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Schulstart: Es ist knapp

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Am Montag beginnt in Hessen das neue Schuljahr. Besonders die Grundschulen leiden unter einem Fachkräftemangel. Und die östliche Wetterau ist für umworbene Grundschullehrer nicht unbedingt das Ziel ihrer Wahl. © Imago Sportfotodienst GmbH

Am Montag beginnt das neue Schuljahr. Der Kreisverband Büdingen der Lehrergewerkschaft GEW berichtet von »erheblichem Unmut« in den Schulen. Besonders die Grundschulen und der förderpädagogische Bereich litten unter einem Lehrkräftemangel.

Wir kriegen es hin«, sagt Katrin Streb, die in Hirzenhain die Hugo-Buderus-Schule leitet, eine Grundschule mit 113 Schülern, und man denkt unweigerlich ein großes Aber mit. Die Stundentafel, die festlegt, wie viele Stunden in welchem Fach unterrichtet werden, werde komplett abgedeckt, wenn am Montag das Schuljahr 2022/2023 beginnt. »Aber wir sind mit Förderstunden unterversorgt, weil es nicht genug Lehrkräfte gibt«, sagt Streb.

Um den regulären Unterricht abzudecken, kommen Grundschulen nicht mehr ohne Vertretungslehrer aus, die befristet eingestellt werden und nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes in Hessen bezahlt werden, beispielsweise Lehramtsstudenten, Musik- oder Sportpädagogen.

Für den Sportunterricht in Hirzenhain ist ein Lehrer der Gesamtschule Gedern abgeordnet, die, so deren Schulleiter Thomas Dauth, »gut versorgt« und »voll besetzt« sei und deshalb Lehrkräfte an umliegende Grundschulen abgeben könne.

Östliche Wetterau ist wenig attraktiv

Wenn alle Kräfte zur Erfüllung der Pflicht aufgeboten werden müssen, bleibt für die Kür nicht mehr viel übrig. Arbeitsgruppen oder Fördergruppen fallen mancherorts unter den Tisch. »Wenn viele Lehrer fehlen und alle im Hauptunterricht gebraucht werden, gefährdet das auch die Ganztagsbetreuung«, so die Feststellung im Kreisverband Büdingen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Weil an allen hessischen Grundschulen Lehrer fehlen, könnten diese sich aussuchen, wo sie arbeiten möchten, sagt Sabine Weigandt, die mit der Stadtschule Büdingen die größte Grundschule im Altkreis Büdingen leitet. Die östliche Wetterau sei nicht gerade das bevorzugte Ziel junger Lehrer. »In Büdingen versuchen wir, aus unseren Gegebenheiten das Bestmögliche für die Schüler herauszuholen«, sagt Weigandt.

Weniger angespannt ist die Situation an den weiterführenden Schulen. 1 300 Schüler besuchen die Gesamtschule Konradsdorf, eine der größten Schulen im Landkreis. »Unser Stundenplan steht«, sagt Schulleiterin Birgit Bingel. Aber um Fächer wie Kunst und Musik trotz eines Fachlehrermangels in allen Stufen unterrichten zu können, bedürfe es organisatorischer Anstrengungen. Das gleiche gelte für Förderunterricht in Fächern wie Deutsch, Englisch und Mathematik sowie für das Fach Deutsch als Zweitsprache (DaZ), das in den vergangenen Monaten »enormen Zulauf« erfahren habe. »Dafür braucht es qualifiziertes Personal, deshalb versuchen wir, das mit Fachlehrern abzudecken. Es ist knapp, aber wir kriegen das hin«, so Bingel.

Dass es schwerer ist, eine Stelle im ländlich strukturierten Ostkreis zu besetzen, als in der Nähe zum Ballungsraum, räumt auch Dr. Rosemarie zur Heiden, Leiterin des Staatlichen Schulamtes für den Hochtaunuskreis und den Wetteraukreis, ein: »Man braucht schon eine Verbindung zu einem kleinen Ort, um dort hinzuwollen.«

Grundsätzlich sei die Versorgung mit Lehrkräften im Schulamtsbezirk aber gesichert, so zur Heiden. »Jede Klasse hat einen Klassenlehrer.« Und für jeden Lehrer, der ausfalle, erhielten die Schulen Ersatz.

