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»Schützenhof« in Blofeld: Gaststätte, Landwirtschaft, Zuhause

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Von: Sabrina Dämon

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So sieht der frühere »Schützenhof« heute aus. © Sabrina Dämon

In der Hofreite »Schützenhof« in Blofeld war stets viel los. Karl Schäfer und seine Nachkommen das haben das Anwesen über Jahrzehnte bewirtschaftet. Doch dann stand es leer. Bis jetzt.

An Himmelfahrt feierte das ganze Dorf. Im Hof der Gaststätte »Zum Schützenhof«, ist zu diesem Fest der Tanzboden ausgelegt worden. Am anderen Blofelder Ortsende waren eine »Schießhalle«, eine Schiffschaukel und Zuckerstände aufgebaut. »Himmelfahrt hatte die Bedeutung der Kirchweihe mit Gästen selbst von weit her. Noch heute erinnern sich ältere Mitbürger aus Wetterau und Vogelsberg daran«, erzählt Robert Stede. »Man sprach sogar vom Blofelder Heiratsmarkt.«

Der 77-Jährige hat viele dieser Festtage erlebt. Seit seiner Geburt lebt er in Blofeld. Kürzlich ist er von seinen neuen Nachbarn angesprochen worden: Ob er einmal kommen und sich anschauen könne, was dort in der alten Scheune lagere? Dort fanden sich aufeinandergetürmte Ackergeräte, die vor Jahrzehnten in der Landwirtschaft der damaligen Eigentümer Verwendung gefunden hatten: verschiedene Eggen, Pferde-Scherendeichseln, Einscharpflüge und mehr.

Seit knapp zwei Jahren hat das Anwesen im Eichelbergweg, das früher die Gaststättenhofreite »Schützenhof« gewesen ist, neue Besitzer: die junge Familie Max Hoffmann, Frau Lisa und die Söhne. Sie sanieren das Anwesen selbst.

Bevor das Paar das Anwesen gekauft hatte, stand es eine Weile leer. Doch genau nach einem solchen Zuhause hätten sie gesucht: »Bauen an sich verstehe ich als Naturinstinkt«, sagt Max Hoffmann.

Es gebe eine Menge zu tun. Zumal bei der Sanierung alter Gebäude immer wieder Unvorhergesehenes auftreten kann. Doch die Familie hat Spaß an der Arbeit auf dem Anwesen, das sie mit Naturbaustoffen kernsanieren. »Hierfür verwenden wir vorzugsweise Lehm, Holz als Zweitverwendung und Natursteine.«

Das Haus ist in den 1910ern gebaut worden. Das Ehepaar Karl und Margarete Schäfer plante weitsichtig, berichtet Nachbar Robert Stede. Neben den Wohnräumen gab es eine Gaststätte (mit Kegelbahn), Fremdenzimmer und eine Kolonialwarenhandlung. In einem Außengebäude war Platz für eine kleine Landwirtschaft mit Kühen, später kam ein Pferd dazu. Zudem bewirteten die Eheleute den Schießstand des damaligen Krieger- und Schützenvereins, der am Hang des Grundstücks lag - daher auch der Gaststättenname.

Die Nachfolge des Betriebs von Karl und Margarete Schäfer übernahm Tochter Anna. Sie heiratete Hermann Roth.

Von ihm, erzählt der heutige Besitzer Hoffmann, hat er ein Schulbuch auf dem Speicher gefunden. Ein Erdkundebuch, in das Hermann Roth die Namen von Flüssen und Mittelgebirgen eingetragen hat. Überhaupt gibt es viel zu entdecken auf dem Anwesen. In der Scheune lagern Tische und Stühle aus der früheren Gaststätte. In Regalen stehen Einmachgläser. Und weil Blofeld das »Apfelweindorf« gewesen ist und jede Gaststätte selbst kelterte, gibt es noch Geräte, die dazu genutzt wurden - wie die von Hand zu betreibende Obstmühle und Kelter.

Als auf dem Anwesen noch Gaststätte und Kolonialwarenhandlung waren, ist dort stets viel losgewesen. Nachbar Robert Stede und Lokalhistoriker Friedel Schmidt, beide im heimischen Geschichtsverein tätig, erinnern sich gut: Wie im Kolonialwarenladen alles angeboten wurde, »was man brauchte - Maggi, Nudeln, Salz«. Oder später, als sie schon junge Männer waren und in der Gaststätte das eine oder andere Bier bestellten. Und, am meisten in Erinnerung: die Feste zu Himmelfahrt. »Da haben wir so manches erlebt«, sagt Friedel Schmidt schmunzelnd. Im Geschichtsverein haben sie sich u.a. mit den früheren Gaststätten beschäftigt.

»Zu meiner Jugendzeit gab es im Ort vier Gaststätten«, berichtet Stede. Die Besucher kamen auch aus den umliegenden Orten - wobei die Reichelsheimer meist in den »Schützenhof« gingen, die Dauernheimer in die Gaststätte »Zur Erholung«.

Heute gibt es keine Gaststätten mehr in Blofeld. Der »Schützenhof« wurde 1968 geschlossen. Auch für die landwirtschaftlichen Geräte gibt es keine Verwendung mehr. Hoffmann möchte sie dennoch nicht auf den Schrott bringen - vielleicht, sagt er, gibt es ein Museum oder Sammler, die dafür Verwendung haben.

Im Eichelbergweg beginnt nun eine neue Zeit - aber dennoch in der Tradition des Anwesens, wie Hoffmann sagt: »Was hier beim Sanieren zutage tritt, zeugt von Nachhaltigkeit und Tüchtigkeit.« Die Familie will das fortsetzen. Die Sanierung sei ein Lebensprojekt. Und - wie früher schon - gibt es einen kleinen landwirtschaftlichen Zweig: mit der Imkerei, die die Familie im Hof betreibt.

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