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Poetisch-archaische Klangbilder in Wallernhausen

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Die beiden virtuosen Gitarristen Alexander Kilian (l.) und Jan Pascal sehen sich als Erneuerer und gleichzeitig Bewahrer des Flamenco und begeistern im Alten Dorfladen. © Elfriede Maresch

Zugleich als Erneuerer und Bewahrer des Flamenco versteht sich das Duo »Café del Mundo«. Mit seinem beeindruckenden Spiel gab es dafür im Alten Dorfladen den praktischen Beweis.

Wallernhausen (em). Faszinierende Musik im Alten Dorfladen in Wallernhausen: Mit dem Duo »Café del Mundo«, den beiden Flamenco-Gitarristen Jan Pascal und Alexander Kilian, hatten die Betreiber Dorothée Arden und Michael Glebocki einen weiteren Magneten ins Sommerprogramm eingefügt, knapp 100 Zuhörerinnen und Zuhörer kamen.

Pascal und Kilian stammen aus Alemandalusia, wie sie das hessisch-badisch-fränkische Dreiländereck einfallsreich nennen. Sie trafen sich 2007 auf einem Flamencogitarren-Workshop und beide hatten schon einen anspruchsvollen musikalischen Weg mit Meisterkursen und Konzerteinladungen hinter sich. Zu zweit nahm ihre musikalische Arbeit noch mehr Fahrt auf. Höhepunkte waren ein Konzert im Londoner Ronnie Scotts Jazz Club und eine Aufnahme in den Abbey Road Studios. Alben entstanden, während der Pandemie auch Podcasts schließlich mit der »mundo-App« ein eigenes Streaming-Angebot. Aber beim Auftritt im Alten Dorfladen war die Freude des Duos am Live-Auftritt mit kurzem Draht zum Publikum nicht zu übersehen.

Die »Arbeitsteilung« der beiden war schon bei Astor Piazollas Tango »Oblivion« zu beobachten. Kilian spielt mit geschlossenen Augen, ganz den melodischen, insistierend wiederholten Zyklen hingegeben. Pascal sucht gelegentlich lächelnd Blickkontakt zum Partner, spielt stärker rhythmusbetont und trägt seinen Part zur reichen musikalischen Sprache zwischen kontrapunktischem und konsonantem Spiel bei. »Wir wollen ein eigenes Klangbild malen, poetisch und archaisch zugleich, wollen den Flamenco aus der engen folkloristischen Schublade herausholen«, so Pascal im Nachgespräch. »Wir spielen nicht den Flamenco puro, sondern entwickelten einen eigenen konzertanten Stil, nehmen Einflüsse anderer Länder auf, begegnen Werken aus der Musikgeschichte. Wir sehen uns zugleich als Erneuerer und Bewahrer des Flamenco.«

Begeistertes

Publikum geht mit

Gekennzeichnet war das Konzert noch durch ein anderes Element, wenig klangrein, aber voll Begeisterung: das Klatschen, Stampfen, Pfeifen und der Tumult des Publikums, der immer wieder aufkam und Kilian zu einem Bad in der Menge veranlasste.

Beim andalusischen Copla »Romanze mit dem Mut« unterstrichen liedhafte Melodiefiguren Kilians und ironische Schrittrhythmen Pascals die Handlung: Ein Midlifer will endlich einmal groß herauskommen - als Torero. Aber schon bei der Eingangsprobe, der nächtlichen Konfrontation mit dem Stier, auch noch nackt, versagt er... Ein anderer Titel war vom englischen Liebeslied »Scarborough Fair« inspiriert und traf die Melancholie des Originals. »Unser nächstes Lied hatte eine innere Sehnsucht, für Flamencogitarren arrangiert zu werden«, meinte Pascal, und Filmmusik in der eigenen Tonsprache des Duos erklang: Henry Mancinis »Moon River« - ein Gefühlsbad, das Strömen des Wassers abbildend. Dann folgte wieder »Flamenco Total«, rasant gespielt, mit Turbo-Intervallen und Subdissonanzen die Zuhörer elektrisierend. »Carlos Santana trifft Johann Sebastian Bach«, damit wurde der Titel »Für Ulise« angekündigt. Also Latin Rock und Barock? Kein Widerspruch im virtuosen Spiel der beiden Gitarristen, den mit unglaublicher Fingerfertigkeit gezupften Pizzicati. Bach’sche Flötenmusik-Motive scheinen aufzuklingen.

Alternative Rock und Flamenco mischten sich in der »Café del Mundo«-Version von »Viva la vida« zu einem Klangbild mit eindringlichen Staccati. Einen Hauch Sphärenmusik brachte »Space guitaros«, von den beiden Künstlern ironisch als »vegetarisches Techno« bezeichnet. Sanft, zärtlich, ohne sich in zu viel Gefühl zu verlieren, erklang Bachs »Air« in schwingenden Melodiebögen. Schließlich reihte das Medley »Mediterranen Sundance« Zitate von ACDC bis zur »Schönen blauen Donau«.

Weder dem Charme des Alten Dorfladens noch der Publikumsbegeisterung konnten sich die Künstler entziehen. Kilian: »Ab heute finden unsere jährlichen Flamenco-Festspiele in Wallernhausen statt!« Ein Versprechen vor vielen, vielen Zeugen...

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