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Pfarrerin Sandra Hämmerle war für Büdingen ein Glücksfall

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Erinnerungsbild: Viktoria Dinges lässt sich von Beate Henke mit Sandra Hämmerle vor der Marienkirche fotografieren. Der Konfirmandenunterricht bei der Pfarrerin sei eine prägende Erfahrung gewesen, sagt die Jugendliche. © Björn Leo

Sie war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Für die evangelische Gemeinde in Büdingen entpuppte sich Sandra Hämmerle als Glücksfall. Nach vier Jahren fand jetzt ihr Abschiedsgottesdienst statt.

Möge der Probedienst doch eine beschauliche Zeit auf dem Lande werden. So ähnlich hat es sich Pfarrerin Sandra Hämmerle im September 2018 wohl ausgemalt, als sie von Frankfurt nach Büdingen wechselte, um dort die Pfarrstelle Süd zu bekleiden. Jetzt, vier Jahre später, ist die Welt eine andere. Die Pandemie, das Hochwasser und der Krieg in der Ukraine - wie es die Gemeinde mit persönlichem Einsatz, Kreativität und mit ureigensten kirchlichen Tugenden geschafft hat, nah bei den Menschen zu bleiben, trägt unter anderem Sandra Hämmerles Handschrift. Eine beschauliche Zeit verlebte die Pfarrerin in Büdingen gewiss nicht. Vor allem ihre Art der Seelsorge und ihre Arbeit mit jungen Leuten ließen jedoch nie erkennen, dass sie Anfängerin ist. Sandra Hämmerle fand vom ersten Tag an einen Zugang zur Gemeinde, gab ihr Impulse, wagte Neues.

Entpflichtung in Marienkirche

Es passte daher gut, dass Pfarrerin Beate Henke aus Wallernhausen, die als Mitglied des Synodalvorstands des evangelischen Dekanats Büdinger Land die Entpflichtung ihrer Kollegin in der Marienkirche vornahm, sagte: »Ihr Herzblut hängt an der Begegnung mit Menschen. Dort, wo Sandra ist, ist auch was Anderes.« Beate Henke ließ es offen, aber das Andere, das ist Sandra Hämmerles Gespür, in den passenden Momenten zu trösten, zu schweigen, zu lachen, zu mahnen und den Finger in die Wunde zu legen.

In ihrer letzten Predigt griff die Pfarrerin die Geschichte vom wunderbaren Fischfang auf, in der Simon Petrus nach einer langen Nacht auf See ohne Fang zurückkehrt, sich müde und ausgelaugt fühlt und ihn Jesus erneut rausschickt. Er möge mit seinem Boot in tiefe Gewässer fahren und dort abermals die Netze auswerfen. Und obwohl der Fischer unter anderen Umständen dem Rat eines Zimmermanns nicht trauen würde, folgen Simon Petrus und andere Männer dem Ruf - und machen den Fang ihres Lebens. Eng verknüpft mit dieser Geschichte ist der Begriff des Menschenfischers, der andere für seine Sache gewinnen kann. Im aktuellen Gemeindebrief bezeichnet die Redaktion Sandra Hämmerle als eine Menschenfischerin. In ihrer letzten Predigt blickte sie auf die Herausforderungen der vergangenen vier Jahre zurück und sprach von einer Gemeinschaft, die sich wie Simon Petrus in so manche Tiefen getraut und ganz häufig einen guten Fang gemacht hat. »Danke, liebe Büdinger, dass ihr mit mir fischen wart«, rief die Pfarrerin von der Kanzel. Kirche ist nach wie vor in der Lage, zu berühren, zu bewegen. Nicht wenige wischten in diesem Moment einige Tränen.

Später, beim Abschiednehmen vor dem Kirchenportal und beim Empfang im Chorraum, drückten viele Menschen ihre Wertschätzung gegenüber Sandra Hämmerle aus. Viktoria Dinges zum Beispiel empfand den Konfirmandenunterricht bei ihr als besonders prägend. »Eine bessere Pfarrerin hätte ich mir nicht wünschen können«, sagte sie. Erich Spamer, bis März Büdingens Bürgermeister, würdigte ihre Predigten als wahre Sternstunden und umarmte sie herzlich. Arif Böse, seit 22 Jahren Küster, bezeichnete Sandra Hämmerle als gute Seele, deren Geist der Marienkirche erhalten bleiben möge. »Ich habe zehn Pfarrer in Büdingen erlebt, aber du bist die Beste«, sagte er unter Beifall.

»Vertraut den neuen Wegen« lautete das letzte Lied, das die Gemeinde zusammen mit der Seelsorgerin anstimmte. Zwei Dinge braucht es für einen Neuanfang, bekräftigte Sandra Hämmerle: Gottvertrauen und Gemeinschaft. Beides ist in Büdingen zweifelsohne vorhanden. Dennoch war am Sonntag in der Marienkirche noch einmal zu spüren, dass da eine ganz besondere Frau die Stadt verlässt.

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