Studenten und Quereinsteiger

Das Wort »Lehrermangel« werde medial aufgeheizt und sei für Hessen »überhaupt nicht zutreffend«, weil alle Schulen ausreichend mit Lehrpersonal versorgt würden, sagt der stellvertretende Pressesprecher des Hessischen Kultusministeriums, Philipp Bender. »Hinter jeder Stelle steht ein Mensch«, so Bender. Das seien nicht immer voll ausgebildete Lehrer, sondern auch Studenten oder Quereinsteiger, jene zuvor schon erwähnten Vertretungslehrer, von denen viele sich mit befristeten Verträgen von Schuljahr zu Schuljahr hangeln.

»Leider ist es wie in jedem Jahr so, dass Zahlen und Fakten aus Schulamt und Kultusministerium sehr spät - wenn überhaupt - kommen«, kritisiert Heidi Wallenfels, GEW-Vorstandsmitglied und Vorsitzende des Gesamtpersonalrats Schule für den Hochtaunus- und Wetteraukreis.

GEW moniert hohe Arbeitsbelastung

An den Schulen gebe es »erheblichen Unmut«, weil die Arbeitsbelastung in allen Schulformen steige. »Die personelle Situation im Wetteraukreis ist äußerst kritisch, bestimmte Fächer können nur noch mit befristet angestellten Personen ohne Lehramtsstudium unterrichtet werden«, so Wallenfels. Funktionsstellen würden oft mit erheblichen Zeitverzögerungen besetzt und befristete Verträge nicht verlängert.

Einen Fachkräftemangel räumt auch das Kultusministerium ein. Der Förderbedarf an den Schulen sei »riesig«. Und wachse. 2 500 Lehrerstellen müssten in Hessen in jedem Jahr neu besetzt werden. »Bei 25 000 Abiturienten jährlich heißt das, dass jeder zehnte Lehramt studieren müsste, um den Bedarf zu decken.«

Im Vergleich zur Wirtschaft sei der Bereich Schule aber noch »gut aufgestellt«, findet Bender.

Der Kreiselternbeirat erwartet, dass in Hessen Lehrkräfte »in Rekordmaß« fehlen werden. »Viele Lehrer gehen in den Ruhestand, gleichzeitig werden weniger Lehrer ausgebildet. Der Trend zu Teilzeit nimmt zu und auch Quereinsteiger werden rarer«, so Vorsitzender Thomas Seeling und Volkmar Heitmann, Vorsitzender des Landeselternbeirates. Zudem würden Inklusion und Ganztagesprogramme mehr Lehrkräfte voraussetzen, das sei heruntergespielt worden. »Die Schulleiter in der Wetterau berichten von zunehmenden Schwierigkeiten, Vertretungskräfte für Ausfälle zu finden - der Markt sei leergefegt«, zitiert Seeling. Der Unterrichtsausfall werde sich deshalb verstärken.

Sorgen bereitet den Elternvertretern auch die Pandemie. »Wir werden sehenden Auges mit Anlauf in die nächste Welle hineinlaufen«, prognostizieren sie. Das Infektionsschutzgesetz sehe beispielsweise in Grundschulen keinerlei Masken vor. »In den Bundesländern, die schon Schulbetrieb haben, sehen wir, dass nach der ersten Woche Klassen geschlossen werden und Lehrer und Schüler sich in hohen Zahlen krankmelden.« Der Kreiselternbeirat kritisiert, dass der Wetteraukreis sich »halsstarrig« weigere, die Fördergelder von Bund und Land für Luftfiltergeräte in größerem Umfang abzurufen und erst auf massisve Nachfrage Fenstergriffe montiert und Fenster repariert habe. Für 2 600 Klassenräume gebe es lediglich 146 Luftfiltergeräte. Außerdem habe der Kreis zu wenig CO2-Messgeräte angeschafft. »Wir wünschen uns schon seit Jahren eine langfristige Strategie für bessere Luftqualität in Klassenräumen. Das würde man mit Luftfiltergeräten mit Außenanschluss und Wärmerückgewinnung (Wärmetauscher) erzielen und nebenbei auch noch massiv Energie sparen und die Konzentrationsfähigkeit der Schüler verbessern. Der Kreis brüstet sich gerade in Pressemitteilungen mit Bauarbeiten an Schulen, aber in keiner der Meldungen wird erwähnt, dass Luftfiltergeräte eingebaut wurden. Die Schulen sind bei Heizkosten der größte Posten im Etat des Kreises.« VON JUDITH SEIPEL

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