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Volksbank Ober-Mörlen wird öffentlich gerügt: Fall ist ungewöhnlich

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Von: David Heßler

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Die Volksbank in Ober-Mörlen ist von der Bankenaufsicht öffentlich gerügt worden. Um Mängel zu beseitigen, wurde eine Beratungsgesellschaft engagiert. © Annette Hausmanns

Die Volksbank Ober-Mörlen handelt sich eine „Gelbe Karte“ von der Bankenaufsicht Bafin ein. Warnsysteme hatten angeschlagen.

Ober-Mörlen – Die Bankenaufsicht Bafin hat die Volksbank Ober-Mörlen öffentlich angezählt und angeordnet, dass die Bank mehr Eigenkapital vorhalten muss. Offenbar hatte es zu risikoreiche Geschäfte im Corona-Jahr 2020 gegeben.

Es sei ungewöhnlich, dass die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) den Namen der Bank nicht anonymisiert habe. Das tue sie in der Regel, wenn zu befürchten sei, dass die Nennung Einfluss aufs Geschäft habe, sagte der Finanzexperte Christian Kirchner dieser Zeitung. »Sie können sich das als Gelbe Karte vorstellen.« Kirchner, Geschäftsführer des Branchen-Newsletters Finanz-Szene, hat unter der Überschrift »Bafin stellt kleine hessische Volksbank an den Pranger« über den Fall berichtet. Auch andere Finanzportale griffen die Bafin-Meldung auf.

Was war passiert? Die Bankenaufsicht in Frankfurt hatte am 15. Februar öffentlich gemacht, dass sie bereits am 7. November 2021 einen Kapitalzuschlag bei der Volksbank Ober-Mörlen verhängt hat. Es habe Verstöße gegen die »ordnungsgemäße Geschäftsorganisation« gegeben.

Volksbank in der Wetterau: Keine näheren Angaben zu Rüge für Ober-Mörlen

Genaue Informationen zu erhalten gestaltet sich schwierig. Der Vorstand der Volksbank wollte auf Nachfrage dieser Zeitung keine näheren Angaben zum Sachverhalt machen. Jedoch geht es offenbar um Auffälligkeiten bei den Wertpapieren der Eigenanlagen, die wohl insbesondere zu Beginn der Corona-Pandemie 2020 starken Kursschwankungen ausgesetzt waren.

Banken haben nach der Finanzkrise eine Vielzahl an verschärften Kontrollmechanismen installieren müssen - und ein entsprechend enges Korsett geschnürt bekommen, was die Bankrisiken betrifft. Für kleinere, noch dazu eigenständige Banken wird es immer schwieriger, sich in diesem Umfeld zu behaupten. In Ober-Mörlen ist das der Volksbank zuletzt dennoch gut gelungen: Im Bericht für das Geschäftsjahr 2020 heißt es, dass die günstige Entwicklung der Anleihe- und Aktienkurse im ersten Corona-Jahr für ein zufriedenstellendes Jahresergebnis gesorgt habe.

Bemerkenswert: Wie aus dem Lagebericht für das Geschäftsjahr 2020 hervorgeht, entfallen fast 60 Prozent der Bilanzsumme von knapp 155 Millionen Euro auf Wertpapieranlagen. Zu lesen ist: »Im Jahresverlauf 2020 zeigte sich insbesondere in der Anfangsphase der Pandemie eine erhöhte Unsicherheit bei den Eigenanlagen, deren Auswirkungen sich unmittelbar bei der Auslastung der Limite und Risikotragfähigkeit, insbesondere aufgrund des hohen Wertpapierbestandes, niederschlugen und zu Überschreitungen führte.« Im Verlauf des Jahres hätten sich diese Überschreitungen wieder reduziert.

Volksbank Ober-Mörlen: Sonderprüfung der Bundesbank

Trotzdem scheinen die Warnsysteme der Bankenaufsicht angeschlagen zu haben: In einem Schreiben der Volksbank-Vorstände Andreas Wagner und Thomas Emich, das dieser Zeitung vorliegt, heißt es, dass bei einer Sonderprüfung durch die Deutsche Bundesbank Verstöße gegen die Marktpreisrisikosteuerung bei den Eigenanlagen festgestellt worden seien. So seien an zwei Stichtagen (30. März und 30. Juni 2020) bestimmte Limits überschritten, am 30. September aber wieder unterschritten worden. Wie dies erreicht wurde, ob durch wieder beruhigte Märkte oder durch den Verkauf von Wertpapieren und ob die Bank dadurch Gewinne oder Verluste verbuchen konnte bzw. musste, ist im Detail nicht bekannt. Im Jahresabschluss für 2020 wird angegeben, dass sich aus der Pandemie keine negativen Effekte in Form von Wertberichtigungen oder Abschreibungen auf Kundenkredite, Schuldscheindarlehen bzw. Wertpapiere ergeben hätten.

Es wurde in jedem Fall reagiert. Man sei in Zusammenarbeit mit einer Beratungsgesellschaft des Genossenschaftsverbandes seit Sommer 2021 mit der Beseitigung der Mängel beschäftigt, schreiben die Vorstände. Bafin und Bundesbank würden vierteljährlich über den Fortgang unterrichtet. Ein formaler Mangel sei noch offen, zum 31. März aber werde man über »eine vollständige Abarbeitung der Mängel« berichten können. Der verhängte Kapitalzuschlag führe zu keiner Beeinträchtigung des Kundengeschäftes, verspricht Emich. »Die Bank hatte schon vor der Sonderprüfung eine Eigenkapitalkennziffer, die über die mit dem Zuschlag erforderliche hinausging.«

Dem Vernehmen nach hat sich die Bank mittlerweile von zu risikobehafteten Papieren getrennt und im Controlling Personal aufgestockt. Auch habe man »interne Organisationen angepasst«.

Wann die Bafin den verhängten Mindestkapitalzuschlag wieder aufhebt, ist unklar. Ebenso, weshalb die Sache nun öffentlich gemacht wurde. Die Bafin ist zur Anonymisierung nur dann verpflichtet, wenn die Finanzstabilität in Deutschland gefährdet oder der betroffenen Bank einen unverhältnismäßig großen Schaden zufügen würde. Diesbezüglich scheint es keine Bedenken gegeben zu haben. »Aber auf jeden Fall ist so etwas dem Bankgeschäft nicht unbedingt förderlich«, meint Finanzexperte Kirchner. (David Heßler)

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