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Viabus zieht sich überraschend zurück: Heimische Firmen erhalten Zuschlag für Buslinien

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Faustdicke Überraschung für die Fahrgäste in Nidderau: Der ungeliebte Stadtbus-Betreiber Viabus streicht die Segel. Schon ab Februar sollen wieder Busse des Altenstädter Unternehmens Stroh rollen. Und auch eine Firma aus der Stadt selbst kommt nun zum Zuge.

Verspätungen, Ausfälle, Fahrer ohne ausreichende Sprachkenntnisse und fehlende Fahrscheindrucker: Seit Monaten sind Fahrgäste im westlichen Main-Kinzig-Kreis genervt. Im Nahverkehr läuft vieles unrund, seit das Speyrer Unternehmen BRH Viabus vor einem Jahr viele Linien im Raum Hanau übernommen hat – und im Juni auch den Stadtbus in Nidderau. Immerhin: „Es hat sich halbwegs eingeschliffen“, sagt Nidderaus Erster Stadtrat Rainer Vogel (Grüne). Die Leistung habe Viabus „von mangelhaft zu befriedigend“ gesteigert. „Aber wir erwarten mehr.“

Diese Erwartungen werden andere erfüllen: Viabus habe sein Angebot für den Betrieb des Nidderauer Stadtbusses sowie des Linienbündels Langenselbold/Gelnhausen zurückgezogen, erklärt MKK-Verkehrsdezernent Winfried Ottmann (CDU). Damit ist der Weg frei, dass die Zweitplatzierten der Ausschreibung zum Zuge kommen. So übernimmt die Busfirma Stroh aus Altenstadt den Nidderauer Stadtbus, den sie bis vor einem Jahr bereits betrieb. In Langenselbold/Gelnhausen geht eine Bietergemeinschaft aus „Dein Bus“ aus Offenbach und den Verkehrsbetrieben Nagoldtal in Baden-Württemberg an den Start. Der Fernbus-Pionier „Dein Bus“ betreibt seit einem Jahr bereits den Linienbusverkehr im Raum Friedberg/Rosbach mit positiven Rückmeldungen von Fahrgäste und Verantwortlichen. Die Hälfte des Langenselbolder Bündels mit 14 Fahrzeugen soll der örtliche Betreiber Heuser als Subunternehmer fahren. Damit wäre das drohende Aus des Familienbetriebs abgewendet (diese Zeitung berichtete). Auch in Nidderau kommt ein Betreiber direkt aus der Stadt mit dran: Schäfer-Reisen werde einen der drei Stadtbusse fahren, kündigt Rolf Heuser an, Prokurist beim Busunternehmen Stroh.

Rolf Heuser war es auch, der im Januar in der Bad Vilbeler Neuen Presse offengelegt hatte, dass Viabus offenbar mit Dumping-Preisen kalkulierte. Denn das Speyerer Unternehmen, Tochter britischer Finanzinvestoren, wirtschaftet laut eigener Daten dauerhaft im Minus. Viabus wies den Vorwurf zurück. Dennoch folgten empörte Reaktionen bis aus der Landespolitik und bundesweite Aufmerksamkeit für den Fall. Mehrfach musste MKK-Landrat Thorsten Stolz (SPD) das Vorgehen der Kreisverkehrsgesellschaft (KVG) verteidigen. Die Firmen Heuser und Stroh beantragten derweil, die Vergabe zu prüfen. Das Verfahren lief bis vor kurzem beim Regierungspräsidium Darmstadt (RP). Die lange Dauer begründet RP-Sprecher Dieter Ohl damit, dass die Nachprüfung „durchaus komplex und strittig“ gewesen sei und es „einen längeren Schriftverkehr“ gegeben habe.

