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PR, heiße Luft und Schlüpfriges für Aufrechte

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Von: Holger Sauer

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Heute geht's in erster Linie mal um heiße Luft. Auch wenn es naheliegend ist - das subtropische Klima, unter dem seit Tagen Mensch, Tier und Natur ächzen und das einmal mehr das alles beherrschende (Gesprächs-)Thema ist, wird hier allerdings nicht behandelt. *Es geht um PR und um Geschichten, die bestenfalls als "gemacht" durchgehen, aber ihre Wirkung dennoch nicht verfehlen.

Überregional für Aufsehen (und damit auch für die willkommene PR) gesorgt hat ein Fußball-B-Ligist. "Der FSV 1912 Dorheim hat das erste Mal in seiner mehr als 100-jährigen Geschichte einen Hauptsponsor. Die Firma TEKO Kältetechnik GmbH aus Altenstadt wird in den kommenden 3 Jahren nicht nur Namensträger der Arena sein, sondern ist auch auf Bandenwerbung, Online- und Printwerbung sowie auf der Brust des B-Ligisten präsent", vermeldete der Verein auf seiner Facebook-Seite. Nur: Der Sportplatz gehört der Stadt Friedberg. Wofür haben die Altenstädter dann so viel gezahlt - wie berichtet immerhin 10 000 Euro? Irritationen waren die Folge - und eine mediale Präsenz des vermeintlichen Themas weit über die Wetterau hinaus. Dann wird kurz darauf die Vereinsspitze zitiert, sie könne keine Namensrechte verkaufen, die sie nicht besitze. Dies sei schon klar. Es gehe um ein Banner, das von Spiel zu Spiel aufgehängt werden sollte. Ach so. Mit der Stadt war nun ein Gesprächstermin vereinbart. "Wir bitten Sie, diesen abzuwarten und wir kommen dann gerne wieder auf Sie zu", teilt auf Anfrage Christine Böhmerl, Leiterin des Amtes für soziale und kulturelle Dienste und Einrichtungen, mit. Mal unabhängig vom Ergebnis - die (Eigen-)Werbung hat wunderbar geklappt... *Es soll ja Menschen geben, die es als Auszeichnung empfinden, wenn die "Bild" über sie berichtet. Stars, Sternchen, C-, D-, E-Promis, die einfach nur Aufmerksamkeit brauchen, weil kein Mensch mehr sie beachtet. Oder abgehalfterte Sportler, die sich - jenseits einstiger Gloria - als vermeintliche Experten verdingen. Es soll auch ganze Dörfer geben, für die es fast schon einer Sensation gleichkommt, wenn die große "Bild" über sie schreibt. Selbst wenn der Anlass in seiner Bedeutung gegen Null tendiert und das Sommerloch die Ausmaße des Ätna-Schlundes annimmt. Hauptsache der Eindruck stimmt.*Auch Hirzenhain ist in den vergangenen Tagen bedacht worden. In einer Art und Weise, die, gelinde gesagt, doch sehr speziell ist. Dem einen oder anderen wird das sicher gefallen. So nach dem Motto: Die trauen sich was, die schreiben, was die Leute denken. Ja. Wenn man denn genau weiß, was "die Leute" so alles denken...*Das Boulevard hat sich der internationalen Kunstausstellung "in situ" angenommen. Überrascht jetzt nicht wirklich. Die Fotos des finnischen Künstlers Kenneth Bamberg als Teil der Gesamtausstellung hatten in der ganz eigenen Welt sozialer Netzwerke einen regelrechten Shitstorm ausgelöst (der Kreis-Anzeiger berichtete): Fotos von Männern, die eigenwillige Penisröhren als Kunstobjekte tragen, taugen halt nicht überall für einen inhaltlichen Diskurs. Verbale Keule statt kritisches Nachdenken. Wundert's einen heutzutage? *Die "Bild" greift das natürlich auf: "Viele Hirzenhainer toben, nennen die Fotos in sozialen Netzwerken krank, pervers!" Ausgerechnet "viele Hirzenhainer" sind es, die da toben. Und wo kommt eigentlich der Rest her? Duisburg? Bielefeld? Unterammergau oder doch Oberammergau? Kein Wort dazu. Aber egal. Passt halt. So ins Bild. Genauso diese Feststellung: "Diese Fotos sind Kunst! Und Hessen steht dahinter: Schirmherrin der schlüpfrigen Penis-Schau ist Europaministerin Lucia Puttrich (CDU, 58)." Wunderbar. Eine Ministerin und Schlüpfriges. Überschrieben mit "Hoch-Kultur in Hirzenhain". Besser ließe sich das gar nicht konstruieren. Und ein regelrechtes Fest für all die auf-rechten Gesinnungsritter, die es als ihre vordringlichste Aufgabe ansehen, endlich einmal Schneisen in das Weltbild links-liberaler (gern wird an dieser Stelle noch "versiffter" hinzugefügt) Mainstreamvertreter zu schlagen. Ein AfD-Anhänger hatte via Facebook, was für ein Zufall, schon gleich die "Altparteien" im Visier, die das Ganze auch noch unterstützten. Gott, wie schrecklich: der Untergang des Abendlandes - wegen der "Hoch-Kultur in Hirzenhain". Das Wohl und Weh des Volkes hängt tatsächlich von Penis-Röhren ab... *Ob gewollt oder in ihrer Aussagekraft unbemerkt so transportiert - Bürgermeister Timo Tichai wird mit zwei Sätzen zitiert, denen, weil sie richtiger nicht sein können, nichts mehr hinzuzufügen ist: "Ich hab mir die Eröffnung der Ausstellung angeschaut, da habe ich keine Aufreger gesehen. Wir haben den Künstlern und Kuratoren freie Hand gelassen und das ist auch ihr gutes Recht."

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