Idyllisch sieht das Grundstück hinter dem Diakonischen Werk aus. Der Boden gilt aber als schadstoffbelastet und muss entsorgt werden. FOTO: Ittmann
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Idyllisch sieht das Grundstück hinter dem Diakonischen Werk aus. Der Boden gilt aber als schadstoffbelastet und muss entsorgt werden.

Soziales

Alte Mülldeponie unter dem Rasen

  • Dorothea Ittmann
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Die Unterbringung ist mittlerweile unwürdig. Deshalb sollen die Container für Obdachlose am Rugbyring bis zum Winter ausgetauscht werden. Das wird teurer als noch anfangs gedacht. Auch weil der Boden abgetragen werden muss.

Rüsselsheim -Hinter dem Gebäude des Diakonischen Werks (DW) Rüsselsheim im Rugbyring 150 liegt ein idyllisches Fleckchen Erde. Hochgewachsene Bäume und Büsche schirmen das Wiesengrundstück vom Auto- und Lkw-Verkehr auf der vielbefahrenen Mainzer Straße ab. Die Besucher der Diakonie - Hilfesuchende und Wohnungslose - verbringen dort gerne ihre Zeit; sie sitzen rauchend in Grüppchen auf Gartenstühlen im Schatten oder versammeln sich auf dem Grillplatz, um ein Schwätzchen zu halten. Nichts deutet darauf hin, dass der Rasen Ausläufer einer ehemaligen Mülldeponie bedeckt.

Weil die Stadt auf dem Grundstück hinter dem Verwaltungsgebäude der Diakonie mehrere Wohncontainer für Obdachlose errichten möchte, muss das schadstoffbelastete Bodenmaterial bis zu drei Meter tief ausgehoben werden. Die Gutachten, die in den vergangenen Jahren in Auftrag gegeben wurden, geben an, dass sich leicht flüchtige Lösungsmittel und krebserregende Giftstoffe im Boden befinden, hatte Stadtverordneter Mathias Flörsheimer (WsR) im Bauausschuss vor möglichen Ausdünstungen gewarnt.

Hinzu kommt, dass der Baugrund nur bedingt tragfähig ist, weil er aus künstlichem Füllmaterial besteht. Dies bedeutet für die Stadt, dass sie im Bereich des Bauwerks teilweise das Bodenmaterial austauschen muss, um die gesundheitsgefährdenden Stoffe zu entsorgen und die Tragfähigkeit des Untergrunds zu erhöhen. Und weil es sich bei dem dort gelagerten Abfall um deponiepflichtigen Erdaushub handelt, kommen auf die Stadt höhere Baukosten für die fachgerechte Entsorgung zu, als früher angenommen.

Budget angepasst

Die grobe Kostenkalkulation von Oktober 2019 ging von einer Gesamtsumme in Höhe von rund 450 000 Euro aus. Dieser Betrag wurde nach oben korrigiert. Das Budget wurde jetzt auf 675 000 Euro angepasst. Als der Grundsatzbeschluss gefasst worden war, habe das eigentliche Planungskonzept noch nicht vorgelegen, begründet die Stadt die frühere "Unschärfe" bei der Berechnung der voraussichtlichen Bau- und Entsorgungskosten.

Der Kaufpreis der Containeranlage einschließlich Lieferung und Montage liege erheblich über der Schätzung, was auf Baupreissteigerungen sowie auf die Erfüllung der gesetzlichen energetischen Anforderungen für einen dauerhaften Neubau gemäß Gebäudeenergiegesetz (GEG) zurückzuführen sei. Eine Photovoltaikanlage, mit der die Container ausgestattet werden sollen, mache sich ebenfalls im Budget bemerkbar. Nicht zu vergessen seien die Schwierigkeiten mit dem baulichen Untergrund, die sich in den erheblich gestiegenen Kosten für die Planung niederschlügen.

Angesichts der angespannten Haushaltslage der Stadt Rüsselsheim, geriet die jüngste Budgeterhöhung unter starken Beschuss, insbesondere vonseiten der WsR. Fraktionschef Joachim Walczuch kritisierte, dass der Magistrat nun Container mit reduzierter Qualität errichten wolle, obwohl ein gewisser Qualitätsstandard in Abstimmung mit dem Diakonische Werk festgelegt worden sei. Die Stadt übernimmt zwar die Investitionskosten in Höhe von rund 25 000 Euro, das Diakonische Werk refinanziert diese innerhalb von 20 Jahren. Nach abgeschlossener Tilgung geht die zweigeschossige Containeranlage, die acht oder neun Personen Platz bietet, in den Besitz der Diakonie über.

Einig waren sich alle Stadtverordneten darin, dass die Container so schnell wie möglich errichtet werden müssen. Obdachlose und von Wohnsitzlosigkeit bedrohte Menschen sollen die neue Unterkunft vor Ende dieses Jahres beziehen können.

Unterbringung nicht würdevoll

Die Nutzungsdauer der bestehenden Containeranlage aus den 1980er Jahren ist deutlich überschritten. Nur noch fünf der acht Container, die neben dem DW stehen, seien noch bewohnbar, informiert Sophie Karakoulakis, Sozialarbeiterin beim DW Rüsselsheim. "Der Zustand ist desolat - die Decke hängt, der Boden sackt weg, und Schwarzschimmel hat sich ausgebreitet", beschreibt sie die Bedingungen, unter denen die Hilfesuchenden leben müssen.

Auch der Magistrat kommt zu dem Schluss: "Die Unterbringung von Personen ist nicht mehr würdevoll möglich." Dennoch verzögert sich die Umsetzung des Projektes. Aufgrund der späten Genehmigung des Haushalts 2020 und fehlender Kapazitäten sei der Austausch der Containeranlage am Rugbyring, wie ihn die Stadtverordneten im November 2019 beschlossen hatten, geschoben worden, erklärt sich die Stadt. Baustadtrat Nils Kraft (SPD) hatte jüngst im Bauausschuss versprochen, dass die Containeranlage bis zum Winter stehen wird.

Kostengünstige Alternativen zur Unterbringung der derzeit in den heruntergekommenen Containern lebenden fünf Personen gebe es keine. Aufgrund des schlechten Zustands lohne sich eine Sanierung nicht; anderen Wohnraum gebe derzeit keinen. Und weil für die Unterbringung von Wohnungslosen besondere Anforderungen bestünden, sei die Anmietung von Wohnraum äußerst schwierig.

Nur mit der Erhöhung des Projektbudgets und der Auftragserteilung zum Kauf und der Errichtung der Wohncontaineranlage könne eine angemessene Unterkunft für Obdachlose errichtet und in Betrieb genommen werden, riet der Magistrat zur Beschlussfassung der Vorlage, was die Stadtverordneten mit 23 Ja-Stimmen und elf Enthaltungen von CDU und FDP auch taten. Dorothea Ittmann

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