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Pippo Pollina und das Palermo Acoustic Quintet berühren in Gedern

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Nach 21 Jahren wieder zu Gast in Gedern: der italienische Cantautore Pippo Pollina auf der Bühne im Schlosspark. © Judith Seipel

Cantautore - von cantante (Sänger) und autore (Autor) - lautet das italienische Wort für Liedermacher. .Dass der gefeierte Musiker auch ein famoser Erzähler ist, erfuhr das Publikum am Sonntag.

Buonanotte a tutti.« Ein berührtes und beseeltes Publikum entlässt Pippo Pollina am Sonntagabend nach gut zweieinhalb Stunden auf der Bühne im Gederner Schlosspark in die Nacht. Und das nimmt an diesem lauen Sommerabend eine große Sehnsucht mit nach dem »Land, wo die Zitronen blühn«, und wo das süße Nichtstun angeblich zuhause ist.

Pippo Pollinas Italien allerdings hat mit den Klischees der Deutschen wenig gemeinsam. Schon in den 1980er Jahren hat der heute 59-Jährige das Land verlassen, weil ihm die Mafia dort das Leben unerträglich machte. Heute lebt Pollina in Zürich und ist Schweizer Staaatsbürger, bleibt aber seiner Heimat als Mensch und Musiker verbunden. Seine Lieder schreibt der Songpoet ausschließlich in seiner Muttersprache.

Nur wenige Hände gehen nach oben, als er das Gederner Publikum fragt, wer der italienischen Sprache überhaupt mächtig sei. Macht nichts, denn seine Lieder berühren, auch wenn man ihre Texte nicht versteht, weil er es erstens wie kaum ein anderer vermag, Emotionen in Musik umzusetzen. Zweitens verpackt er viele Lieder in berührende, witzige und nachdenklich machende Geschichten, die den Sänger auch als geistreichen Erzähler ausweisen.

Vor 21 Jahren war Pollina schon einmal in Gedern. Viele im Publikum erinnern sich daran. Die Ortenbergerin Dörthe Herrler ist sein Anker in der Region. Zehn Konzerte hat sie mittlerweile mit dem Liedermacher veranstaltet, dieses nun mit ihrem noch jungen Verein »Kulturfreunde Galerie am Alten Markt«.

Viele Titel auf Pollinas neuem Album »Canzoni segrete«, mit dem er und das Palermo Acoustic Quintet seit März auf Tour sind, blicken zurück: Er singt vom Schnee, den er als junger Straßenmusikant aus Sizilien mit Anfang 20 zum ersten Mal gesehen hat, als er mit dem Zug in Innsbruck ankam. Er erinnert an den Tod seines Vaters, der so viele Fragen offen ließ. Das Lied »Pizzolungo« hat er Margherita Asta gewidmet, die 1985 im Alter von zehn Jahren in Pizzolungo an der Westküste Siziliens bei einem Attentat der Mafia, das eigentlich einem Anti-Mafia-Richter galt, ihre Mutter und ihre Zwillingsbrüder verloren hat. Margherita Asta, heute 47 Jahre alt, habe die Tour anfangs begleitet, um ihre Geschichte zu erzählen. »Ich stelle mir vor, dass sie heute Abend hier neben mir steht«, sagt Pollina.

Träume

und Utopien

Der Erschütterung Europas durch den Krieg in der Ukraine setzt der Pazifist Pollina Träume und Utopien entgegen: »Wer verbietet uns zu denken, dass unsere Utopien Realtität werden. Dafür sind wir Künstler da.« Das letzte Lied auf dem neuen Album »Un’ altra Vita« (Ein anderes Leben) lenkt den Blick nach vorne. Die Verse beginnen mit dem Wort »Cerco« (Ich suche).

Natürlich kommt er nicht umhin, einige Klassiker zu spielen. »Mare, mare, mare« handelt von der Sehnsucht des Sizilianers nach dem Meer. Bei seiner ersten großen Tour durch Mitteleuropa habe er gehofft, in Wilhelmshaven endlich (!) das Meer zu finden. Im Januar. »Zum Glück war es schon dunkel«, erinnert er sich unter dem Gelächter des Publikums. Ob er um 10 Uhr an der Strandpromende einen Kaffee trinken könne, habe er den Konzertveranstalter gefragt. »Nee«, habe der geantwortet, »um 10 ist das Meer noch nicht da, das kommt erst nachmittags«.

Rockig, lyrisch, folkloristisch sind seine Lieder, mal leise, mal laut, immer kraftvoll. Die Musiker inspirieren sich gegenseitig. Wenn er sein Programm entstauben wolle, sagt Pollina, kämen die alten Lieder »wie ein Bumerang« zurück. »Camminando«, ist so ein Dauerbrenner. Er hat das Lied vor über 30 Jahren geschrieben und schon »in allen Variationen gesungen«. Er habe es mal überarbeitet, so dass es ganz neu klang. Ihm habe es gefallen, nicht so dem Publikum. »Herr Pollina, erlauben sie sich nicht noch einmal, unser Lied zu zerstören«, habe ihn eine Zuhörerin ermahnt.

Müde, aber

nicht hochnäsig

Und so singt er es wieder. zunächst allein mit der Gitarre, dann stimmt nach und nach das Quintett ein und zum Schluss feiert das ganze Publikum stehend und klatschend einen großartigen Abend: »Camminando, camminando, gehend wirst du deinen Weg finden«.

Pippo Pollina hat seinen Weg vor langer Zeit gefunden, obgleich er noch immer ein Suchender sei. Trotz seines internationalen Erfolges ist er nahbar geblieben und verschwindet nicht hinter den Kulissen, sondern signiert CDs und plaudert mit dem Publikum. Müde, ja, das sei er - am Vortag Bad Homburg, am nächsten Tag Hanau -, aber eben nicht hochnäsig. Das macht ihn wohl aus, einen großen Künstler.

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