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Als wären Freunde zu Besuch

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Von: Sabrina Dämon

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Tobias Bönsel und Mascha Chirkova haben in den vergangenen Wochen häufig Besuch gehabt - von Geflüchteten aus der Ukraine. »Wir haben nur gute Erfahrungen gemacht«, erzählen sie. »So werden Freundschaften geknüpft.« © Sabrina Dämon

Als der Krieg in der Ukraine begann und sich zeigte, dass viele Geflüchtete eine Unterkunft brauchten, haben die beiden Reichelsheimer Mascha Chirkova und Tobias Bönsel nicht lange überlegt. Nach einer Ausräum-Aktion waren zwei Zimmer hergerichtet und die ersten Gäste in Empfang genommen.

Die Kommunikation lief unkompliziert. Zwei, drei Nachrichten, alles war geklärt, und wenig später kam eine ukrainische Familie. »Es war, als würden wir Freunde aufnehmen«, erzählt Tobias Bönsel. Er und seine Frau Mascha Chirkova bieten seit einigen Wochen Menschen aus der Ukraine eine Unterkunft. Bisher sind drei Familien bei ihnen in Reichelsheim gewesen, nur wenige Nächte - Zwischenstopp auf der Durchreise. Nun ist eine Familie angekommen, die länger bleiben wird.

Mascha Chirkova, Tobias Bönsel und die vierjährige Tochter sind es gewohnt, Gäste zu empfangen: »Ich war für ein Semester in Singapur und habe dort viele internationale Freundschaften geknüpft«, erzählt Mascha Chirkova. Deswegen, sagt ihr Mann, »haben wir sowieso drei, vier Mal im Jahr Besuch. Für uns ist das ganz normal, wir kennen es nicht anders.«

Kurz nach Kriegsbeginn hat Mascha Chirkova begonnen, sich zu informieren, wie sie direkt helfen kann. »Ich war von der Nachricht sehr schockiert und habe angefangen, nach dem Grund für den Angriff zu suchen. Aber ich habe keinen gefunden.«

Im Internet entdeckte sie die Webseite icanhelp.host - eine Plattform, auf der es unkompliziert möglich ist, Schlafplätze für Geflüchtete aus der Ukraine zur Verfügung zu stellen: Wer Schlafmöglichkeiten hat, kann sich anmelden und Infos dazu angeben (zum Beispiel darüber, wie viel Raum zur Verfügung steht, für wie lange und wie viele Menschen aufgenommen werden können). Die, die eine Bleibe suchen, finden auf der Web-Seite eine Weltkarte mit allen Unterkunftsangeboten.

Die Anfragen kamen schnell und zahlreich, erzählt Mascha Chirkova. Und schon bald machte sich die erste Familie auf den Weg nach Reichelsheim.

Büros werden zu Gästezimmern

Dort kümmerte sich das Ehepaar darum, rasch Räume herzurichten: »Wir haben zwei Zimmer unterm Dach, die wir als Büros eingerichtet haben«, sagt Tobias Bönsel. »Aber Mascha hatte die Idee, sie auszuräumen.«

Seither sind die Räume Gästezimmer. Die erste ukrainische Familie, die dort untergekommen ist, war auf der Durchreise zu Freunden nach Paris. Zwei Tage nach deren Abreise kam eine vierköpfige Familie, die aus dem Iran stammt, aber seit acht Jahren in Kiew lebt. Auch sie sind auf der Durchreise gewesen - auf der Suche nach einer Stadt, in der die erwachsenen Kinder die Universität besuchen können. »Denn keiner weiß, wie es weitergeht.«

Zuletzt ist eine Mutter mit ihrem Kind für eine Woche nach Reichelsheim gekommen. Vergangene Woche sind sie weitergereist nach Landau in die Pfalz - wo sie gemeinsam mit einer Freundin eine Wohnung gefunden haben.

Für die Reichelsheimer Familie waren die Aufenthalte gute Erfahrungen mit bereicherndem Austausch. »Es war immer nett, und sie wussten überhaupt nicht, wohin mit ihrer Dankbarkeit.«

Was die Kommunikation angeht, hat das Ehepaar einen Vorteil: Mascha Chirkova stammt aus Russland, die Tochter wächst zweisprachig auf, und Tobias Bönsel hat die Muttersprache seiner Frau gelernt. Da die meisten Ukrainer Russisch sprechen können, konnten sie sich gut unterhalten. Über den Krieg, das Unverständnis darüber, die Sorge über zurückgebliebene Familienangehörige. Eine Frau, erzählt Mascha Chirkova, habe gesagt, dass sie, trotz aller Nachrichten, bis zum Schluss nicht an einen Angriff geglaubt habe. »Weil viele Menschen sagen, Russland und die Ukraine sind verbunden - von der Sprache, der Kultur.« Vergleiche seien zwar schwierig, sagt Tobias Bönsel, aber am ehesten würde die Unverständlichkeit durch die Vorstellung veranschaulicht, deutsche Truppen würden in Österreich einmarschieren - »und sagen, ihr gehört zu Deutschland«.

Für die Menschen, »die normale Bevölkerung betrachtet«, sei es nicht nachvollziehbar, was gerade geschehe. Und warum.

Umso wichtiger sei es, dass die Menschen zusammenhielten - nicht nur in der jetzigen Situation. Zwar sei es sehr schön zu sehen, wie groß die Hilfsbereitschaft sei, doch »es wird unter den Tisch gekehrt, dass auf der ganzen Welt ständig Kriege geführt werden«, sagt er. »Wir sollten uns eigentlich damit befassen, warum Konflikte auftreten« - und Lösungen suchen, statt, wie zurzeit auch in Deutschland, massiv aufzurüsten. Denn: Wir müssten doch längst wissen, »Kriege führen zu nichts.«

Unterkunft und Kommunikation

Mascha Chirkova und Tobias Bönsel haben sich bei der Plattform icanhelp.host angemeldet und auf diesem Weg direkten Kontakt mit Geflüchteten aus der Ukraine bekommen. Die Seite ist von im Exil lebenden weißrussischen ITlern ins Leben gerufen worden. Menschen auf der ganzen Welt bieten dort Unterkünfte für Geflüchtete an - sowohl für Kurzaufenthalte (bspw. auf der Schlafcouch) als auch für längere Aufenthalte. Bei dem Reichelsheimer Ehepaar waren bisher Familien auf der Durchreise für wenige Nächte, aktuell wohnen eine Mutter, ihre Tochter, zwei Söhne und die Oma für längere Zeit dort. Anders sei es bei behördlich organisierten Aufenthaltsprojekten gelaufen - so zumindest die Erfahrung von Chirkova und Bönsel. Wie sie berichten, haben sie sich bei einem Unterkunfts-Projekt angemeldet - »aber bisher nichts gehört«.

Was die bisherigen Gäste angeht, mit denen sie auf direktem Weg über die Web-Seite in Kontakt gekommen sind, haben die beiden ausschließlich gute Erfahrungen gemacht, wie sie erzählen.

Dass die Reichelsheimer Eheleute Russisch können, ist zwar von Vorteil, aber, sagen sie: Es geht auch ohne gemeinsame Sprache. So ist Tobias Bönsels Mutter mit einer Familie gemeinsam einkaufen gewesen - mithilfe des Google Translators. Wenn man dort, auch per Spracheingabe, deutsche Sätze eingibt, übersetzt er in andere Sprachen. Kommunikation sei daher problemlos möglich.

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