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Wetterau: Besuch bei den Schafhaltern Heller in Oppershofen - »Man braucht schon viel Enthusiasmus«

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Chillen mit Blick auf Butzbach: Einige Schafe der Hellerschen Herde weiden trotz des Winters noch draußen. Sie dürfen auch die Zwischenfrucht fressen - stickstoff produzierende Grünpflanzen, die den Acker zwischen den Wachstumsperioden abdecken und düngen. © Klaus Nissen

8400 Schafe weiden in der Wetterau - mit abnehmender Tendenz. Nur neun der rund 270 Schafhalter sind »echte« Schäfer, die jeweils mehr als hundert Tiere hüten. Stefan und Victoria Heller aus Oppershofen haben trotzdem Freude daran.

Das niedrige Gatter aus Zinkstangen hält in der Ecke der riesigen Halle die Schafherde beisammen. Auf einer dicken Strohschicht beäugen gut 50 große und kleine, braune, beige und weiße Schafe den Besucher in Oppershofen. Schnell wenden sie sich ab, als Stefan Heller in ihrem Blickfeld auftaucht. Er klopft auf einen Plastikeimer - und sofort setzt ein Gedränge ein. Es könnte ja leckeres Getreide drin sein.

Das mit den Schafen »war mal eine Schnapsidee meines Vaters«, erinnert sich Heller. 1994 kamen die ersten drei Wolle-Produzenten in die Hofreite der Familie mitten im Dorf. Der damals fünfjährige Stefan fand das toll. Es kamen immer mehr Schafe hinzu. »Und seit ich zwölf oder dreizehn war, habe ich alles für sie gemacht.« Stefan Heller wollte Landwirt werden - obwohl er aus einem kleinen Nebenerwerbsbetrieb stammt.

Schafe in der Wetterau: Schafe, Ziegen, Galloway- und Angus-Rinder

Nach dem Bachelor in Agrarwissenschaften starteten Heller und seine Frau Victoria durch. Sie bauten 2017 den großen Stall außerhalb von Oppershofen am Lattwiesenweg. Entlang der Straße liegt da der offene Stall der 50 Galloway- und Angus-Rinder. In der Halle dahinter ist neben den Maschinen viel Platz für die vielen Schafe und auch einige Ziegen.

Der größte Teil von Hellers Herde weidet - obwohl es Mitte Februar ist - noch immer draußen. »Da ist genug Gras. Wir sparen so das Heu. Und wenn die Tiere draußen sind, bleiben sie gesünder«, sagt der 33-Jährige. Etwa alle zwei Tage ist eine andere Koppel dran. Der 60-Hektar-Betrieb hat viel Grünland, Baumstücke und Naturschutz-Grundstücke - da hat der Pflug eh nichts zu suchen. Später, im Sommer, beweiden die Tiere auch den Wingert von Oppershofen und die Hölle von Rockenberg. Dort verhindern sie, dass alles mit Büschen zuwächst. Die Trittspuren und der Kot der Tiere werden zum Lebensraum und zur Nahrung für viele Pflanzenarten.

Schafe in der Wetterau: »Einkommenssituation der Schäfer ist prekär«

Kann man von der Schäferei leben? »Vier von zehn Betrieben leben von ihrer Substanz«, antwortet die beim Naturschutzfonds Wetterau angestellte Schäfereiberaterin Maria Vöhringer. »Die Einkommenssituation der Schäfer ist prekär, viele wirtschaften am Rande des gesetzlichen Existenzminimums.« Und das bei einer hohen Arbeitsbelastung. »Du brauchst schon viel Enthusiasmus«, meint Stefan Heller. »Man muss manche Arbeitsstunde als Hobby ansehen.« Die täglichen Fahrten zur Herde, den Umtrieb, das Füttern und Klauenschneiden.

Etwa ab dem 8. März gibt es für Hellers auch noch Nachtarbeit. Über drei Wochen kommen in der Halle die Lämmer zur Welt. Da ist Geburtshilfe zu leisten. Nach gut sechs Wochen wandert die neue Lämmer-Hundertschaft erstmals auf die Weide. Da tummeln sich die Tiere, bis sie mit sechs Monaten je 40 bis 50 Kilo wiegen. Dann geht es für sie zum Metzger. Die Mutterschafe bleiben ein Jahrzehnt in der Herde, ehe sie geschlachtet werden. Der Abtransport falle ihm jedes Mal schwer, bekennt der junge Landwirt und lächelt verlegen. Schließlich kenne er jedes einzelne Tier. Einige Lämmer verkauft er an den Rewe-Konzern, der sie in Hungen schlachten lässt und das Fleisch in seinen Supermärkten anbietet.

Schafe in der Wetterau: Ende März Hofmarkt in Oppershofen

Das meiste Fleisch der eigenen Rinder und Schafe vermarkten die Oppershofener selbst. »Das ist uns wichtig«, sagt Victoria Heller. In ihrem Hofladen am Lattwiesenweg können die Kunden auf Vorbestellung kiloschwere Fleisch-Boxen und auch einzelne Rouladen abholen. »Die Kunden lassen sich eher auf Rindfleisch ein«, sagt die 31-Jährige. Aber immer mehr kauften auch Lammfleisch. Und die besten Stücke der Mutterschafe würden zu pikant gewürzter Salami und Bratwurst verarbeitet. Das Fett schneide man vorher weg, denn darin stecke das gefürchtete Schaf-Odeur. Über die Webseite hellerundherde.de, über Facebook und Instagram läuft die Kundenbindung. Mittlerweile wachse die Kundschaft, freut sich Victoria Heller. Ende März soll wieder ein Hofmarkt stattfinden. Die Vorfreude darauf steht dem jungen Landwirts-Paar in den Gesichtern geschrieben.

Info: Schafe in der Wetterau

Bestand : Weil Schafe wichtig zur Pflege von Naturschutz- und Magerrasenflächen sind, unterstützte der Kreis bis 2014 im Projekt »Wetterauer Hutungen« die Schäfer. Das sicherte die Beweidung von 270 der möglichen 850 Hektar. Inzwischen kümmert sich der Naturschutzfonds um das Thema. Die Bestände seien zwar geringer, aber stabiler als in anderen Landkreisen.

Verlustgeschäft : Die Wolle bringt den Schäfern nur Verluste. Pro Tier kostet die jährliche Schur knapp drei Euro - die vier Kilo Wolle bringen aber nur etwa 60 Cent ein. Familie Heller will versuchsweise Dünge-Pellets und Abdeckvliese für Gärten daraus machen.

Direktvermarktung : Geld verdienen die Schäfer durch den Fleischverkauf. Allerdings sind in der Wetterau mit den Familien Heller in Oppershofen und Guckelsberg in Bad Nauheim nur zwei Direktvermarkter aktiv. Die anderen Schäfer liefern ihre Schlachttiere an Großhändler.

Zuschüsse : Für die Beweidung bekommen die Schäfer EU-Zuschüsse. Ab 2023 könne er auch mit einer Mutterschaf-Prämie von je 30 Euro pro Jahr rechnen, sagt Stefan Heller. Das reicht aber nicht, um die vierköpfige Familie zu ernähren. Sie will ihre 140-köpfige Herde (braune Bergschafe in Kreuzung mit Texel-Milchschafen) auf hundert Mutterschafe verkleinern. Heller hat zusätzlich eine Stelle als Landwirtschaftsberater angenommen. Seine Frau Victoria ist Erzieherin in einer Kita.

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Victoria und Stefan Heller vor ihrem Hofladen am Lattwiesenweg 1a westlich von Oppershofen. © Klaus Nissen

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