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Schwieriges Gedenken

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Michael Keller berichtet am Mahnmal für die ermordeten Hirzenhainer Zwangsarbeiter über seine Forschungen zu dem Verbrechen. © Oliver Potengowski

Vor 77 Jahren wurden am Waldrand bei Hirzenhain 87 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ermordet. Zum Gedenken daran hatte die AntiFa BI eine Exkursion organisiert, bei der an den Massenmord erinnert und der schwierige Umgang mit dem Gedenken thematisiert wurde.

Am frühen Morgen des 26. März 1945, töten Soldaten der Waffen-SS am Waldrand zwischen Hirzenhain und Glashütten kaltblütig 81 Frauen und Männer, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, denen ein Entlassungsmarsch vorgetäuscht worden war. Die Antifaschistische Bildungsinitiative (Antifa BI) erinnerte mit einer Gedenkfahrt an dieses Verbrechen. Mit dem früheren Friedberger Bürgermeister Michael Keller, der die Geschichte des rassistischen Kriegsverbrechens in einem Buch dokumentiert hat, Karl Starzacher, Vorsitzender des Landesverbands Hessen des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge, und Dr. Götz Hartmann, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Volksbunds unter anderem die Kriegsgräberstätte im Kloster Arnsburg betreut, wurde die Gedenkfahrt von sehr kompetenten Referenten begleitet.

Pädagogischen Ansatz verfolgen

»Diese Veranstaltung wäre vor 1990 nicht möglich gewesen«, verdeutlichte Keller gleich zu Beginn seines Vortrags, dass die Erinnerung an die Ermordung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter selbst inzwischen ein Teil Nachkriegsgeschichte und ein Teil der Geschichte des Volksbundes ist. Starzacher wies darauf hin, dass der Verein früher offenbar kein Problem mit Alt- und Neonazis als Mitgliedern gehabt habe. Inzwischen sehe der Volksbund seinen Auftrag jedoch nicht nur in der Pflege von Kriegsgräbern. Mit dem pädagogischen Ansatz, die Folgen von Kriegen darzustellen, haben auch die zivilen Opfer stärker Beachtung gefunden.

77 Jahre nach dem Massenmord an Zwangsarbeitern in Hirzenhain erinnert ein Mahnmal am damaligen Tatort an das Verbrechen. Keller erläuterte, dass dieses Sandsteinkreuz erst seit 1990 am Waldrand aufgestellt wurde. Ebenso wie die Opfer des Verbrechens hat das Mahnmal eine bewegte Geschichte. Denn ursprünglich war es in der Ortsmitte als Teil einer Gedenkstätte errichtet worden. Als die Gemeinde Hirzenhain diese Gedenkstätte unter dem Vorwand einer Umgestaltung der Kreuzung auflöste, wurde das Mahnmal zunächst auf den Friedhof und später an den Ort des Verbrechens versetzt.

Eindringlich beschrieb Keller, wie am 26. März 1945 ein Erschießungskommando der SS die 87 Opfer des Massenmords zu einer zuvor ausgehobenen Grube am Waldrand geführt hatte. Obwohl Teile der Leichen aus der hastig zugeschütteten Grube ragten, dauerte es einen Monat, bis das Verbrechen und das Massengrab der amerikanischen Militärregierung gemeldet wurde. Diese ordnete an, das Grab zu öffnen und die Mordopfer zunächst auf den Friedhof und später in eine Gedenkstätte in der Ortsmitte umzubetten.

Gräber für SS-Männer

Dass diese Gedenkstätte 1959 aufgelöst und die Opfer in die Kriegsgräberstätte im Kloster Arnsburg erneut umgebettet wurden, stieß später auf Kritik. Schließlich sind dort auch frühere SS-Männer beigesetzt. »Diese Gefallenen aus der Waffen-SS-Einheit sind nicht die Täter von Hirzenhain«, betonte Hartmann. Er verwies darauf, dass die 31 Angehörigen der Waffen-SS im Vergleich zu den insgesamt 453 Toten, die in der Kriegsgräberstätte Kloster Arnsburg bestattet seien, »eine zahlenmäßig kleine Gruppe (sind), die viel Aufmerksamkeit auf sich zieht«.

Die Schwierigkeit einer würdigen Erinnerung an die Opfer des Massenmords an den Zwangsarbeitern wird nicht zuletzt in dem Innenhof des Klosters deutlich. So sind nicht nur deren Namen weitgehend unbekannt. Selbst hinsichtlich des Geschlechts gibt es unterschiedliche Angaben. So steht auf den meisten Gedenktafeln, dass 81 Frauen und sechs Männer am 26. März 1945 erschossen worden seien. Hartmann erläuterte, dass der Volksbund bei der Umbettung 1959 die Skelette der 87 Toten genau untersucht habe. Dabei habe sich gezeigt, dass die Opfer 76 Frauen und elf Männer gewesen seien. Nur bei Emilie Schmitz aus Luxemburg sind Identität und an welcher Stelle sie in der Kriegsgräberstätte beigesetzt ist, bekannt.

Die Gedenkfahrt verdeutlichte, dass auch fast acht Jahrzehnte nach Kriegsende die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus verbessert werden könnte und wohl auch sollte.

Mahnung vor Krieg und Gewalt

Obwohl die Organisatoren der jüngeren Generation angehören, waren die meisten der rund 30 Teilnehmer ältere historisch interessierte Frauen und Männer. Die Schwierigkeit, die Mahnung vor Krieg und Gewaltherrschaft zu vermitteln, hat auch der Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge. »Der Volksbund ist ein aussterbender Verein«, räumte Starzacher ein Generationenproblem ein. »Es ist absehbar, wann der Verein eine Mitgliederzahl hat, dass wir nicht mehr in der Bevölkerung verankert sind.«

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Dr. Götz Hartmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Karl Starzacher Vorsitzender des Landesverbands, und der frühere Friedberger Bürgermeister Michael Keller (v. l.) berichten im Kloster Arnsburg über die Probleme, die Identität der Opfer zu klären. © Oliver Potengowski

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