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Si tacuisses...

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Von: Christian Berg

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"Si tacuisses, philosophus mansisses." An den Spruch, der auf den spätrömischen Gelehrten Boëthius zurückgeht, muss ich denken, wenn sich mal wieder jemand ins Abseits geplappert, gepostet oder getwittert hat. "Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben." In Zeiten wie diesen passiert mir das immer öfter. Warum? Drei Beispiele für schlechte Schweiger aus dieser Woche.

*Das O und das V in Ovag stehen künftig für Oswin Veith. Der CDU-Politiker ist zum neuen Vorstand gewählt worden. Und das, obwohl der 58-Jährige noch bis 2021 die Interessen der Wetterau im Bundestag vertreten wollte. Er verspüre noch einmal Freude an einer neuen Herausforderung für die Region, sagte er nach der Wahl. Ist Berlin also keine Herausforderung mehr? Oder zu freudlos? Vor drei Jahren, im September 2016, hatte er Spekulationen um eine Rückkehr auf einen Posten in der Wetterau noch ins Reich der Fabeln verwiesen. Schon damals hieß es, Veith sei angeblich nicht abgeneigt, 2017 im Hauptberuf als Chef zur Ovag zu wechseln. Aber: "Ich bleibe in Berlin und vertrete weiterhin sehr gerne die Wetterau in der Bundeshauptstadt", sagte er. Das unterstrich er am 24. September 2017 noch einmal, nachdem er zum zweiten Mal das Direktmandat im Wahlkreis Wetterau I gewonnen hatte. Er werde seinen Beitrag zu einer stabilen Regierung über die volle Legislaturperiode von vier Jahren leisten. Das, sagte Veith, sei authentisch. Das fällt ihm jetzt auf die Füße.*Denn der Logik nach ist der Wechsel an die Ovag-Spitze zum 1. Januar 2020 und damit fast zwei Jahre vor dem Ende der laufenden Legislaturperiode des Bundestags also nicht authentisch - und trägt weiter zum Ruf der Ovag als Oberhessischer Versorgungsgesellschaft für lokale Politgrößen bei. In den eigenen CDU-Reihen hat sich Veith mit seiner Bewerbung nicht nur Freunde gemacht. Manche hätten offenbar lieber einen anderen Christdemokraten an der Ovag-Spitze gesehen. Und der Büdinger CDU-Mann Patrick Appel kommentierte auf der Facebook-Seite des Kreis-Anzeigers: "Als MdB bin ich über eine gesamte Legislaturperiode gewählt und nicht nur bis zu einem lukrativen Job, zu dem ich dann wechsele."*Mit seinem Wechsel zur Ovag und der Aufgabe des Bundestagsmandats hat sich für Veith vermutlich auch das Amt des Präsidenten des deutschen Reservistenverbandes erledigt. Darüber wird zumindest in hiesigen Reservistenkreisen spekuliert. Im November stehen Neuwahlen an. Da er dem Vernehmen nach in der Position nicht unumstritten sein soll und das Amt als Bindeglied zum Bundesverteidigungsministerium gilt, scheinen Veiths Tage als oberster Reservist gezählt.*Apropos Mandatsaufgabe: Klaus Dietrich ist nicht mehr Mitglied des Ortsbeirats in der Waldsiedlung. Er hat sein Mandat nach dem Aufruhr rund um die umstrittene Wahl von Stefan Jagsch zum Ortsvorsteher niedergelegt. Der NPD-Mann sei "immer freundlich, korrekt und diszipliniert", schreibt Dietrich in seiner Rücktrittserklärung. Ein "netter, gutmütiger Mensch". Keiner der sechs anwesenden Beiratsmitglieder habe die Mitgliedschaft von Stefan Jagsch in der NPD bei der Wahl "auf dem Schirm oder gar im Bewusstsein" gehabt. Zur Erinnerung: Jagsch, den Dietrich als Ortsvorsteher vorgeschlagen hat, ist stellvertretender Landesvorsitzender der rechtsextremen NPD, sein Name taucht 2015 im hessischen Verfassungsschutzbericht auf, er steht bei NPD-Kundgebungen in der ersten Reihe, vertritt vor laufender Kamera oder im Internet das Programm der NPD. Was hätte er noch tun können, um als Politiker einer rechtsextremen, verfassungsfeindlichen Partei erkannt und wahrgenommen zu werden? In Thor-Steinar-Klamotten zur Ortsbeiratssitzung kommen und die übrigen Mandatsträger mit ausgestrecktem rechten Arm begrüßen?*Die Wut und der Hass, die Häme und die Polemik, die im Netz über Greta Thunberg und die "Fridays for Future"-Bewegung ausgekübelt werden, ist kaum zu ertragen. Die Bewegung hat jetzt auch Büdingen erreicht, zum ersten Mal fand dort eine Klima-Demo statt, in Friedberg gingen jüngst 2000 Menschen auf die Straße. "Aber alle sind mit dem Auto hin", ätzte eine Nutzerin auf der Facebook-Seite des Kreis-Anzeigers. "Und jede Menge Müll hinterlassen", kritisierte ein anderer User. Belege dafür? Fehlanzeige! Ein ganz Findiger hat übrigens herausgefunden, dass die Schülerdemos "für das (nicht existente) Klima" nichts als eine "Inszenierung der satanistischen Elite" ist. Warum? Ist doch ganz logisch: "Fridays for Future" heißt abgekürzt "FFF". Das F ist der sechste Buchstabe im Alphabet. Also steht "FFF" für "666", die Zahl des Antichristen. Si tacuisses...

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