Auszeichnung

Schülerin kümmert sich aus freien Stücken um Demenzkranke

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Sie verbringt Zeit mit anderen Menschen und hört ihnen zu. Es sind nicht irgendwelche Menschen, sondern Patienten, die dement sind. Für ihre freiwillige Mithilfe in der Nidderauer Seniorenbetreuung auf Burg Wonnecken ist die 16-jährige Turid Charlotte König kürzlich von der Hanauer Vergissmeinnicht-Stiftung geehrt worden.

Sie wirkt ruhig und freundlich. Mit routinierten Handgriffen hat die 16 Jahre alte Realschülerin im Nu die Jacke einer Patientin aus dem Schrank geholt und führt sie zum Aufzug. Die vielen Jacken muss man erstmal auseinander halten können, aber Turid ist nicht zum ersten Mal dort. Wann immer sie die Zeit findet, greift das empathische Mädchen den Patienten auf der Nidderauer Burg Wonnecken im Wortsinn unter die Arme. Geht mit ihnen spazieren. Schenkt ihnen ihre Zeit. Schenkt ihnen ihr Ohr.

Von 9.15 bis 16 Uhr verbringen die demenzkranken Gäste ihre Tage dort. Geleitet wird das Tageszentrum von Turids Mutter Ursula König (52). Als diese sich im Sommer letzten Jahres die Schulter brach, kam Turid öfter mal zu ihr zur Arbeit, um sie zu unterstützen. „Dann habe ich so einen Spaß daran gefunden, dass ich einfach dabei geblieben bin“, sagt Turid.

Es sei keine Arbeit, sondern freiwilliges Helfen, sagt sie, und es mache ihr viel Freude. „Ich helfe generell gerne Menschen, denen es nicht gut geht.“ Außerdem mag sie, „dass die Patienten so vieles mit Humor nehmen und noch so viel lachen“. Helfen, das sei für sie auch eigentlich nichts, das einer Auszeichnung bedürfe, sondern etwas Selbstverständliches. Die Worte des Mädchens klingen warmherzig und ausgesprochen reif, erst recht für ein Alter, in dem viele andere nur sich selbst und Partys im Kopf haben. Aber Empathie und soziale Wahrnehmung, das habe Turid schon sehr früh gezeigt, erinnert sich ihre Mutter.

„Turid hat im Kindergarten schon die jüngeren Kinder an die Hand genommen, wenn die nicht wussten, wo sie hin müssen und den Erzieherinnen geholfen.“ Auch ihrem gesundheitlich angeschlagenen Vater zu helfen ist für Turid eine Selbstverständlichkeit. Die Gäste des Tageszentrums Burg Wonnecken schätzen Turids Anwesenheit. „Sie freuen sich, wenn ich komme“, erzählt sie strahlend. Mal jemanden aus einer ganz anderen Generation dort zu haben, empfänden die Gäste als Bereicherung, so Turids Eindruck.

Ihre Erfahrungen mit den Demenzerkrankten helfen ihr nun auch im privaten Umfeld. Seit einem Jahr steht fest, dass auch Turids Oma die tückische Krankheit ereilt hat. Noch nimmt die Schülerin es einigermaßen gelassen. „Sie hat es noch nicht ganz so stark und zuweilen ist es noch recht lustig mit ihr“, sagt Turid. Und die Mutter ergänzt: „Ja, da kriegt der Opa die Krise, wenn die Oma darauf besteht, einen Salatkopf zu kaufen, obwohl sie schon zehn Köpfe zu Hause hat.“ Und doch, so lustig einzelne Anekdoten anmuten, Ursula und Turid König wissen am besten, dass diese Krankheit eigentlich nicht zum Lachen ist.

„Wenn meine Oma mich nicht mehr erkennt, dann werde ich wohl weinen“, sagt Turid. Noch immer gibt es kein Heilmittel gegen Demenz. „Im besten Falle lässt sich der Prozess ein wenig verlangsamen“, weiß Ursula König. Was ihre Mitschüler über ihr Engagement denken, weiß die 16-Jährige gar nicht, denn sie redet nicht viel über ihre guten Taten. „Es sei denn, es gibt mal etwas wirklich Lustiges zu berichten.“ Nur Turids beste Freundin ist natürlich in vollem Umfang eingeweiht und zollt ihr Bewunderung für ihr Engagement.

Turid arbeitet derzeit an einem guten Realschulabschluss, möchte danach noch ihr Abitur machen. Und dann? Das weiß sie noch gar nicht so recht, wie sie sagt. Medizin? Vielleicht. Anderen zu helfen scheint in jedem Falle ihre Berufung zu sein.

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