Stadt kauft Pohl-Gönser Synagoge

Butzbach (thg). Die Stadt Butzbach kauft die ehemalige Pohl-Gönser Synagoge. Das hat der Haupt- und Finanzausschuss beschlossen. Genau gesagt bezieht sich der Beschluss auf eine Grundstücksfläche von 275 Quadratmetern in Pohl-Göns in der Gießener Straße 22a. Auf dieser Fläche steht das Gebäude.
Im Jahr 2018 hat Julian Lauth das Grundstück erworben. Die Fläche benötigte er als Lagerbereich für seine Schreinerei Holzfreude. Das Synagogen-Gebäude »ist ein Juwel in zweiter Reihe«, sagt der Firmeninhaber. Niemand habe damit etwas gemacht, niemand habe sich darum gekümmert. »Meine Idee war, dass ich das Gebäude retten könnte«, so Lauth. Die Zeit habe allerdings gezeigt, dass er nicht dazu komme.
»Es ist mir weiterhin wichtig, dass das Gebäude vernünftig hergerichtet wird«, sagt Lauth. Daher freut er sich, dass die Stadt Butzbach die Synagoge kauft. »Damit ist sichergestellt, dass damit etwas Gutes passiert.« Einen Teil der Grundstücksfläche behält Lauth für die Lagerung von Material. Daher verkauft er nur einen Teil des Areals.
Anbauten werden entfernt
An der Synagoge gibt es noch Anbauten aus der Zeit, als eine benachbarate Schreinerei das Gebäude für sich genutzt habe. Sie werden noch entfernt. Im Verlauf der vergangenen Jahre hat Lauth auch kleinere Erhaltungsmaßnahmen umgesetzt, wie er berichtet. Unter anderem habe er das Dach abgedichtet, damit sich der Zustand des Hauses nicht weiter verschlechtert.
»Es handelt sich um ein Denkmal. Damit ist auch die Nutzung eingeschränkt. Das ist auch richtig so«, sagt Lauth. In der Verantwortung der Stadt sei es nun möglich, die gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen, solch ein Kulturgut zu erhalten.
Bürgermeister Michael Merle sagte, Ziel sei es, das Denkmal zu erhalten und wiederherzustellen. Es soll auch wieder mit Leben gefüllt werden. Vorstellbar seien eine kulturelle, religiöse und soziale Nutzung. Aufgrund der Maße des Gebäudes könnten es nur kleinere Veranstaltungen sein. Merle führte an, dass in Butzbach in den vergangenen Jahren mehrfach das Chanukka-Fest gefeiert worden sei, unter anderem im Ratsherrensaal des historischen Rathauses. Er war zeitweise Gebetssaal der örtlichen jüdischen Gemeinde.
Darüberhinaus soll die Synagoge aber auch ein Informationspunkt werden, der das jüdische Leben im ländlichen Raum beleuchtet. Merle hofft, ein solches Projekt mit einer öffentlichen finanziellen Förderung umsetzen zu können. Das Bauwerk soll vor dem Verfall bewahrt und als Kulturdenkmal erhalten werden.
Die Stadt Butzbach erwirbt Fläche und Gebäude für 89 500 Euro. Der Bau in Pohl-Göns ist die einzige komplett erhaltene Synagoge auf Butzbacher Stadtgebiet. Baulich soll sie der Synagoge gleichen, die sich in der Kernstadt befand, an die heute am Synagogenplatz gegenüber des Hallenbads erinnert wird.
Für die Stadt Butzbach sei das noch erhaltene Synagogengebäude von einmaliger kulturhistorischer Bedeutung, heißt es in der Stellungnahme der Stadtverwaltung zum Antrag. Jüdische Kultur und Religion seien bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 ein anerkannter und wichtiger Teil des städtischen und dörflichen Lebens gewesen.
Unter anderem besteht eine enge Kooperation der Stadt Butzbach mit der jüdischen Gemeinde Bad Nauheim. Im Zuge dessen wurden in den vergangenen Jahren mehrere gemeinsame Aktivitäten veranstaltet, unter anderem in Verbindung mit der Verlegung von Stolpersteinen.
Pläne stammen aus dem Jahr 1926
Pläne für den Bau der Synagoge in Pohl-Göns stammen aus dem Jahr 1926, wie der Lokalhistoriker Werner Reusch zitiert wird. Im Buch »Synagogen und jüdische rituelle Tauchbäder in Hessen« von Thea Altaras ist die Bauzeit mit 1927 bis 1928 angegeben.
Die Gründung der israelitischen Gemeinde Pohl-Göns - mit Kirch-Göns - sei im Jahr 1866 erfolgt. Im Jahr 1830 habe es in beiden Orten 25 und im Jahr 1905 64 Juden gegeben. Die Synagoge sei zum Gottesdienst auch von Juden aus Lang-Göns und Niederkleen besucht worden.
Rund sieben mal sieben Meter groß ist die Grundfläche laut Planentwurf. Das Gebäude habe eine Würfelform und ein großes Walmdach, dessen Spitze vermutlich einen Davidstern trug.
In der Pogromnacht 1938 sei die Synagoge nicht angezündet worden, da das Gebäude unmittelbar neben einer Schreinerwerkstatt lag, ist dem Buch zu entnehmen. Das Synaogengebäude sei in den Besitz des christlichen Nachbarn übergegangen und sei von ihm als Abstellort für die Schreinerwerkstatt genutzt worden. Bei allen Veränderungen der Nutzung ist die Innenbemalung unter anderem der Decke in Teilen noch vorhanden.
Der Kauf der Synagoge kann laut Stadtverwaltung nicht über das »Leader«-Förderprogramm unterstützt werden. Die Umnutzung zum Kultur- und Begegnungstreff sei grundsätzlich zu 50 bis 60 Prozent förderfähig.
Ferner hätten die Denkmalbehörden signalisiert, dass eine Förderung für die Sanierung möglich sei. Das gelte vor allem für restauratorische Maßnahmen. Die Denkmalpflege bewerte es als »Glücksfall«, dass die Stadt das Gebäude kaufen wolle.





