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Schieber und Schwarzhändler

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Mit grimmigem Blick macht sich der »Kohlendieb« auf zu seinem Beutezug. Er ziert die jüngsten Publikation der Arbeitsgemeinschaft Regionalgeschichte Lißberg zu den Nachkriegsjahren im Ort und der Region. © Corinna Willführ

ORTENBERG (cow). »Das Neue ist da« steht über den kleinen Plakaten, die auf die aktuelle Publikation der Arbeitsgemeinschaft Regionalgeschichte Lißberg, kurz ARgL, hinweisen. Auf 58 Seiten widmet sich das Herausgeber-Team den Nachkriegsjahren von 1945 bis 1950. Unter dem Titel: »Vom Kohlenklau« lernt man in dem Bändchen (DIN A5) mit Schwarz-Weiß-Fotos und ausgewählten Zeitdokumenten kennen, was die ehrenamtlichen, an lokaler Geschichte Interessierten zu »Kartoffelstopplern, Schiebern und Schwarzhändlerei« zusammengetragen haben.

»In einfacher Umgangssprache«, wie Autor Rudolf Beck sagt. Einen »literarischen oder gar wissenschaftlichen Anspruch«, so der 74-jährige habe ihre Veröffentlichung nicht. Wohl aber: »einen Beitrag zu leisten, das Dorfgedächtnis zu erhalten.« Etwa mit dem Abdruck einer Verfügung des Büdinger Landrats vom 13. Juni 1947: »Für Gutscheine über 3 Kg. Sammelknochen kann ab 1. Juni 1947 beim Handel ein Stück Kernseife (à 60 gr. Frischgewicht) bezogen werden.« Wie rar und deshalb wertvoll Güter des täglichen Bedarfs in der Wetterau auch nach Ende des Zweiten Weltkreis noch waren, zeigen die Beispiele, dass es Rasierseife und Schuhcreme nur auf Vorbestellung gab. Viel gravierender für die Bevölkerung war jedoch der Mangel an Nahrungsmitteln und Heizmaterial.

Für ihre Recherche haben sich Rudolf Beck sowie Manfred und Mechthilde Redling etwa im Stadtarchiv Ortenberg umgesehen, Sammelbände verschiedener Zeitungen der Zeit ausgewertet und die Sonderausgabe der Wetterauer Geschichtsblätter von 1994 durchgesehen. Ihr Anliegen lautet: »Wissen soll für alle zugänglich gemacht werden.« So beschäftigte sich das Team in früheren Heften etwa mit Szenen aus dem Dorfleben, Märchen und Sagen oder dem Erzabbau in der Region. Eine Publikation war zudem Schwickartshausen zum 1000-jährigen Bestehen gewidmet, eine weitere ist zu 50 Jahren Vogelschutz in Steinberg erschienen.

Um die Not an Brennmaterial in den Nachkriegsjahren, geht es auf den Seiten 47 bis 50. »Man musste herausfinden, wann der nächste Kohlenzug über die Schienen rattern würde. Beim Anfahren des Zuges, beim Rangieren oder in Kurven fielen immer wieder kleine oder größere Brocken von den hochbeladenen Waggons. Auch das Auflesen der Kohle wurde als Diebstahl gewertet und streng bestraft.« Was nicht neu war nach Kriegsende. Denn schon 1942 gab es die Propaganda-Aktion des NS-Regimes »Kampf dem Kohlenklau«, um Brennstoffe einzusparen, die für die Kriegsmaschinerie benötigt wurden. Die Figur, die auf dem Titel zu sehen ist, stammt denn auch aus jener Zeit: ein angsteinflößender ganz in Schwarz gekleideter Mann mit Schiebermütze, drohendem Auge, grimmigem Blick und einem Sack über der Schulter. »Geschaffen wurde diese Karikatur von Wilhelm Hohnhausen, einer Werbeagentur aus Stuttgart«, erfährt die Leserschaft. Woher die abgebildeten Dokumente im Einzelnen stammen, leider nicht. Indes: »Die Geschichtsdaten, die wir angegeben haben, sind alle doppelt geprüft«, versichert Rudolf Beck.

Publikation ab sofort erhältlich

Mit »Vom Kohlenklau« ist die »zwölfte oder 13. Publikation«, der ArGL erschienen, wie Beck sagt. Im zweiten Jahr ohne »Kaale Määrt«, an dessen Bedeutung das ArGL-Team für die Stadt Ortenberg festhält und mit dem Beitrag »E Steckelche vom kaale Määrt« in Mundart erinnert. Im Frühjahr 2022 wird entschieden, worum es im nächsten Heft gehen soll.

»Vom Kohlenklau - Kartoffelstoppler, Schieber und Schwarzhändler« ist in Lißberg, Hirzenhain, Bleichenbach und Ortenberg (auch in der Stadtverwaltung) zum Preis von 4,90 Euro erhältlich. Wo genau, ist an den kleinen Plakaten ersichtlich: die mit der bedrohlichen Karikatur.

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