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Rezepte: Frau Brennnessel und Herr Gundermann bitten zu Tisch

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myl_TanjaWeingaertner_100_4c © Myriam Lenz

Sie ist mit den Kräutern per Du und hat nun ein Kochbuch herausgegeben. Tanja Weingärtner aus Bindsachsen möchte die Leute animieren, das zu kosten, was vor der Haustüre wächst.

Zweimal ist sie mit einem Verlag hereingefallen. Dann fasste Tanja Weingärtner aus Bindsachsen den Entschluss, ihr Kochbuch selbst zu verlegen. »Frau Brennnessel und Herr Gundermann bitten zu Tisch« heißt der Titel. Es ist ein Eldorado für Kräuterfans und Leute, die gerne kochen.

Kaum sind die ersten Bücher gedruckt, sind sie auch fast wieder verkauft. Die 52-Jährige arbeitet bereits an der zweiten Auflage. Auf über 300 Seiten sind 129 Rezepte, elf Anekdoten und zehn Wildkräuterprofile. Es ist ein bunter Wälzer, jede Seite von der Faszination der wilden Kräuter geprägt.

Phytotherapie

statt Bürojob

Sie kennt sich aus, hat sich seit 2015 der Phytotherapie verschrieben, nachdem sie ihren Bürojob an den Nagel gehängt hat. Als zertifizierte Fachkundige für essbare Wildkräuter veranstaltet sie seitdem Kräuterwanderungen, Kochevents- und Workshops. Sie ist ganzheitliche Gesundheits- und Ernährungsberaterin, vertreibt spezielle Salze und bietet als Kursleiterin nebenbei auch Waldbaden an. So manch einer kennt sie aus den HR-Sendungen Hallo Hessen, wo sie seit 2017 regelmäßig als Kräuterexpertin auftritt und live vor Publikum kocht.

Sie entwickelte eine Nische. Denn sie bringt bei ihren Kräuterwanderungen auch den Naturschutz zur Sprache, baut Entspannungstechniken ein und kocht.

Der Naturschutz liegt der zertifizierten NABU-Naturführerin sehr am Herzen. Im direkten Umkreis findet sie allerdings keine Wiese, auf der sie auf einem kurzen Stück zehn Wildkräuter findet. Diese Anzahl wäre ein Zeichen für Biodiversität. Daher weicht sie nach Kefenrod aus. Die Kräuterwanderungen sind sowohl für sie als auch für die Teilnehmer ein Erlebnis. »Es ist wie eine Schatzsuche, die Leute entdecken, erleben, sind begeistert, wenn sie in einen wilden Sellerie beißen.« Für solche schönen Momente benötige es keine Animation, nur der Gang in die Natur, die frische Luft und die Gemeinschaft, um den Kopf freizubekommen. Zu ihren Wildkräuterwanderungen würden mehr Akademiker aus größeren Städten als Interessierte aus der direkten Umgebung kommen.

In dem Kochbuch hat sie sich auf zehn Wildkräuter konzentriert: Bärlauch, essbare Blüten, Brennnessel, Gänseblümchen, Giersch, Gundermann, Hagebutte, Holunder, Knoblauchrauke und Löwenzahn. Es sind keine Exoten, sondern heimisch und bodenständig. Giersch und Löwenzahn sind ihre persönlichen Favoriten. Wobei die Einfachheit der beiden Pflanzen viele dazu verleitet, den Wert der Pflanzen zu unterschätzen. Tanja Weingärtner setzt dem Giersch, der vielerorts zum Unkraut degradiert wird, ein Krönchen auf. »Seine meterlangen Pfahlwurzeln zeugen von einer geradezu unbändigen Lebenskraft«, erklärt sie. Sie gesellt den Petersilienersatz zu gegrillten Pilzen, lässt ihn als Öl glänzen, verfeinert damit den Handkässalat oder kreiert eine Gierschsuppe. Sie zaubert mit Bärlauch Feta-Sticks im Krümelmantel, mit einem Blütendressing wird ein Sommersalat verfeinert, zu dem auch die Kapuzinerkresse, Gänseblümchen und Rosenblätter gehören. Und es gibt ein Tiramisu Wetterauer Art. In der Pfanne bruzzelt sie ein Brennnesselschalet.

Die Rezepte sind unkompliziert. Für die Zutaten reicht der Weg in eine Wiese statt in den Feinkostladen. Draußen gibt’s Biogemüse gratis.

Um ihre Aufregung während eines Fernsehdrehs zu überwinden, schlüpft sie gedanklich in die Rolle von Frau Brennnessel oder Herrn Gundermann. Dann legt sich ihre Nervosität.

Eine Kräuterhexe, wie sie sich selbst nennt, ist sie mit Leidenschaft und allen Konsequenzen. Im Vergleich zu früher sei ihr Alltag deutlich unruhiger und betriebsamer geworden. Dass ihr neues Leben sie erfüllt, erkennt man an vielen Dingen: der liebevollen Dekoration in ihrem Heim, den konsequenten Fortbildungen, die Energie, die sie ihre Passion steckt, und die Freude, für die Vorzüge der Wild- und Heilpflanzen zu werben. »Der Garten der Natur steht uns zur Verfügung.«

Richtig Power und Phytonährstoffe

Wildkräuter haben Power und Phytonährstoffe, sie wachsen vor der Haustüre, sind also keinem langen Transport und - wenn von der Wiese - keiner Verpackung ausgesetzt. »Sie enthalten mehr gesunde Inhaltsstoffe als unser gekauftes Gemüse. Sie sind reich an Bitterstoffen und bieten völlig neue Geschmacknuancen.«

Für die grünen Kraftpakete sprechen zum Beispiel zwei einfache Vergleiche: 100 Gramm der großen Brennnessel enthalten 333 Milligramm Vitamin C, Kopfsalat hat in der gleichen Menge lediglich zehn Milligramm. Ähnlich punktet zum Beispiel der Löwenzahn als Kalium-Lieferant. Die Blätter bieten 590 Milligramm des Mineralstoffes pro 100 Gramm, die gleiche Portion Chinakohl nur 202.

Das Wissen um die Wildkräuter will sie erhalten. Und möglichst viele ermutigen, sich doch mal an Gänseblümchen, Gundermann und Co. heranzuwagen. Ihr Netzwerk wird größer, zahlreiche Projekte sind geplant, die zweite Auflage des Kochbuches wird bald erscheinen.

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myl_Kraeuterschere_100822_4c © Myriam Lenz

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