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Sirenen nur bedingt geeignet

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Auf dem Dach des Historischen Rathauses in der Schottener Altstadt ist eine Sirene installiert. Sie dient der reinen Feueralarmierung. © Stefan Weil

Sirenengeheul könnte in den aktuell schwierigen Zeiten eine ganz besondere Bedeutung zukommen - die sich niemand wünscht. Normalerweise dienen sie der Alarmierung der Feuerwehren bei Brandeinsätzen. Die Warnung per Sirenensignal vor besonderen Gefahren ist dagegen nur bedingt möglich, wie eine Nachfrage in Schotten und Nidda ergab.

Wenn der durchdringende Ton zu hören ist, weiß jeder: Er gilt der Feuerwehr. Die Sirene heult auf - die Brandschützer müssen in den Einsatz. Wie aber sieht’s aus, wenn die Bevölkerung vor besonderen Gefahren gewarnt werden muss? Taugen die Sirenen für solche Fälle?

Der Betrieb der Sirenen ist per gesetzlicher Regelung eine Aufgabe der Kommunen, teilt die Katstrophenschutzstelle in der Vogelsberger Kreisverwaltung in Lauterbach mit. Die Anlagen sind auch im Eigentum von Städten und Gemeinden. Hier hat sich der Bund aus seine früheren Verpflichtung zurückgezogen.

Bei der Alarmierung der Feuerwehr ertönt ein Dauerton über 60 Sekunden der zweimal unterbrochen wird. Das Signal ist bundesweit einheitlich. Die Feuerwehralarmierung hat für die Bevölkerung lediglich die Bedeutung, im Straßenverkehr gegebenenfalls auf Einsatzfahrzeuge zu achten.

Andere Töne und alte Anlagen

Ganz anders ist die Situation, wenn ein über 60 Sekunden auf- und abschwellender Heulton von den Sirenen abgegeben wird. Er warnt die Bevölkerung vor besonderen Gefahren. Zu den Verhaltensempfehlungen zählen unter anderem, Gebäude aufzusuchen sowie Fenster und Türen zu schließen und Lüftungsanlagen abzuschalten. Außerdem soll man Rundfunkgeräte einschalten und auf Durchsagen, vornehmlich regionaler Sender, achten.

Die Stadt Kassel empfiehlt zusätzlich zum Beispiel, sich nach Möglichkeit in hoch gelegene Stockwerke zu begeben und Passanten von der Straße aufzunehmen. Ein Dauerton von 60 Sekunden - als dritte Variante - bedeutet schließlich Entwarnung.

Die Alarmierung der Feuerwehr erfolgt heute meist über Funkalarmempfänger, sogenannte Pager, die die Einsatzkräfte in der Regel mit sich führen. Problem hierbei sind Funklöcher mit schlechtem Empfang oder eine zu geringe Zahl verfügbarer Empfänger. »Daher löst die Leitstelle bei größere Szenarien zusätzlichen Sirenen aus, um möglichst viele Einsatzkräfte zu alarmieren«, sagt Artur Ruppel, der Ehrenstadtbrandinspektor Schottens. Die Leitstelle ist auch für die periodischen Prüfungen der Funktionsfähigkeit der Sirenen zuständig. Alle zwei Monate, jeweils am dritten Samstag um 15 Uhr, wird im Vogelsbergkreis ein Sirenentest mit dem Ton der Feueralarmierung durchgeführt.

Nach wie vor können die zum Teil noch aus den 1960er Jahren stammenden Sirenen auch vor Ort über die in jedem der 15 Schottener Stadtteile installierten Druckluftmelder ausgelöst werden. Drückt man den Knopf, wird der voreingestellte Feueralarmton ausgelöst.

Nicht möglich sei es allerdings, so Ruppel weiter, den auf- und abschwellenden Heulton zur Warnung der Bevölkerung auszulösen. »Die Sirene als solche könnte solche Töne darstellen, aber die Geräte, über die die Leitstelle die Sirenenanlage ansteuert, können diesen Ton nicht initialisieren. Sie sind nur zur Feueralarmierung eingerichtet.« Auch eine direkte Steuerung per Hand sei bei den Anlagen in der Schottener Großgemeinde nicht zu machen.

Früher hätten die Sirenen den Heulton abspielen können. Aber in den 1990er Jahren sind die Steuergeräte ausgetauscht worden. »Die Heultonfunktion wurde nicht mehr vorgesehen, weil man dachte, man bräuchte es zukünftig nicht mehr«, betont Ruppel.

Auch die Katstrophenschutzstelle der Vogelsberger Kreisverwaltung teilt auf ihrer Internetseite mit, das derzeit Sirenen zur Warnung der Bevölkerung im Vogelsberg nicht ansteuerbar sind. Daraus folgt, dass über dieses Medium zum Beispiel eine Warnung vor akutem Hochwasser nicht ausgelöst werden kann, aber auch kein Luftalarm. Empfohlen wird den Bürgern daher, die App »Katwarn« auf Mobiltelefone zu installieren, um bei Gefahren in der unmittelbaren Umgebung sofort informiert zu werden. Dabei geht es um die wichtigsten Verhaltenshinweise.

Der stellvertretende Stadtbrandinspektor von Nidda, Michael Riesbeck, weist ebenfalls daraufhin, dass von der Leitstelle des Wetteraukreises zwar Feueralarm und Entwarnung ausgelöst werden können. »Andere Töne sind mit den alten analogen Anlagen aber nicht darstellbar. Ein Heulton zur Warnung der Bevölkerung bei Gefahrensituationen unterschiedlicher Art müsste per Hand eingestellt werden, was aber grundsätzlich möglich sei.

Für die Zukunft stünden aber große Veränderungen bevor. »Neue moderne Sirenen auf digitaler Basis sind mit Lautsprechern bestückt. Sie ermöglichen das Abspielen verschiedener Töne und auch Durchsagen.« Die Sirenen können dann auch von der Leitstelle über Funk angesteuert und somit auch besondere Gefahrenalarmierungen ausgelöst werden.

Ukrainer nicht noch mehr verängstigen

Auch in der Großgemeinde Nidda werden die Sirenen auf ihre Funktionsfähigkeit hin überprüft, und zwar einmal im Quartal. Allerdings wird dabei jetzt Rücksicht auf die Flüchtlinge aus der Ukraine genommen, die seit dieser Woche in den zentralen Notunterkünften des Wetteraukreises in der Niddaer Kernstadt aufgenommen werden. »Wir haben an die Leitstelle appelliert, den Prüfalarmtest auszusetzen, um die ohnehin schon traumatisierten Menschen aus der Ukraine nicht noch mehr zu verängstigen«, sagt Stadtbrandinspektor Pierre Benjamin Balser. Auch die normalen Feuerwehralarmierungen über Sirenen sind - wo möglich - ausgesetzt. Hier läuft die Alarmierung über die Funkmeldeempfänger und eine Handy-App. Das sei aber nicht überall möglich. »In Unter-Schmitten, Schwickartshausen oder Fauerbach müssen wir die Sirene noch einsetzen. Das lässt sich leider nicht ganz verhindern.«

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