einer der Gründerinnen des österreichischen Feminismus. Seit 1988 lebt sie als Autorin, Übersetzerin und Journalistin in Deutschland, seit Ende 1995 in Berlin.

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