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Salonatmosphäre im Museum

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Die vier »Indiskret«-Akteure im Schottener Heimatmuseum: Michael Erhard, Angela Elsäßer, Tanja Leonhardt und Gabriele Drechsel (v. l.). © Elfriede Maresch

Schotten (em). Von »Salonatmosphäre« im Heimatmuseum sprach die Künstlerin Tanja Leonhardt beim Auftakt der biografisch-musikalischen Lesung »Indiskret«. Tatsächlich: Die Stille draußen und die schönen Wohnräume mit ihren Biedermeier-Möbeln waren ein stimmungsvoller Rahmen für die Matinee. Leonhardt hatte die Collage aus den Briefen und Tagebüchern von sieben bekannten Frauen in der inneren und äußeren Emigration während des Dritten Reiches zusammengestellt.

Die Schauspielerin Gabriele Drechsel, festes Ensemblemitglied des Staatstheaters Darmstadt, trug sie vor. Vertieft wurden die Skizzen durch die Musik von Angela Elsäßer (Violoncello) und Michael Erhard (Klavier). Ungewöhnliche Blickpunkte gab es in den Wohnräumen und auf dem Vorplatz. Auf Seidenbahnen hatte Tanja Leonhardt die Gesichter von Hannah Arendt, Nelly Sachs, Mascha Kaléko, Annemarie Schwarzenbach, Erika Mann, Else Lasker-Schüler und Käthe Kollwitz samt ihren Schriftzügen abgebildet.

Gefördert wurde die Veranstaltung aus dem regionalen Kulturfonds »TraVogelsberg« und von »Demokratie leben!«. Jutta Kneißel, Vorsitzende des veranstaltenden Kultur- und Geschichtsvereins Schotten, dankte für die Unterstützung.

»Denken ohne Geländer« war die Maxime Hannah Arendts, die sich nicht als Philosophin sehen wollte - und es doch war. Als Jüdin und Gegnerin des NS-Regimes ging sie einen schwierigen Weg ins Exil. »Schon als kleines Gör habe ich gewusst, dass ich nur leben kann in der Liebe« - in Zitaten aus Briefen an ihren zweiten Mann Heinrich Blücher bildete sich neben der intellektuellen, Kontroversen nicht scheuenden Publizistin die zärtliche und sehnsüchtige Hannah Arendt ab.

Die Beziehung zweier fragiler, von der Verfolgung psychisch verletzter Persönlichkeiten spiegelt sich im Briefwechsel von Nelly Sachs und Paul Celan wider. Bei aller Offenbarung der »Geheimen Sternenstraße meines Herzens« (Sachs) blieben sie lange beim »Sie«. Auch der enge Freundeskreis, den sie mit weiteren Künstlerinnen bildeten, konnte sie nicht vor den »Verzweiflungen mitten in Höllenfahrt« (Sachs) retten. Die Lyrikerin verbrachte Jahre in Nervenheilanstalten, Celan nahm sich unter ungeklärten Umständen das Leben.

Vorwürfe an den jähzornigen Ehemann und dann wieder »Er und mein Kind sind das Beste auf dieser Welt« - Zitate Mascha Kalékos bildeten den Stress einer jungen jüdischen Familie unter den Repressionen des Dritten Reiches ab. Auch wenn ihr künstlerisches Nachkriegs-Comeback schwierig war - ihre zärtlich-(selbst)ironische Lyrik überzeugt noch heute.

Auch die enge Beziehung zu Erika Mann und ihrem Bruder Klaus konnte letztlich die Schriftstellerin und Kosmopolitin Annemarie Schwarzenbach, verstrickt in Depressionen und Drogenabhängigkeit, nicht stabilisieren. Ihre Briefe sind klagend und vorwurfsvoll. Vitaler, begabter, weit kämpferischer als Schwarzenbach zeigte sich Erika Mann auch in ihren Briefen an die Freundin Pamela Wedekind und den Bruder Klaus, dem sie sehr verbunden war, sowie in dem bekannten Abschnitt, wo sie couragiert ihren Vater Thomas auffordert, sich öffentlich an die Seite der emigrierten Autoren zu stellen.

Else Lasker-Schüler, große Lyrikerin und Paradiesvogel in der Berline Bohème, wurde mit zärtlichen Beschreibungen ihres kleinen Sohnes und mit Briefen an ihren zeitweiligen Freund Gottfried Benn zitiert. Die Einsamkeit ihres Jerusalemer Exils trieb sie zu skurrilen Aktionen. Leonhardt zitierte Liebesbriefe der 70-Jährigen an einen desinteressierten 40-Jährigen. Lasker-Schüler als Stalkerin? Gut, wenn in den gelegentlich zu idealisierenden Porträts auch Menschlich-Fragwürdiges auftauchte.

Trauer um den blutjung im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohn, schmerzlicher Dialog der Eltern, Ambivalenzen in einer langjährigen Ehe, aber auch liebevolle Besorgtheit um den erkrankten alternden Ehemann - viele Beziehungsnuancen spiegelten sich in den Texten der Bildhauerin Käthe Kollwitz wider.

Ganz in den Bann der dichten Porträt-Musik-Collage gezogen, dankte das Publikum mit lebhaftem Applaus.

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