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Ortenberg: Selbstversorgung im Trend - Das sind die Gründe

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Mindestens zwei Stunden täglich kümmert sich Gogo Baumgarth aus Ortenberg um den von ihr bewirtschafteten Schrebergarten. © Corinna Willführ

Der Krieg in der Ukraine sorgt für rapide steigende Popularität einer fast schon vergessenen Freizeitbetätigung: den Anbau eigenen Obsts und Gemüses. Aber ist das die einzige Motivation?

W eder Gogo Baumgarth noch Maria Vielsmeier oder Marlen Haas dachten, dass ihre Leidenschaft beziehungsweise ihr Hobby - das Gärtnern - angesichts eines veränderten Ernährungsbewusstseins oder der Teuerung von Lebensmitteln plötzlich so in den Fokus allgemeiner Aufmerksamkeit rückt. Für die drei Frauen aus Ortenberg und seinen Stadtteilen gibt es ganz andere Gründe für den Gang in den Garten und ans Beet.

So agil und munter, wie Marlen Haas noch ist, schätzt sie das Geschenk ihres Sohnes Manfred sehr: ein selbst gebautes Hochbeet. Gemeinsam mit dessen Lebensgefährtin Christine hat die 85-jährige es bepflanzt. Auf wenig mehr als einem Quadratmeter kann die Seniorin sich dort aktuell an Pflücksalat, jungen Erbsen oder Roter Bete bedienen. Sie schiebt ein paar Pflanzenblätter zur Seite: »Der Blumenkohl braucht noch seine Zeit« und hebt an anderer Stelle andere hoch: »Auch die Auberginen sind noch nicht groß.« Auch wenn diese Gemüsepflanzen für ihre Reife noch Zeit brauchen, hat Marlen Haas jeden Tag etwas zu ernten, um es frisch auf ihren Mittagstisch zu bringen. »Da weiß ich, wo es herkommt und dass es nicht gespritzt wurde und außerdem viel frischer ist als nach langen Transportwegen.« Dass die Preise für Obst und Gemüse gestiegen sind, war für sie bislang nicht der Grund, sich zumindest in Teilen selbst zu versorgen. »Aber wenn ich mir jetzt nur mal anschaue, wie teuer die Butter geworden ist...«

Selbstversorgung in Ortenberg: Klimawandel auch im Garten sehen

Wenige Kilometer vom Hochbeet in Lißberg hat Maria Vielsmeier einen Garten auf einem sonnenbeschienen Grundstück an ihrem Haus in Eckartsborn. »Als mein Mann und ich vor zehn Jahren das Haus mit Garten übernommen haben, war das nur ein ganz steiler Hang mit Rasenflächen.« Nun gedeihen dort Kohlrabi und Karotten, an den Bäumen Birnen und Äpfel. Vor allem auch Quitten: »Das ist mein Lieblingsobst«, sagt Maria Vielsmeier. Das ist doch das mit der pelzigen Haut? Sie lacht: »Die haben die Früchte nur, solange sie nicht reif sind.« Apropos Reife: »Ich glaube, dass man den Klimawandel schon im Garten sehen kann«, ist sie sicher. Lavendel und Rosmarin, Oregano und Thymian: Noch vor wenigen Jahren brachte man die Kräuter aus südlichen Gefilden mit nach Hause. Nun sind sie in Töpfen wie Beeten hierzulande allgegenwärtig.

»Unseren Olivenbaum, noch ist er jung, musste ich im Winter nicht vor Kälte schützen.« Auch den Feigenbaum nicht, an dem viele Früchte hängen. Maria Vielsmeier ist in der Pfalz aufgewachsen, hat schon als Kind im Weinberg mithelfen müssen. Sie lächelt mit Blick auf die Weinstöcke, die sie und ihr Mann Bernd gesetzt haben: »Die Stöcke tragen Solaris- und Dornfelder-Trauben.« Wären also Grundlage für einen Weiß- und einen Rotwein? »Um sie zu keltern, sind es zu wenige Reben. Um sie zu essen, immer ein Genuss.«

Selbstversorgung in Ortenberg: Sich gesund versorgen und Tier-Vielfalt erhalten

Gogo Baumgarth bewirtschaftet seit einigen Jahren den Schrebergarten einer Freundin in Ortenberg. Mindestens zwei Stunden täglich ist die pensionierte Lehrerin dort aktiv, um nachzusehen, wie es um Weißkraut, Wirsing, Radieschen, Zwiebeln, Erbsen und Bohnen bestellt ist. Nicht zu vergessen: die vielen Blühpflanzen von Lavendel über Phlox bis Tagetes, um die sich die 80-Jährige kümmert. Denn ihr Anliegen ist es nicht nur, sich gesund aus der heimischen Erde zu versorgen, sondern auch »dazu beizutragen, die Vielfalt der Insekten von Wildbienen bis zum Zitronenfalter« zu erhalten.

Die ersten Bohnen hat Baumgarth bereits eingefroren - essfertig für die Zubereitung im Winter. Die Erbsen werden folgen. Kartoffeln aus eigener Anzucht werden im Keller gelagert, Früchte wie Johannis- oder Stachelbeeren zu Marmelade verarbeitet. »In meinem Garten zu sein, gibt mir Kraft«, sagt die 80-Jährige. »Dort kann ich hautnah erleben, was ich mit dem, was ich tue, bewirke. Wenn alles blüht und gedeiht, ist das Balsam für meine Seele.« Und wenn mal was nicht gelingt, wie etwa heuer die Karotten-Ernte: »Dann ist das eine Erfahrung, die mich weiterbringt.«

Selbstversorgung in Ortenberg: Keine Ernte ohne Einsatz

Alle drei betonen aber auch, dass es Ertrag nicht ohne Arbeit gibt. Salat und Radieschen, die hätte man im Frühsommer schon wie im Garten der Großmütter haben können, auch Karotten und Sellerie vom Garten hinter dem Haus, die Petersilie und den Schnittlauch ebenfalls, sagen sie. Wohlwissend aber, dass es keine Ernte ohne Einsatz gibt. Wenn man sich aber darauf einlässt, dann ist dieser Ertrag weitaus mehr als das, was letztlich in der Gefriertruhe oder im Glas aufbewahrt wird.

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Die Traubenernte an den Weinstöcken auf dem Gartenhang von Maria Vielsmeier in Lißberg reicht nicht, um sie zu keltern. Aber vom Rebstock direkt gepflügt, sind sie »ein Genuss«. © Corinna Willführ

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