Nach dem Rückzug von Viabus haben nun Stroh und Heuser ihre Nachprüfungsanträge zurückgerufen und das Verfahren beim RP gestoppt. So ist der Weg frei dafür, dass die KVG die finale Vergabe des Auftrags vornimmt. Viabus ist derzeit nur per Notvergabe unterwegs. Bereits ab 3. Februar sollen die neuen Betreiber fahren. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran“, sagt Rolf Heuser. Verkehrsdezernent Ottmann bittet die Fahrgäste um Verzeihung, dass anfangs Altfahrzeuge eingesetzt würden. Das Beschaffen neuer Busse benötige einige Monate Vorlauf, erklärt Heuser. Genügend passende Fahrzeuge, um den Betrieb aufnehmen zu können, hätten die Firmen aber. Die Fahrgäste könnten sich auf zuverlässigen Betrieb einstellen, verspricht Rolf Heuser. „Wir wollen einen gewohnt guten Betriebsstart bieten.“

Und warum hat sich Viabus zurückgezogen? Die Firma kündigt eine Stellungnahme für Donnerstag an. Dem Vernehmen nach soll sich Viabus bereits im Sommer bei den Verantwortlichen in MKK darüber beklagt haben, dass die Einnahmen nicht ausreichten. Das hat die Firma aber selbst verursacht: Mutmaßlich wegen der Kalkulation mit Dumping-Preisen, sicher aber durch die schlechte Leistung im Linienbetrieb. „Wir haben in den vergangenen Monaten in mühevoller Arbeit immer wieder die Mängel dokumentiert und die Einhaltung der vertraglich vereinbarten Qualitätskriterien gefordert“, erklärt Dezernent Ottmann. Die KVG habe daraufhin Vertragsstrafen verhängt und die Zahlungen an Viabus reduziert. Offenbar hat das Unternehmen daraufhin nun die Reißleine gezogen.

INFOBOX

Stadtbus rollt nach neuem Konzept

Der Stadtbus Nidderau ist seit Juni nach neuem Konzept unterwegs: Die Linie 45.1 bindet wie die Wohnbereiche von Heldenbergen an den Bahnhof Heldenbergen an. Zusätzlich werden die wachsenden Wohnbereiche Neue Mitte und Allee Süd neu erschlossen. Die Linie MKK-45.2 übernimmt die Anbindung von Eichen und Erbstadt nach Heldenbergen und an die Bahnhöfe Eichen und Ostheim. Dort sind Züge nach Bruchköbel und Hanau erreichbar. Die Linien 45.1 und 45.2 sind ohne Umsteigen miteinander am Rathaus verknüpft. Die Linie MKK-45.3 stellt die Verbindung zwischen Ostheim, Windecken und Heldenbergen her und ergänzt in der Hauptverkehrszeit das Angebot an die Bahnhöfe in Heldenbergen, Windecken und Ostheim. Ab Montag rollt auch die Expressbuslinie X27 Königstein–Karben nach Nidderau. Sie fährt durch Heldenbergen und Windecken zum Bahnhof Heldenbergen. Infos zum Nidderauer Stadtbus gibt es unter www.kvg-main-kinzig.de oder Telefon (0 61 81) 9 19 20. Dpg

KOMMENTAR

Kastanien selbst aus dem Feuer geholt

Ende gut, alles gut? Immerhin konnten sich nun doch die regionalen Unternehmen den Betrieb der Buslinien in Nidderau sowie in Langenselbold/Gelnhausen erobern. Fahrgäste dürfen sich auf zuverlässigen Linienbetrieb freuen. Den Sieg haben sich die Mittelständler hart erkämpft. Gegen einen übergroßen Gegner mit Millionen im Hintergrund, dessen Ziel ja nicht weniger als ein gewinnbringendes Oligopol auf dem Busmarkt auf dem Kontinent ist. Auf Kosten der Steuerzahler. Der größte Gegner aber war nicht einmal die Heuschrecke in London, die hinter Viabus steht. Sondern es war die Kreisverkehrsgesellschaft MKK und ihr stümperhafter Umgang der mit den Tücken und Möglichkeiten des Ausschreibungsrechts. Sich immer nur hinter Paragrafen zu verstecken, genügt einfach nicht. Wieso bekommt es die KVG – anders als andere Verkehrsgesellschaften – nicht hin, auch die Spielräume zu nutzen? Mit ihrem Vergabechaos hat die KVG ja den Standort Main-Kinzig sogar bundesweit in ein schlechtes Licht gerückt. Was hier schief gelaufen ist, muss der Landrat dringend aufarbeiten – und dafür sorgen, dass so etwas nicht erneut passiert. Das ist Thorsten Stolz nicht nur den Fahrgästen schuldig, die unendlich viele, lange Minuten ihres Lebens beim Warten auf verspätete Busse vertrödeln mussten. Sondern auch den Busfahrern, die um Jobs bangten. Und den mutigen Unternehmern, die die Kastanien selbst aus dem Feuer geholt haben.

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