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Plötzlich Pflegefall - was nun?

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Von: Larissa Wolf

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Pflegegrad, Schwerbehindertenausweis, Hilfsmittel - welche Anträge wo nach der Feststellung einer Schwerbehinderung gestellt werden müssen, kann für Angehörige verwirrend sein. Ellen Benölken: »Man braucht etwas Zeit, um die Situation zu realisieren.« SYMBOL © Imago Sportfotodienst GmbH

Wenn ein Elternteil zum Pflegefall wird, weiß man als Sohn oder Tochter oft nicht, was zu tun ist. Ellen Benölken, Kreisverbandsvorsitzende des VdK Friedberg, beantwortet die wichtigsten Fragen

Friedberg - Es ist ein Szenario, das sowohl Betroffene als auch Angehörige ratlos zurücklässt: Ein Elternteil im höheren Alter hat einen Unfall, Schlaganfall oder kann aus anderen Gründen nicht mehr für sich selbst sorgen. Es möchte den eigenen Kindern nicht zur Last fallen, kommt aber im Alltag allein nicht mehr zurecht. In ein Pflegeheim ziehen scheint keine Option, aber vom Kind pflegen lassen? Möglichkeiten gibt es mehrere.

Plötzlich Pflegefall: Diese Anträge sollte man noch vor der Entlassung aus dem Krankenhaus stellen

»Wichtig ist, dass man sich dann erst einmal einen Plan macht«, sagt Ellen Benölken, Kreisverbandsvorsitzende des VdK Friedberg. »Die Mehrheit der Pflegebedürftigen möchte natürlich gerne daheim bleiben, in der eigenen Wohnung mit den eigenen Möbeln, wo man sich wohlfühlt. Das ist leider nicht immer möglich.« Zunächst müsse das häusliche Umfeld sortiert werden: Wer ist da, und wer kann welche Aufgaben übernehmen? »Als Angehöriger muss ich mich fragen: Was kann ich selbst tun, welche Aufgaben können vielleicht meine Geschwister, Freunde oder Bekannte übernehmen und wo können sie helfen? Nicht immer wohnen die Angehörigen in der Nähe.«

Passiert zum Beispiel der eigenen Mutter etwas, das sie pflegebedürftig macht, so hat man als Kind Anspruch auf zehn Tage Sonderurlaub, um die wichtigsten Dinge zu klären. Aber wo anfangen? »In der Regel sagen einem die Ärzte im Krankenhaus nach einem Vorfall, ob jemand pflegebedürftig sein wird. Dann muss man erstmal realisieren: Meine Mutter wird nicht mehr so wie vorher«, sagt Benölken. Per Definition ist jemand pflegebedürftig, dessen gesundheitliche Beeinträchtigung ihn dauerhaft in seiner Selbstständigkeit und in seinen Fähigkeiten einschränkt. Ellen Benölken möchte Menschen in dieser Situation Tipps an die Hand geben, um diese Situation zu meistern. »Am Anfang ist man emotional aufgewühlt und hilflos, man folgt keiner logischen Struktur. Gerade, wenn man auch örtlich von dem Pflegebedürftigen getrennt ist, ist es für beide Seiten schwer. Da ist es gut, wenn man sich einen Fahrplan erstellt.« Blind handeln sollte man nicht, jedoch auch nicht erst abwarten.

