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So sein wie Gott?

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Von: red Redaktion

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sda_pfarrer_270822_4c © pv

Mögen Sie Märchen? Ich lese sie immer noch gerne und nicht nur vor. Märchen haben häufig ein glückliches Ende. Anders scheint es bei der Geschichte vom »Fischer und syner Fru«.

Zum Inhalt: Ein Ehepaar wohnt in einer ärmlichen Behausung. Der Mann ist Fischer und macht eines Tages einen Fang, der sein Leben verändert: Ein Butt beißt an. Doch kein gewöhnlicher Fisch hängt an seiner Leine; es ist ein verwunschener Prinz. Dieser bittet um sein Leben, woraufhin der Fischer ihn zurück ins Wasser wirft.

Allerdings fordert seine Frau den Fischer auf, sich doch vom Butt eine Hütte zu wünschen. Der Prinz ist willig und der Wunsch geht in Erfüllung. Schon bald unzufrieden, verlangt die Frau nach einem Schloss. Danach will sie »König«, »Kaiser« und schließlich »Papst« werden. Der Prinz erfüllt alle Wünsche.

Am Ende wünscht sich die Frau des Fischers, wie Gott zu werden, woraufhin sich das Ehepaar überrascht in der ursprünglichen, ärmlichen Behausung wiederfindet.

Das Ende hat es in sich. Wurden der Fischer und seine Frau für ihre Gier und Maßlosigkeit bestraft? So kann man es sicher deuten. Muss man aber nicht. Denn wie lebte Jesus als Gottes Sohn unter den Menschen? Geradezu ärmlich.

Ist das arme Ehepaar nicht in der maroden Behausung Gott näher als die Mächtigen und die Wohlhabenden? Entfernt Macht und Wohlstand den Menschen von Gott? Eine durchaus provokante Pointe!

Wie der Fischer und seine Frau die Wendung erleben, erfahren wir nicht. Ob sie sich bestraft fühlen oder das Gefühl haben, ihr Wunsch sei in Erfüllung gegangen, bleibt unklar. Man würde ihnen Letzteres wünschen.

Wie wir Ereignisse im Leben bewerten, ist häufig eine Frage der Perspektive. Manchmal stellt sich ein scheinbares Unglück erst hinterher als Glücksfall heraus. Besonders in angespannten und unsicheren Zeiten in unserem Leben kann diese Rückbesinnung auf Gott uns ein Wegweiser sein.

Peter Hohmann

Prädikant, Synodaler und Mitglied im Vorstand der Kirchengemeinde Bruchenbrücken

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