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Sind Hunde Massenware geworden?

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Von: Rebecca Fulle

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Die spanische Hündin ist als eine von insgesamt 22 Hunden im Tierheim Elisabethenhof untergekommen. Durch Corona ist das Dorn-Assenheimer Tierheim überfüllt, denn viele Halter geben ihre Hunde wieder ab. © Nicole Merz

Das Tierheim Elisabethenhof in Dorn-Assenheim ist überlastet. Während Corona angeschaffte Hunde werden vermehrt wieder abgegeben. Wie kann man den »Hunde-Konsum« einschränken?

Zwinger neben Zwinger, alle belegt mit Hunden. Dieser Anblick ist zurzeit keine Seltenheit in deutschen Tierheimen. »Pandemie-Projekte« nennt der Tierschutzbund die angeschafften Tiere der vergangenen zwei Jahre. Während Corona haben sich viele Menschen einen Hund geholt. Das war auch durch Home-Office möglich. Nun wird der Hund älter, vielleicht »schwieriger«. Kein Home-Office, keine Zeit mehr für den Hund.

Auch im Tierheim Elisabethenhof in Dorn-Assenheim beobachten die Tierpfleger eine Abgabe-Welle. »Unsere Kapazitäten sind erschöpft«, sagt Nina Pfannkoch, Leiterin der Abteilung Hundebereich. Sie könnten Zwinger zwar mehrfach besetzen, aber auch nur teilweise, da manche Tiere nicht zusammen mit anderen Hunden im Zwinger sein können. »Sie sind nicht unsozial«, betont Tierpflegerin Pfannkoch, »aber sie brauchen ein spezielles Händchen.« Sie meint damit, dass die Halter unter anderem Rückgrat, Erfahrung und Standfestigkeit belegen müssen.

Hunde sollen Lücke schließen

Sowohl die Pandemie als auch die Mentalität der Menschen machten ihr Sorgen. »Hunde sind zur Massenware geworden«, sagt sie. »Sie werden konsumiert, sind fast schon ein Nutztier für uns Menschen geworden.« Pfannkoch sagt, die Leute holten sich einen Hund, sobald sie eine Lücke in ihrem Leben hätten. »Dann unterschätzen sie, dass sie auch hinter der Entscheidung stehen müssen.«

In den Augen von Nina Pfannkoch würde der »Hunde-Konsum« eingeschränkt werden, wenn nicht jeder die Tiere vermitteln dürfe. Sie fordert hierfür eine Zulassung: »Man sollte seine Kompetenzen nachweisen müssen.«

Stärkere Prüfung von Haltern

Pfannkoch wünscht sich auch, dass Hundehalter stärker überprüft werden. »Der Hundeführerschein ist schon länger Thema«, sagt sie, wobei sie diesem kritisch gegenübersteht. Dabei wird in Theorie und Praxis geprüft, ob jemand für die Haltung geeignet ist. »Es gibt erforschtes Wissen über Hunde, ja. Aber es gibt unterschiedliche Sichtweisen auf Führung und Erziehung.«

Nichtsdestotrotz findet Pfannkoch es wichtig, dass jeder potenzielle Hundehalter seine Zuverlässigkeit unter Beweis stellt. »Basiswissen, ein wenig Praxis - und die Rolle des Menschen klären. Es ist eben nicht nur Konditionierung und Dressur. Über die Bedürfnisse vom Hund sprechen und sich fragen: ›Muss es jetzt genau diese Rasse sein? Kann ich ihr gerecht werden?‹ «

Hunde brauchten souveränen Halter

Das Problem sei, dass viele Leute aufgeben würden, wenn Hunde ihren erwachsenen Charakter ausbildeten. »Viele kaufen sich Welpen, weil sie süß sind«, sagt Pfannkoch. Sie unterschätzten aber, dass Hunde auch in Phasen kämen, in denen sie die Führung von Menschen infrage stellten. »Dann brauchen sie eine souveräne Person, um ihre Grenzen zu lernen«, sagt sie.

»Viele Menschen konsumieren Hunde, wollen aber keine Führung übernehmen. Dann wundern sie sich, wenn ihr Hund ›schwierig‹ wird.« Man dürfe aber nicht aussteigen an diesem Punkt. »Es ist erst Hundeerziehung, wenn der Halter schwitzt«, sagt sie.

Mittlerweile seien die Tierheime weniger eine Übergangsstation und mehr ein Zuhause für die Tiere. »Wir müssen die Lebensqualität der Hunde fördern.« Denn jeder Hund wolle wahrgenommen werden. Aktuell kommen auf dem Elisabethenhof 22 Hunde unter, davon kommen sieben nicht mit anderen Hunden klar. Es koste Zeit, diese Tiere an Menschen und an andere Hunde zu gewöhnen. »Auch unsichere Hunde sind irgendwann froh, wenn der Mensch im Tierheim seinen Tagesablauf strukturiert.«

Rolle der Tierheime: Permanent weiterentwickeln

Pfannkoch sieht die Rolle der Tierheime darin, sich immer weiterzuentwickeln. »Man muss weiterkommen. Für die Tiere«, sagt sie. »Es geht darum, alles Wissen zu teilen. Was weiß ich über den Hund? Welchen Charakter hat der Interessent? Passt das zusammen?« Selbstreflektion findet Pfannkoch wichtig. »Man muss sich den Spiegel vorhalten und fragen: Was kann ich leisten? Wo sind meine finanziellen, psychischen, körperlichen Belastungsgrenzen?«

Auch solle man sich sicher sein, dass man mindestens zehn Jahre lang für Stabilität sorgen könne und im Zweifel einen Plan B habe. »Muss es genau jetzt genau dieses Tier sein?«, fragt sie.

Wenn man sich ausreichend informiert habe und sich sicher sei, treffe man laut Pfannkoch eine bindende Entscheidung: »Wenn man mit Hunden leben will, muss man mit jeder Faser dabei sein.«

INFO: Was ist Mantrailing?

Das Tierheim Elisabethenhof in Reichelsheim übt mit seinen Hunden »Mantrailing«. Der Begriff kommt aus dem Englischen und setzt sich aus »man« (Mensch) und »trail« (verfolgen) zusammen. Dabei verfolgt der Hund eine Spur, um eine Person zu finden. Das funktioniere, indem sich eine Person beispielsweise im Dorf verstecke und dann von den Hunden gefunden werden solle. »Da geht es darum, wie sich der Hund verhält, wenn er eine Spur in der Nase hat - oder wenn er den Geruch verloren hat«, schildert Nina Pfannkoch, Leitung des Hundebereichs. »Es ist eine schöne Mensch-Hund-Arbeit, eine Beziehungsarbeit.« Der Hund habe etwas erarbeitet und könne stolz auf sich sein. Es komme hierbei sehr auf Teamarbeit an.

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Nina Pfannkoch, Leitung Hundebereich. © Nicole Merz

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