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Tag und Nacht der Spiele

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Von: Andreas Matlé

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koe_Cover72_150922_4c © Andreas Matlé

»München 72« - die Zeitungen sind in diesen Tagen voller Berichte über die zweiten Olympischen Spiele auf deutschem Boden. Autor Markus Brauckmann hat ein Buch darüber geschrieben, das weit mehr ist als ein Sportbuch. Es ist ein Sittengemälde der damaligen Zeit. Über Zeitgeist, Lebensstil und das Attentat wird Brauckmann bei »Friedberg lässt lesen« sprechen.

Herr Brauckmann, es liegt gewissermaßen auf der Hand, 50 Jahre nach diesem Ereignis ein Buch zu schreiben. Was war zudem Ihre Motivation, sich mit dem Thema zu befassen?

Ich habe zwei Antworten. Zunächst die lustige. Ich war damals drei Jahre, wohnte in Dinslaken. Meine Eltern fuhren mit mir im Nachtzug nach München, schauten sich die Leichtathletik an, ich schlief auf dem Olympiaberg ein und nachts fuhren wir nach Dinslaken zurück. Irgendwann fragte ich meine Mutter, wie war das damals?

Die zweite Antwort?

Ich las das hervorragende Buch »Berlin 1936«. Danach sagte ich zu meinem Co-Autor, Gregor Schöllgen, Mensch, heute verfügen wir über wesentlich mehr Zeugnisse über München und Zeitzeugen - am Ende haben wir deren 21 befragt. Lass uns etwas über München machen. Schöllgen ist von Haus aus Historiker und im »Doppelpass« haben wir schon immer gut harmoniert. Es ist übrigens das einzige Buch zu dem Thema, bei dem keine Fotos von Sportlern oder dem Attentat auf dem Cover abgebildet sind.

Dafür das berühmte transparente Dach des Olympiastadions mit Zuschauern im Vordergrund.

Allein wegen dieses Bildes bekamen wir viele Reaktionen, weil das Foto offenbar bei vielen Menschen etwas Nostalgisches ausgelöst hat.

Sie sprechen vom Lebensgefühl der damaligen Zeit. Bedeutet das, das Buch hätte genauso gut über 1971 oder 1973 geschrieben werden können?

Nein. Denn München war tatsächlich das erste sportliche Weltereignis auf dem Boden der Bundesrepublik, das in alle Welt übertragen wurde, und es war ja auch beabsichtigt, damit das »neue« Deutschland zu präsentieren - der Gegenentwurf zu Berlin 1936. Während der Arbeit an diesem Buch hing über meinem Laptop ein Zettel mit der Frage: »Was war das damals für ein Land?«

Wie sind Sie vorgegangen, um dieses Kaleidoskop zu verfassen?

Im Buch behandeln wir Tag für Tag der Spiele und schildern anhand von Illustrierten, Tageszeitungen, Polizei- und Wetterberichten sowie den Interviews das Lebensgefühl. Anhand von Ulrike Meyfarth, die mit 16 Jahren sensationell Gold im Hochsprung gewann: Wie lebte damals ein Teenager? Da klingelten wildfremde Menschen an der Haustür und fragten die Eltern: Ist die Ulrike da, können wir die mal sprechen? Es ist gewissermaßen eine 70er-Jahre-Show aber eben mit diesem ganz besonderen Ereignis im Mittelpunkt, das von Beginn an als die »fröhlichen Spiele« bezeichnet wurde. Dabei sind wir auf manche bislang nicht allzu bekannte Details gestoßen - von komisch bis tragisch.

Steht das Attentat auf die israelischen Sportler, das Ende der fröhlichen Spiele, auch für eine Zäsur darüber hinaus? Stichworte: Rezession, Ölpreis-Schock, Jom-Kippur-Krieg, RAF.

Ja und nein. Einiges ist abgebrochen, anderes ging erst richtig los. Denn es ist danach doch viel passiert. Davor war es nicht üblich, dass ein 18-Jähriger mit dem Rucksack nach Australien flog und wir um die Ecke zum Thai zum Essen gingen. Deutschland begann die Welt zu entdecken, die Welt begann ein anderes Deutschland zu entdecken.

Sie schildern Dinge aus dem Jahr 1972, die aus heutiger Sicht unvorstellbar sind.

Irre, nicht wahr? Beispielsweise der »Stern«-Titel auf dem ein Afrikaner und seine weiße Frau abgebildet sind. Darunter die Schlagzeile: »Mein Schwiegersohn, der Neger. Ein Großkaufmann gestand dem »Stern«, er würde sich einen Weißmacher für seinen Schwiegersohn ein Vermögen kosten lassen.« Nun war der »Stern« alles andere als rechts. Das bedeutet: So etwas war Normalität, da hat sich keiner etwas dabei gedacht.

Haben Sie noch ein Beispiel?

Ja, Franz Josef Strauß, Vorsitzender der CSU, stichelte im Wahlkampf: »Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder.« 1972 lief übrigens der Film von Rosa von Praunheim, »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt« im Fernsehen, ein Tabubruch, der Bayerische Rundfunk schaltete sich aus. 49 Jahre später überreicht Markus Söder dem schwulen Aktivisten Dietmar Holzapfel für seine Verdienste den Bayerischen Verdienstorden. Das nenne ich eine Fallhöhe.

Eine der Überraschungen für Sie?

Erstaunlich, wie sehr die Nachkriegsdeutschen bereit waren, für Olympia das Leistungsbewusstsein der Aufbaujahre hintenan zu stellen. Eine Schlagzeile der »Abendzeitung« beschreibt das perfekt: »Die anderen siegen - wir bleiben heiter.«

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Markus Brauckmann, geboren 1968, ist Autor und Regisseur. Zuletzt gewann er die »Romy« für seinen Film über Niki Lauda. © Andreas Matlé

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