Plötzlich Pflegefall: Deshalb sollte man beim Pflegegrad-Gutachten ehrlich sein

»Der erste Schritt ist es, einen Antrag auf den Grad der Behinderung beim Versorgungsamt zu stellen. Ab 50 gilt es als Schwerbehinderung und man hat Anspruch auf gewisse Nachteilsausgleiche«, sagt Benölken. Darunter fallen beispielsweise Wohngeld, Zusatzurlaub und Sonderregelungen bei der Altersrente. Auch die entsprechenden Merkzeichen, die verschiedene Behinderungen anzeigen (Gehbehinderungen, Blindheit, Gehörlosigkeit, Hilflosigkeit, die Berechtigung zur Mitnahme einer Begleitperson bei Schwerbehinderung etc.) sollten so schnell wie möglich beantragt werden. »Damit kann man zum Beispiel Anspruch auf die Übernahme von Krankenfahrten bekommen«, sagt Benölken. »Diesen ersten Schritt sollte man am besten noch vor der Entlassung aus dem Krankenhaus machen.«

Als nächstes sollte man einen Antrag bei der Krankenkasse stellen, dass der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) den Pflegegrad des Patienten beurteilt. »Der MDK meldet sich dann. Man bekommt ein Schreiben, um anzugeben, wo der Pflegebedürftige Hilfe braucht, zum Beispiel beim Treppensteigen. Wenn der Gutachter kommt, sollte man alle Arztbefunde und den zuvor beantragten Schwerbehindertenausweis bereithalten. Außerdem sollte wenn möglich die Person dabei sein, die den Patienten pflegt«, sagt Benölken. »Oft geben sich die Betroffenen dann besonders Mühe und geben vor, etwas zu können, was sie sonst nicht können. Das ist kontraproduktiv.« Neben dem Stellen der Anträge sei es außerdem wichtig, eine Vollmacht vom Gepflegten zu haben und eine Patientenverfügung aufzusetzen. »Im Zweifelsfall kann es sonst passieren, dass ein gesetzlicher Vertreter bestimmt wird. Und viele wollen nicht, dass ein Fremder Einsicht in ihre Bankdaten hat.«

Plötzlich Pflegefall: Diese Optionen gibt es, wenn man seine Eltern nicht selbst pflegen kann

Nicht jeder habe die Möglichkeit - psychisch und körperlich - einen Elternteil selbst zu pflegen. »Es gibt Angebote der Pflegekasse, die Handgriffe gezeigt zu bekommen. Wenn man es aber nicht kann, ist es wichtig, sich dann keine Schuld zu geben, das wäre der falsche Weg. Man kann anderweitig Hilfe organisieren, zum Beispiel einen ambulanten Pflegedienst, wenn es nicht das Pflegeheim sein soll. Wir haben eine Liste von Anbietern, die diese Leistungen übernehmen und diese auch über die Pflegekasse abrechnen können.« Eine Liste solcher Dienstleister gebe es auch bei den Pflegestützpunkten Friedberg und Büdingen.

Sollte eine häusliche Pflege durch Angehörige oder den ambulanten Pflegedienst möglich sein, sind oft bestimmte Hilfsmittel vonnöten. »Dinge wie Stützstrümpfe oder Inkontinenzartikel müssen vom Hausarzt verschrieben und das Rezept zur Genehmigung bei Kranken- und Pflegekasse eingereicht werden«, sagt Benölken. »Wenn der MDK Hilfsmittel wie Pflegebett oder Nachtstuhl empfiehlt, ist keine Verordnung nötig. Das kann sofort beantragt werden.«

INFO: Pflegestufen vs. Pflegegrad

In der Zeit der Pflegestufen wurde die Pflegebedürftigkeit anhand von den täglich Pflegeminuten berechnet. Je nach benötigter Zeit wurden die Patienten in Pflegestufe 1, 2 oder 3 eingeteilt. »Dabei sind aber Menschen mit Demenz, Alzheimer und anderen geistigen oder psychischen Erkrankungen durch das Raster gefallen. Sie waren zwar körperlich fit, aber brauchten trotzdem Hilfe bei der Alltagsbewältigung«, sagt Ellen Benölken, Kreisverbandsvorsitzende des VdK Friedberg. Die fünf Pflegegrade, die seit 1. Januar 2017 vergeben werden, schließen neben der Beurteilung der Mobilität und des Umgangs mit krankheits- und therapiebedingten Anforderungen auch jene von kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten mit ein. laf

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