1. Startseite
  2. Region
  3. Wetteraukreis

Peter Prange über den Rausch der Freiheit der 20er Jahre

Erstellt:

Kommentare

myl_NEPeterPrange1_15012_4c
Peter Prange liest aus seinem Roman »Traumpalast« und überzeugt als »Erzähler der deutschen Geschichte«. © Elfriede Maresch

Glanz und Abgrund - in den 20er Jahren lagen sie nah beieinander. Eine Eintrittskarte in diese bewegende Zeit liefert Peter Pranges bei seiner Lesung in Bad Salzhausen.

Drei Ebenen habe sein Buch »Der Traumpalast - Im Bann der Bilder«: eine Liebesgeschichte, die Historie der legendären Universum Film AG (UFA) und einen Blick auf die 1920er Jahre, ihren Zeitgeist, ihren Glanz und ihre Abgründe. So macht der Autor Peter Prange zu Beginn des nidda erlesen-Abends die 80 Zuhörer im Parksaal in Bad Salzhausen neugierig.

Gekommen ist auch die in Stornfels lebende Dr. Cordelia Borchardt. Seit Jahren begleitet sie das Entstehen von Pranges Büchern als Lektorin (»Unsere wunderbaren Jahre«, »Eine Familie in Deutschland«). Der Autor: »Sie hilft, das im Nirgendwo der Imagination heranwachsende, oft störrische Wesen Erzählung zur Welt zu bringen.«

1917: beschwingt und zugleich düster

So beginnt Prange mit einer beschwingten Szene von 1917 trotz des düsteren Zeithintergrundes: Tino Reichenbach, junger Banker aus begüterter Familie, Frauenheld und nie ohne eine Nelke im Knopfloch als Glücksbringer, ist unterwegs ins Kriegsministerium. Dort soll ein Unternehmen zur »moralischen Mobilmachung Deutschlands im großen Völkerringen mittels bewegter Bilder« auf den Weg gebracht werden - für Tino eine reizvolle Aufgabe und zugleich die Freistellung vom Fronteinsatz, der ihm zutiefst widerstrebt.

Noch ahnt niemand, dass das Propagandaprojekt die Keimzelle der künftigen UFA wird. Und dann trifft Tino eine junge Passantin mit Lockenschopf, Sommersprossen und so viel Selbstbewusstsein, dass seine geübten Komplimente an ihr abperlen wie Wasser: Rahel Rosenberg, die zur großen Liebe seines Lebens wird.

Prange liest temperamentvoll, gibt seinen Figuren Profil, zieht das Publikum in Bann. Seinen Zwischenkommentaren ist anzumerken, wie ihn die rasante Entwicklungsgeschichte des Films fasziniert: »...vom Jahrmarktsvergnügen mit billigsten Slapstick-Effekten zu großen Kunstwerken und das innerhalb von 20 Jahren...« Aber er zeigt auch das Hochspannungsfeld dieser Jahre auf: das Verschwinden alter Konventionen und Tabus, neue Freiheiten in Beziehungen, die genutzt oder missbraucht werden können - eine schwierige Balance zwischen Aufbruchsstimmung und Sicherheitsbedürfnis.

So bei den Dreharbeiten von Fritz Langs Film »Dr. Mabuse«. Regisseur Fritz Lang und Hauptdarsteller Rudolf Klein-Rogge prügeln sich in einer Eifersuchtsszene, Kulissen gehen zu Bruch, Drehbuchautorin Thea von Harbou, von Lang dem anderen ausgespannt, sitzt schluchzend daneben. Eine Burleske, wo dem Autor die Fantasie durchgegangen ist? Nein, aus Quellen belegbare Wahrheit.

Bei allen Abschnitten seiner Lesung nehmen die Zuhörer Pranges Kunst wahr, sorgfältige historische Recherche und Faktenwiedergabe mit fiktiven Gestalten und Szenen in einer farbigen Handlung zu verbinden. So gibt das Publikum hier Spontanapplaus. Es ist nicht der einzige an diesem Abend.

Ebenfalls historische Wahrheit ist eine Szene aus den Dreharbeiten des aufwändigen »Anna Boleyn«-Film mit Regisseur Ernst Lubitsch, die Prange als nächstes las. Reichenbach, dem finanziellen Va-banque-Spieler der UFA, ist es gelungen, Reichspräsident Friedrich Ebert zu den Dreharbeiten einzuladen - ein effektvoller Reklame-Gag. Eine riesige Statistenschar spielt die Menge, als Heinrich VIII. die einstige Hofdame zur Hochzeit führt. Jubelrufe sind angesagt, aber die kippen plötzlich, werden zu »Nieder mit Ebert!«, »Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!«. Immerhin hat die Regierung mit Reichswehr auf Protestierende schießen lassen und schafft es nicht, die wirtschaftliche Not zu lindern. Ebert verschwindet Hals über Kopf.

Ein verpfuschter Film, acht Millionen Reichsmark an Drehkosten in den Sand gesetzt? Nein, ein von der Presse ekstatisch gefeiertes cineastisches Meisterwerk. Lubitsch hat die Hochzeitsszene einfach weitergedreht. Was auf der Leinwand wie Begeisterung für den König aussieht, sind Wutschreie der Menge - der Stummfilm machte so was möglich. Schon Pranges Tino Reichenbach sagt im Text: »Die Magie der Kunst besteht darin, Lügen in Wahrheit zu verwandeln.« Prange vertieft das in einem Exkurs: »Kunst ist die Fähigkeit, mit Illusionen wahre Gefühle zu erzeugen« und zitiert Baudelaire: »Paris, Du hast mir Deinen Unrat gegeben und ich habe Gold daraus gemacht!«

Peter Prange liest mit Leidenschaft

Ein Grundthema des Buches aber ist der Weg Deutschlands vom »Freiheitsrausch bis zur kollektiven Selbstaufgabe im Nationalsozialismus«, wie Prange es formuliert. Bis zu Nebenfiguren, in ihrer Skrupellosigkeit so abscheulich wie eindrucksvoll, zeichnet Prange die Zerreißkräfte in der Weimarer Republik vom Wirtschaftlichen bis zum Weltanschaulichen, spart sich jede Nachgeborenen-Überheblichkeit. So konnte ihm Martin Guth vom Kulturmanagement unter dem zustimmenden Applaus des Publikums für eine Lesung mit Leidenschaft und Überzeugung danken.

Auch interessant

Kommentare